Sendedatum: 15.11.2018 10:45 Uhr

"Es geht es nicht darum, Richter zu spielen"

von Petra Volquardsen

Der Raum mit der blauen Tür und dem knallgelben Hinweisschild "Streitschlichtung" ist nicht zu übersehen. Drinnen ein runder Tisch mit Stühlen, eine Teeküche. "In jeder zweite Pause sind hier zwei, drei Kinder, die für diejenigen da sind, die Streit haben und den gerne schlichten wollen", sagt Celina. Die 15-Jährige ist ausgebildete Streitschlichterin an der Stadtteilschule Mümmelmannsberg.

Die Schüler Ozan, Melis und Jason (v.l.n.r.) von der Stadtteilschule Mümmelmannsberg. © NDR Foto: Petra Volquardsen

Streitschlichter - Schüler helfen Schülern

NDR 90,3 -

An vielen Schulen gibt es so genannte Streitschlichter. Sie vermitteln bei Konflikten zwischen Mitschülern und leisten so einen Beitrag zu einem gerechteren Miteinander im Schulalltag.

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Streit spielen, um Streit zu schlichten

Fatma aus der 8. Klasse ist hingegen noch ganz frisch dabei. Gerade waren sie und die anderen im Schullandheim. Eine Woche, um sich auf die neue Aufgabe vorzubereiten: "Erst mal mussten wir lernen, wie man einen Streit schlichtet, dann haben wir auch selbst Streits geschauspielt. So hat man alles gelernt." Die Neuen werden nicht nur von den Lehrern, sondern auch von den älteren, erfahrenen Streitschlichtern ausgewählt.

"Es geht es nicht darum, den Richter zu spielen"

Die Fälle, in denen die Schlichter vermitteln: Streitereien in der Klasse oder auf dem Schulhof, wie es sie an wohl jeder Schule gibt: Pöbeleien, Rempeleien, Raufereien. Um einen solchen Streit zwischen Mitschülern zu schlichten, gibt es einen Fünf-Punkte-Ablauf, der zur Erinnerung auf einem Zettel an der Wand steht. Ganz wichtig: Beide Seiten werden gehört. "Also sie erzählen jeder aus ihrer Perspektive, wie das überhaupt entstanden ist, dass der eine den anderen beleidigt hat", erklärt Streitschlichterin Talia den Ablauf. Und beim Streitschlichten geht es nicht darum, den Richter zu spielen, fügt Talia hinzu: "Die Streitschlichter machen keine Lösungen, sondern die Streitenden. Als Streitschlichter bist du neutral, du erzählst zwar deine Meinung dazu, aber die sollte möglichst neutral sein."

Auch Lehrer sind nicht immer gerecht

Lehrerin Birgit Claussen hat das Streitschlichter-Projekt vor einigen Jahren an die Schule geholt. Ihr ist bewusst, dass sie und ihre Kollegen es nicht immer schaffen, so gerecht zu sein, wie sie es gern wären. "Wir Lehrer werden den Kindern in solchen Streits nicht immer gerecht. Wir haben im Unterricht oftmals nicht so viel Zeit und dann urteilen oder verurteilen wir zu schnell. Und ich finde, das Projekt hat für mehr Gerechtigkeit an der Schule gesorgt."

Wie groß das Gerechtigkeitsempfinden jedes einzelnen Kindes ist, das ist für Lehrerin Claussen ganz unterschiedlich: "Es gibt Kinder, die haben ein unglaubliches Gerechtigkeitsempfinden und die wählen wir auch gern als Streitschlichter aus. Denn das ist eine Fähigkeit, die ganz guttut. Und wenn man ein Gefühl dafür hat, da ist etwas nicht gerecht, ist man schon gut dabei."

Die Welt im Kleinen gerechter machen

An allen Ungerechtigkeiten auf der Welt können die Schülerinnen und Schüler nichts ändern. Durch ihren Einsatz als Streitschlichter helfen sie aber zumindest in ihrem direkten Umfeld, in der Schule, den Alltag ein Stück gerechter zu machen. Und das macht Spaß und fühlt sich gut an, meint Talia: "Wenn du einen Streit geklärt hast und dann gehst du durch die Schule und siehst, wie die beiden Personen wieder zusammen sprechen, lachen oder spielen, das ist für einen selber ein gutes Gefühl, dass man jemandem sehr geholfen hat."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 15.11.2018 | 10:45 Uhr