Der digitale Wandel fordert ein Grundeinkommen

Was spricht für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland? Ein Gastkommentar des Wirtschafts- und Politikwissenschaftlers Bernhard Neumärker für die ARD-Themenwoche "Gerechtigkeit".

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Für Bernhard Neumärker sichert das Grundeinkommen Teilhabe für alle.

Infolge des digitalen Wandels und der "Roboterisierung" ist zu erwarten, dass Fordern und Fördern à la Hartz IV scheitert. Langfristige Vollbeschäftigung wird einer organisierten Projektbeschäftigung weichen, was hohe wie niedrige Einkommensschichten treffen wird. Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) ist es also keineswegs, Faulheit zu fördern, sondern eine grundsätzliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auch in Zukunft sicherzustellen.

Denn dadurch, dass jeder Bürger von der Geburt bis zum Tod monatlich ohne jegliche Bedingung, Gegenleistung oder Bedürfnisprüfung einen Geldbetrag bekommt, fördert das BGE nicht nur autonomen Konsumgüterverbrauch, sondern auch individuelle Zeitsouveränität im Sinne selbstbestimmter Arbeit. Damit trägt es entscheidend zu einer umfassenden Freiheit von Konsumenten bei.

Wir werden Roboterarbeiten mit Grundeinkommen besteuern müssen

UMFRAGE
Mögliche Antworten

Wie finden Sie die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens?

Sobald Maschinen einen Großteil der Arbeit erledigen, wird das BGE ein Sozialstaatssystem sein, das die Arbeitsstunden-Verknappung für menschliche Arbeit und damit sinkendes Potenzial der Einkommensgenerierung über Arbeitsmärkte abfedert. Das Fördern per Chancengerechtigkeit am Arbeitsmarkt wird hingegen ins Leere laufen, sobald die Chancen Arbeit zu bekommen trotz guter Ausbildung gegen Null laufen und menschliche Arbeitskraft unendlich schnell umlernen müsste, um auf stets neuen Automatisierungen arbeitsplatzerhaltend antworten zu können.

Dafür ist ein höheres Freizeit-Freiheitspotenzial aus der extrem hohen Produktivität der Roboter und "Künstlicher Intelligenz" generierbar. Das grundlegende Verteilungsproblem ist dann, dass die Eigner der Roboter die Kapitalerträge aus "Kapitalarbeit" behalten wollen, während zur Finanzierung des BGE eine Besteuerung der Roboterarbeit (wie der menschlichen Arbeit) herangezogen werden könnte.

Kommentar

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Ein Grundeinkommen stärkt Arbeitnehmerrechte

Auch ansonsten bewirkt ein BGE eine gerechtere Verteilung von Arbeit, denn einige bekommen keine Arbeit, andere müssen teilweise unbezahlte Mehrarbeit leisten. Diese ungleiche Verteilung von Arbeit führt leicht zur Ausbeutung der Arbeitenden, da Betroffene fürchten, ihren Job zu verlieren.

Durch ein BGE können Arbeitnehmer freiwillig dem Arbeitsüberdruck entgehen, und Arbeitgeber müssen diese Ausweichoption beachten und können individuelle Arbeitsbelastung oder Ausbeutung nicht so extrem hochfahren. Hier führt das BGE zu einer Stärkung der relativen Position der Arbeitnehmer.

Häufig wird dagegen ins Feld geführt, dass bestimmte und gesellschaftlich essenzielle Arbeit unattraktiv werden würde. Stichwort: "Wer will dann noch Müllmann und Putzfrau machen?" Aber: Wenn Müllabfuhr und Sauberkeit wichtige Tätigkeiten in der Gesellschaft sind, werden sie mit BGE erstmals angemessen bezahlt, denn die Entlohnung steigt entsprechend der Wertschätzung und des Wettbewerbs um Arbeitskräfte am Arbeitsmarkt.

Selbstbestimmte Berufswahl statt Diktat des Geldes

Ausbeutungsverhältnisse wie unter Fordern und Fördern nach Hartz IV für unbeliebte, wenig qualifizierte Jobs entfallen dadurch. Markt- und Wettbewerbswirtschaft kommen durch das BGE erst richtig in Gang und führen nicht zu ständigem Drang nach kostensenkenden Ausbeutungsverhältnissen, die man im jetzigen System notdürftig durch den Minimallohn zu mildern sucht.

Zur Person

Prof. Dr. Karl Justus Bernhard Neumärker ist seit 2004 Professor an der Uni Freiburg und leitet die Abteilung Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte sind soziale Gerechtigkeit, Reform-, Macht- und Konfliktökonomik.
Kontakt Uni Freiburg

Zudem erleichtert das BGE die selbstbestimmte Berufswahl. Im Handwerk kann die Ausbildungsvergütung ja auf das BGE aufgeschlagen werden, womit entsprechende Beschäftigungsengpässe verringert werden können und interessierte Schulabgänger nicht das Handwerk meiden, weil ihnen die Entlohnung zu gering erscheintIm Studium können die eigenen Interessen und Neigungen die Fächerwahl bestimmen - und weniger die Einkommensperspektiven. Entsprechend ist zu erwarten, dass es auch im Konsum Umgewichtungen gibt, da Fächer wie Kunst, Musik und Sprachen mehr Gewicht bekommen.

Auch kann ein BGE zu steigender Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern beitragen. Viele Frauen ziehen kooperative, nicht wettbewerbsorientierte Arbeitsformen dem eher männlich geprägten Buhlen um Status und Geld vor. Wenn der finanzielle Druck nachlässt, können Frauen leichter in solche Jobs wechseln - beispielsweise in den in der heutigen Wirtschaftswelt relativ schlecht bezahlten Pflege- und Reha-Sektor.

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