Stand: 13.11.2018 20:30 Uhr

Patienten-Not: Großer Mangel an Therapeuten

von Kaveh Kooroshy

Landauf, landab fehlen die Therapeuten in den Heilberufen Physiotherapie, Ergotherapie, Podologie und Logopädie. Für die Patienten sind die Folgen dramatisch, denn ohne ausreichend Therapie verschlechtert sich häufig ihr Gesundheitszustand. In der Kritik stehen auch die hohen Schulkosten für Auszubildende, nur wenige können sich die Ausbildung überhaupt leisten.  

Physiotherapeut Olav Gerlach (hinten) und Monika Hartert © NDR Foto: Screenshot

Patienten leiden unter Therapeuten-Mangel

Panorama 3 -

Schlechte Bezahlung und hohes Schulgeld während der Ausbildung: Im Norden fehlt es an Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. Darunter leiden die Patienten.

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Physiotherapeut Olav Gerlach ist auf Hausbesuch bei Simone Hartert. Langsam dehnt er ihren Arm zur Seite. Zwanzig Minuten Zeit hat er, um sich um seine Patientin zu kümmern. Simone Hartert hatte vor über 20 Jahren einen Schlaganfall und erkrankte vor neun Jahren an Multipler Sklerose. Sie sitzt im Rollstuhl und ist dringend auf die Physiotherapie angewiesen: "Das muss immer gemacht werden, sonst tut das noch mehr weh. Wenn er nur einmal die Woche kommt, dann sind das Schmerzen ohne Ende", erzählt sie.

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Physiotherapeut Olav Gerlach kümmert sich einmal pro Woche um Monika Hartert. Für mehr Termine reicht seine Zeit nicht.

Eigentlich bräuchte sie noch häufiger Physiotherapie, damit sich ihr Gesundheitszustand nicht verschlechtert. Das sähen auch ihre Ärzte und die Krankenkasse so, doch es seien keine Termine verfügbar, sagt Olav Gerlach. "Es gibt wirklich viele Patienten, die eine deutlich intensivere Behandlung mit drei bis fünf Terminen in der Woche benötigen, aber es ist einfach nicht realisierbar, weil wir das personell nicht hin bekommen." Die Folgen für die 45-jährige Simone Hartert sind dramatisch: Ihre Mobilität nimmt ab und sie hat die Sorge, dass sie in ein Pflegeheim muss, wenn es so weiter geht.

Nicht genügend Therapeuten

So wie ihr geht es vielen in Deutschland. Der Grund ist ein massiver Fachkräftemangel in den Heilberufen Physiotherapie, Ergotherapie, Podologie und Logopädie. Es gibt schlichtweg nicht genügend Therapeuten. Viele Patienten bekommen nicht die benötigte Behandlung und ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich oder stagniert.

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Berufsstart mit Schulden? Logopädie-Azubi Marie Röder hadert mit dem hohen Schulgeld.

Fragt man Therapeuten wie Olav Gerlach, liegt die Ursache in der vergleichsweise schlechten Bezahlung und den ungünstigen Arbeitszeiten. Viele Therapeuten suchten sich nach ein paar Berufsjahren einen anderen Beruf, erklärt Olav Gerlach. Rund 2.200 Euro verdient ein ausgebildeter Physiotherapeut, wenn er nach Tarif bezahlt wird. In privaten Praxen liegt der Satz häufig darunter. Dazu kommt, dass die meisten Auszubildenden im Gegensatz zu anderen Berufen keine Vergütung bekommen, sondern Schulgeld bezahlen müssen. So wie Marie Röder. Die 24-jährige besucht in Kiel eine Logopädenschule: "Ich werde in zwei Jahren meinen Abschluss machen und dann mit 15.000 Euro Schulden ins Berufsleben starten. Das ist wirklich keine gute Basis für eine junge Frau wie mich, mit solchen Schulden im Hinterkopf."

Patienten bieten Geld für Termine

Dabei würde sie als Logopädin dringend benötigt. In Hamburg etwa sind Behandlungstermine heiß begehrt. Logopädin Lara Menn berichtet Panorama 3, wie ihr eine verzweifelte Mutter sogar Geld angeboten habe, damit ihr Sohn die dringend benötigte Therapie erhalten könne. Lara Menn hat das Angebot abgelehnt, leid tut es ihr für die Mutter trotzdem: "Sie sagte, dass sie sehr dringend diesen Platz bräuchte und flexibel sei. Sie könne ihren Sohn zu jeder Tageszeit bringen und sei auch bereit, Geld zu zahlen, damit sie diesen Platz bekomme." Auch andere Therapeuten berichteten Panorama 3 von ähnlichen Erfahrungen.

Schulgeld soll abgeschafft werden

In der Politik ist der Notstand angekommen, im Koalitionsvertrag der Bundesregierung aus CDU und SPD wurde die Schulgeldfreiheit für Berufe wie Logopäde oder Physiotherapeut als politisches Ziel aufgenommen. Von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn heißt es dazu: "Der Zugang zu diesen Berufen muss vereinfacht und das Schulgeld für Auszubildende endlich abgeschafft werden. Dazu will ich zusammen mit den Bundesländern ein gemeinsames Konzept erarbeiten." Doch wann dieses Konzept genau kommt und inwiefern der Bund die Länder bei der Umsetzung finanziell unterstützt, ist noch unklar.

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Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg nimmt den Bund in die Pflicht.

Manche Bundesländer wollen darauf nicht warten. Bayern hat die Abschaffung des Schulgeldes bereits beschlossen. In Norddeutschland gibt es zwar auch solche Pläne, bisher sind sie aber noch nicht umgesetzt. "Wir suchen hier in Schleswig-Holstein intensiv im Rahmen der Haushaltsberatungen nach einem Weg", sagt Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) gegenüber Panorama 3. "Aber ich möchte auch nicht den Bund aus seiner Pflicht entlassen", so Garg. Man denke über eine Zwischenfinanzierung nach, eine Entscheidung gäbe es vielleicht schon in wenigen Wochen. 

In Niedersachsen steht die Abschaffung des Schulgeldes für die sogenannten Heilberufe zwar im Koalitionsvertrag, ist aber im derzeitigen Haushalt noch nicht eingeplant. Vor August 2020 sei keine Übernahme der Kosten vorgesehen, heißt es aus dem niedersächsischen Kultusministerium. Auch ist noch offen, ob es sich lediglich um einen Zuschuss handelt oder die Kosten in voller Höhe finanziert werden.

Bremen übernimmt inzwischen 41 Prozent der Schulgeldkosten für die Heilberufe-Ausbildung, in Mecklenburg-Vorpommern ist bisher keine Abschaffung vorgesehen. Hamburg möchte eine Lösung auf Bundesebene abwarten.

Der Therapierückstand bleibt dennoch

Bis eine Abschaffung des Schulgeldes tatsächlich mehr Auszubildende in den Beruf bringt und auch die Patienten eine Verbesserung spüren werden, werden wohl noch Jahre vergehen. Monika Hartert hofft, dass sie ihren Zustand bis dahin zumindest halten kann.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.11.2018 | 21:15 Uhr