Stand: 10.11.2019 06:00 Uhr

Wenn Studenten zu engen Vertrauten werden

von Marc Kramhöft

Zwei junge Frauen sitzen an einem Tisch, vor ihnen liegt ein großes Plakat. "Was brauchen Mentees?", steht eingekreist in der Mitte der weißen Blätter. "Klare Regeln", ist die Antwort von Mareike. Kira ergänzt ein anderes Stichwort: "Wertschätzung". Doch wer oder was sind Mentees? Mareike und Kira sind Studentinnen in Kiel und Mentoren: Sie nehmen sich Zeit für Teenager, die zum Beispiel aus wirtschaftlich schwächeren Familien kommen - ihre Mentees.

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Mareike (r.) und Kira überlegen, wie sie die Arbeit mit ihren Mentees effektiv gestalten können.
Studenten kümmern sich um Acht- und Neuntklässler

Die Kieler Studentinnen engagieren sich ehrenamtlich im Verein Rock Your Life, auf deutsch etwa: Bewege dein Leben. Die Ehrenamtlichen in dem Verein helfen Jugendlichen - meist Acht- und Neuntklässlern einer Gemeinschaftsschule - bei Hausaufgaben oder gehen mit ihnen zum Sport. Heute nehmen Mareike und Kira an einem Mentoren-Training teil, zu dem die Übung mit den Plakaten gehört.

Mareike betreut 17-jähriges Mädchen aus dem Irak

Mareike ist 28 Jahre alt und studiert Europäische Ethnologie sowie Kunstgeschichte an der Kieler Christian-Albrechts-Universität. "Ich bin durch einen Zettel auf dem Klo auf Rock Your Life gestoßen", erzählt sie lachend. Seit einem knappen Jahr ist ein 17-jähriges Mädchen ihr Mentee - ursprünglich aus dem Irak, mitten in der Pubertät, auf dem Weg zum Schulabschluss.

Regelmäßige Treffen im Café oder zu Hause

"Sie brauchte vor allem jemanden, mit dem sie reden konnte. Über ihre Ziele und wie sie die erreichen kann", sagt Mareike. Deshalb haben sich die beiden oft getroffen, etwa zum Kaffee trinken oder zum gemeinsamen Kochen. Knapp ein Jahr arbeiten sie nun zusammen. Mareike hat eine positive Entwicklung festgestellt: "Auf jeden Fall wurde sie ein bisschen selbstbewusster. Ich hatte das Gefühl, dass sie irgendwann besser einschätzen konnte, was sie eigentlich möchte und wie sie dazu kommt."

Größtes Problem sind kurzfristige Absagen

Doch ganz ohne Probleme verlief das Jahr nicht. Ab und zu habe es an der Kommunikation gehapert, sagt Mareike: "Da hat es dann doch mal kurzfristige Absagen vor einem Treffen gegeben." Die 28-Jährige nimmt es jedoch locker: "Zum Glück bin ich ja 'nur' ihre Mentorin und nicht ihre Lehrerin."

Studentin lernt auch Dinge über sich selbst

Deshalb hat sie auch zwischendurch nicht daran gedacht, das Ehrenamt aufzugeben. "Es ist das erste Mal, dass ich mich in dieser Form engagiert habe, das finde ich spannend." Außerdem hat Mareike auch an sich selbst neue Seiten entdeckt: "Vorher habe ich viel im Bereich Politik und Kultur gemacht, nie etwas Soziales." Durch ihren Mentee habe sie gemerkt, dass ihr die Arbeit mit jüngeren Menschen großen Spaß mache.

Rock Your Life an drei Standorten in Schleswig-Holstein

Am Standort in Kiel gibt es aktuell insgesamt sieben dieser sogenannten Mentoring-Paare. Insgesamt ist der Verein Rock Your Life in drei Städten in Schleswig-Holstein vertreten, auch in Flensburg und in Lübeck, dort gibt es sogar 20 Mentoring-Paare. Deutschlandweit haben sich inzwischen knapp 50 Standorte etabliert.

Verantwortungsbewusstsein ist nötig

Bei Rock Your Life kann sich jeder engagieren, der an einer Universität oder Hochschule eingeschrieben ist. "Verantwortungsbewusstsein ist wichtig, und natürlich, dass man mit Jugendlichen gut umgehen kann", weiß Mareike aus Erfahrung. Wegen der Arbeit mit Kindern müssen Interessierte außerdem ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. In drei Trainings pro Jahr lernen die Mentoren, wie sie mit ihren Mentees die besten Erfolge erzielen können - so wie heute Mareike und Kira, die ihr Plakat inzwischen um das Stichwort "Mitspracherecht" ergänzt haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 10.11.2019 | 18:05 Uhr