Stand: 12.11.2019 17:20 Uhr

Soziologin Allmendinger kritisiert Bildungssystem

Darüber, dass Bildung ungeheuer wichtig und einer der wesentlichsten Bausteine der Zukunft ist, herrscht weitgehend Einigkeit. Uneinig ist man sich, wenn es um die Frage nach dem "Wie" geht. Ein Gespräch mit der Bildungssoziologin Jutta Allmendinger.

Frau Allmendinger, sprechen wir von Bildung, dann zumeist von Wissensaneignung, berufs- und karriereorientiert, wirtschaftlich, naturwissenschaftlich. Welchen Stellenwert messen Sie der musischen Bildung bei?

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Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin.

Jutta Allmendinger: Ich würde die musische Bildung überhaupt nicht von anderer Bildung unterscheiden. Sie ist extrem wichtig, hat sehr viele mathematische Komponenten, beispielsweise beim Verstehen von Kompositionen. Sie hat aber auch ganz viele das Herz und den Verstand öffnende Komponenten, was wir in vielen kleinen Untersuchungen gesehen haben, bei denen wir Kindern eine oder zwei Stunden in der Woche musische Bildung, beispielsweise an der Komischen Oper, haben zukommen lassen. Dabei haben wir gesehen, dass den Kindern die Bildung insgesamt wesentlich besser zufliegt als zuvor.

Seit Jahren wird festgestellt, dass die soziale Herkunft eine sehr große Bedeutung hat im Zusammenhang mit der Aneignung von Bildung. Warum hat sich da, obwohl wir das seit Jahren wissen, bis heute so wenig geändert?

Allmendinger: Wir hatten einfach nicht genügend Interessensgruppen. Auch wenn wir über die musische Bildung sprechen, sehen wir diesen extrem großen Herkunftseffekt. Auch, wenn wir über diese neue Studie sprechen, wo es um die Digitalität geht, haben wir diesen Herkunftseffekt - er zieht sich durch. Wir geben nicht entschlossen genug mehr Geld so früh wie möglich in das System, in die Kitas hinein. Wir holen die Kinder nicht bei ihren Eltern ab. Wir warten zu lange, wenn Flüchtlinge ins Land kommen, mit einer gezielten und umfassenden Bildung. Wir reduzieren Bildung zu sehr auf kognitive Wissensausbildung. Wir wissen, um was es geht, aber leider fehlt die Interessenspolitik dieser Personen. Sie gehen nicht auf die Straße wie die Fridays-for-Future-Leute - das müssen wir tun. Und wir müssen endlich den Betroffenen klarmachen, dass sie nicht zu dumm sind, sondern dass es die Institutionen sind und die geringeren Chancen, die wir ihnen von Anfang an gegeben haben. Gerade die Bildungsarmen, die ihren Misserfolg internalisieren, denken, sie sind zu blöde - das zeigen viele Studien.

Das derzeitige Nonplusultra in der Bildungspolitik scheint das Digitale zu sein. Beherrscht der Nachwuchs nicht früh genug Computer, Tablet und Smartphone, dann ist die Zukunft schon gelaufen, bevor sie überhaupt angefangen hat. Halten Sie das Digitale in der Bildung auch für das wichtigste Element derzeit?

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Allmendinger: Zumindest können wir nicht über Digitalisierung sprechen und über die neuen Herausforderungen, denen wir im Arbeitsmarkt, aber auch in den sozialen Medien gerecht werden müssen, wenn wir den Kindern nicht früh das Handwerk beibringen. Wenn wir uns die Ergebnisse der neuen Untersuchung zu den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich anschauen, sehen wir, wie schlecht Deutschland dasteht. Das muss sich nicht nur ändern durch eine größere Infrastruktur an digitalen Medien in der Schule, sondern auch durch das Beibringen, wie man mit diesen Geräten umgeht - sowohl technisch als auch individuell. Man muss auch das Neinsagen, man muss auch die Abstinenz lernen können.

Vor fast acht Jahren haben Sie das Buch "Schulaufgaben. Wie wir das Bildungssystem verändern müssen, um unseren Kindern gerecht zu werden" geschrieben. Was hat sich seither getan?

Allmendinger: Wir haben die Dreistufigkeit unseres Schulsystems in eine Zweistufigkeit verwandelt. Damit ist aber leider eine stärkere Segregation einhergegangen. Die Unterschiede zwischen Schulen sind größer geworden, auch aufgrund der enormen Verdichtungen sozial benachteiligter Kinder in bestimmten Stadtteilen. Wir sind nicht richtig weit gekommen mit dem "gemeinsamen Lernen". Wir geben nicht genug Geld aus für die Schulen in den bedürftigen Stadtvierteln. Wir haben immer noch keinen guten Weg gefunden, das "soziale Lernen" in den Schulen zu integrieren, diese Kinder in die Öffentlichkeit zu bringen und die Öffentlichkeit in die Schulen. Es sind immer noch rigide Mauern vorhanden, die unserer Jugend alles andere als gut tun. Von daher fällt meine Bilanz sehr schlecht aus. Wir müssen feststellen, dass Bildung noch eine wesentlich größere Funktion hat als früher, was die Integration in die Gesellschaft anbetrifft.

Was müsste getan werden?

Allmendinger: Die Bildungsarmut muss abgeschafft werden. Es gibt keinen Grund, dass 17 Prozent unserer jungen Bevölkerung nicht einmal die Grundkompetenzen hat. Da geht es mir nicht um die Spanne, sondern um ein Mindestmaß, was die Leute bekommen müssen. Jeder ist dazu geeignet - das sehen wir in sehr vielen Vergleichsstudien mit anderen Ländern.

Das Zweite wäre die Öffnung der Schulen, der beruflichen Ausbildung und der Hochschulausbildung für alle Altersgruppen. Es gibt viele Spätentwickler, die die Möglichkeit haben müssen, noch einmal in ordentliche Schulen zurückzukommen. Wir brauchen Universitäten, die offen sind für eine zweite Ausbildung.

Das Dritte ist, das Ansinnen nicht nur für den Arbeitsmarkt auszubilden, sondern das Wissen darum, dass wir hier einen ganzen Lebensweg ausbilden. Also eine ganz breite Verortung der Menschen, die neu in unsere Gesellschaft kommen, für heute, aber auch für die Zukunft.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Die Soziologin Jutta Allmendinger im Porträt. © WDR/dpa/Soeren Stache Foto: Sören Stache

Bildung: "Meine Bilanz fällt sehr schlecht aus"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Wie ist es um das das deutsche Bildungssystem bestellt? "Es sind immer noch rigide Mauern vorhanden, die unserer Jugend alles andere als gut tun", sagt Bildungssoziologin Jutta Allmendinger.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.11.2019 | 19:00 Uhr

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