Stillgelegtes Trafohaus als Artenschutzturm © NDR Foto: Franziska Drewes

Stillgelegte Trafohäuser zu Artenschutztürmen umfunktioniert

Stand: 17.11.2020 06:18 Uhr

In Radepohl bei Schwerin versuchen engagierte Ehrenamtliche, dem Artensterben in Mecklenburg-Vorpommern entgegenzuwirken - mit stillgelegten Trafohäusern, sogenannten Artenschutztürmen.

von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über das große Artensterben auf der Welt berichtet wird. Egal ob Insekten, Vögel, Säugetiere oder Pflanzen, Arten verschwinden für immer, auch bei uns in Mecklenburg-Vorpommern. Engagierte Ehrenamtliche versuchen gegenzusteuern, so auch im kleinen Dorf Radepohl bei Schwerin.

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Herbstputz in Radepohl

Eine von ihnen ist Astrid Lillge aus Kaarz bei Sternberg. Dort betreibt sie mit ihrem Ehemann Ulf Lillge einen Ökologischen Landwirtschaftsbetrieb. Arten zu schützen ist zu ihrem leidenschaftlichen Hobby geworden, erzählt Astrid Lillge. "Wir Menschen verfremden die Landschaft zunehmend und die Vögel finden immer weniger Lebensraum." Astrid Lillge möchte Tieren ein Zuhause bieten, in dem sie leben und brüten können. Deshalb pflegt sie auch in Radepohl den Artenschutzturm. In dem stillgelegten Trafohaus des Energieversorgers Wemag können Vögel und Fledermäuse Unterschlupf finden. Gerade steht Herbstputz an. Astrid Lillge fegt alte Spinnennetze und Kot der ausgezogenen Bewohner zusammen. Das ist wichtig, damit auch für die Tiere eine gewissen Hygiene bewahrt wird und sie im Frühjahr wieder einziehen und brüten mögen.

Mehrere Tierarten leben unter einem Dach

Konrad Peßner hilft ihr beim Putzen. Der leidenschaftliche Vogelkundler aus Frauenmark zeigt auf unterschiedliche Öffnungen im ehemaligen Trafohäuschen. Sperlinge huschen gerade durch die Ritzen direkt unter dem Dach. Sie sind eigentlich für Fledermäuse gedacht, die den Turm leider noch nicht für sich entdeckt haben. "Auch Turmfalken können hier brüten, sie haben sogar einen eigenen Kasten dafür", erzählt Konrad Peßner stolz.

Selten gewordene Mieter: Schleiereulen

Eine Schleiereule fliegt aus einem Artenschutzturm. © NDR Foto: Peßner
Schon mehrere Schleiereulen sind im Artenschutzturm in Radepohl aufgewachsen.

Der Hobbyornithologe öffnet seinen Laptop, spielt ein Video ab und spricht damit eine kleine Sensation an. Im Film sind junge Schleiereulen in ihrem Nest zu sehen, die aufrecht stehen und anhaltend zischen. "Das ist das sogenannte Drohrauschen der Schleiereulen. Junge Schleiereulen verhalten sich so, wenn man den Kasten öffnet, um zu kontrollieren, wie viele Jungtiere im Brutkasten sind. Sie versuchen so, den vermeintlichen Feind zu vertreiben", erklärt Konrad Peßner. Diese Schleiereulen sind im Artenschutzturm von Radepohl im vergangenen Sommer aufgewachsen. Die beiden ehrenamtlichen Artenschützer haben schon mehrmals diese sehr selten gewordenen Tiere als Mieter im Turm beobachten dürfen. "Das ist ein sehr erhebendes Gefühl. Das ist großartig", so Astrid Lillge. Sie zeigt auf zwei Dohlen, die neben ihr auf einem Ast sitzen.

Auch sie nutzen das stillgelegte Trafohäuschen. Die Rabenvögel haben vorher in einem Stallgebäude im Dorf gelebt, das abgerissen wurde. Nun brüten sie im Artenschutzturm und die Kolonie hat ein neues Zuhause gefunden. "Wenn man einmal die Klugheit der Dohlen kennengelernt hat, dann freut es einen umso mehr".

Junge ehrenamtliche Artenschützer gesucht

Astrid Lillge betreut neben Radepohl zwei weitere Artenschutztürme in der Region und zwar in Augustenhof und Barnin. Im nächsten Jahr soll in Runow ein weiteres altes Trafohaus dazu umgebaut werden. Alle Türme wurden mithilfe von Spenden von der Stiftung Pro Artenvielfalt erworben und umgerüstet. Sie ermöglicht auch Schulprojekte an den Artenschutztürmen, die es bundesweit gibt. Das ist wichtig, findet Astrid Lillge. "Wenn wir diese Möglichkeit nicht beim Schopf packen und den Kindern sagen, in welch sensiblen Milieu sie leben, um das für ihre Zukunft zu bewahren, dann geht uns ganz viel verloren". Astrid Lillge hofft, dass sie über die Schulprojekte auch junge Menschen gewinnen kann, die sich mit ihr ehrenamtlich um die Artenschutztürme kümmern möchte. Denn an Nachwuchs fehlt es sehr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.11.2020 | 12:00 Uhr