Stand: 21.03.2020 18:06 Uhr

Turner Toba: "Geht jetzt nicht um Einzelschicksale"

Turner Andreas Toba an den Ringen © imago images/Pressefoto Baumann
Turner durch und durch: Andreas Toba.

Andreas Toba aus Hannover ist einer der besten und bekanntesten deutschen Turner. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro wurde er als "Hero de Janeiro" gefeiert, weil er im Teamwettbewerb trotz einer schweren Knieverletzung weiterturnte. Für seinen Einsatz wurde er mehrfach ausgezeichnet. Das große Ziel des 29-Jährigen sind die Spiele in Tokio. Im NDR Interview erklärt Toba, warum er angesichts der Coronakrise für eine schnelle Verschiebung plädiert.

Herr Toba, Sie haben sich öffentlich sehr entschieden dafür ausgesprochen, die Olympischen Spiele in Tokio zu verschieben. Warum?

Andreas Toba: Ich befinde mich in einem Zwiespalt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sagt, dass die Spiele stattfinden sollen und wir uns weiterhin vorbereiten sollen. Meine Vernunft sagt: 'Auf gar keinen Fall, bleib' zu Hause. Sieh zu, dass du dich einbringst, damit die Ausbreitung des Virus eingedämmt wird'. Auf der anderen Seite denke ich: 'Als Sportler muss ich mich fit halten, falls die Spiele doch noch stattfinden.'

Die Sommerspiele sollen laut Plan am 24. Juli eröffnet werden, also in gut vier Monaten. Warum plädieren Sie jetzt schon dafür, die Veranstaltung zu verschieben?

Toba: Es sind weltweit nicht mehr die gleichen Bedingungen gegeben. Deshalb sollte das jetzt entschieden und nicht noch länger gewartet werden. Es tauchen jetzt schon Probleme bei den Trainingsbedingungen auf. Man kommt in viele Trainingsstätten nicht mehr rein und kann sich nicht so vorbereiten, wie es eigentlich normal ist. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auf der ganzen Welt. Man darf auch die Verletzungsgefahr nicht vergessen. Wenn man nicht genau weiß, wofür man trainiert, geht man mit ein, zwei oder drei Prozent weniger ins Training und riskiert eine Verletzung.

Wie sehr beeinflusst diese Ungewissheit denn momentan Ihren Trainingsalltag?

Toba: Sehr stark. Einen vernünftigen Trainingsplan kann man gar nicht mehr einhalten, weil man nicht weiß, was die nächste Zeit bringt. Es ist keine einfache Situation, und die Einschränkungen werden von Tag zu Tag größer.

Trotzdem gibt es Funktionäre wie den IOC-Präsidenten Thomas Bach, aber auch Politiker und zum Teil auch andere Sportlerinnen und Sportler, die eine Absage zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht halten. Haben Sie Verständnis dafür?

Toba: Die Olympischen Spiele sind etwas ganz Besonderes und ganz Großes. Jeder Sportler möchte irgendwann mal dahin. Aber wir haben eine Situation, die die ganze Welt betrifft, in der es zum Teil um Leben und Tod geht. Ich finde Ausnahmesituationen sollten Ausnahmeentscheidungen zur Folge haben.

Angenommen, Sie werden erhört und die Spiele werden verschoben. Was hätte das für Folgen für Sie. Sportlich, aber auch wirtschaftlich?

Toba: Für mich hätte das auf keinen Fall Vorteile, ganz im Gegenteil. Ich bin jetzt in einem fortgeschrittenen Turneralter. Je weiter die Spiele nach hinten verschoben werden, umso schwieriger wird es für mich, den Anschluss zu finden und zu halten. Was die finanzielle Lage angeht: Das muss man sehen, wenn die Entscheidung getroffen ist. Prinzipiell geht es jetzt nicht um Einzelschicksale, sondern um das Wohlergehen der Gesamtheit.

Was ist in diesen Tagen Ihre Botschaft und Ihr Wunsch, den Sie an das IOC richten?

Toba: Mein Wunsch ist es, dass das IOC es schafft, die Spiele zu verschieben. Trotz all der Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Auf einen Zeitraum, in dem wieder gleiche Bedingungen auf der ganzen Welt herrschen und sich die Sportler fair auf die Wettkämpfe vorbereiten können. So würde der Druck von uns Athleten genommen, jeden Tag trainieren zu müssen. Egal, unter welchen Umständen. 

Gibt es denn in diesen schwierigen Tagen rund um die Coronakrise irgendetwas Positives, dass Sie all dem abgewinnen können?

Toba: Ich denke, es gibt nur eine positive Sache, die man daraus lernen kann: das soziale Denken. Dass wir als Gemeinschaft zusammenwachsen, aufeinander aufpassen und so deutlich stärker aus dieser Krise herausgehen. Das ist das, was wir alle mitnehmen sollen.

Das Interview führte Kristoffer Klein, NDR Hörfunk

Weitere Informationen
Virologe Alexander Kekulé © imago images/Revierfoto
3 Min

Virologe Kekulé: "Olympia 2020 in Tokio ausgeschlossen"

Der Virologe Alexander Kekulé hält die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio in diesem Jahr für ausgeschlossen. "Es gibt für Viren kein tolleres Fest", sagte er im Gespräch mit der Sportschau. 3 Min

Zugpassagiere mit Atemschutz vor dem Olympia-Banner in Tokio © imago images/AFLO

Debatte über Olympia-Absage spaltet die Sportwelt

Das IOC hat die Nationalen Olympischen Komitees nicht geeint. Während der US-Sport und Afrika Thomas Bach zur Seite springen, deutet Norwegen an, notfalls keine Athleten zu entsenden. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportreport | 21.03.2020 | 18:05 Uhr