Hämmerling: Corona und EM-Silber - statt Olympia

Stand: 27.12.2020 10:00 Uhr

Eine Jury hat bei der Wahl des Landessportverband die Ruderin Frieda Hämmerling zur Sportlerin des Jahres 2020 in Schleswig-Holstein gekürt. Die 23-jährige Kielerin wurde mit dem Doppelvierer Vize-Europameisterin.

von Frauke Hain

Die Olympischen Spiele in Tokio sollten für Ruderin Frieda Hämmerling das Highlight sein. Und so startete das Jahr im Februar mit dem sogenannten Einer-Test. Diese Ranglisten-Überprüfung gewann die Kielerin. Damit war klar, dass sie im deutschen Doppelvierer bei den Olympischen Spielen ihren Platz sicher hat. Danach ging es direkt weiter ins Trainingslager nach Spanien - und dann spitzte sich die Corona-Situation zu.

"Nacht-und-Nebel-Abreise" aus dem Trainingslager

Reisewarnungen wurden ausgesprochen, die Grenzen zugemacht. Deshalb endete das Trainingslager kurzfristig einen Tag früher als geplant mit einer "Nacht-und-Nebel-Abreise". "Ich habe Erleichterung gespürt in dem Sinne, dass man einen Tag eher nach Hause durfte. Man hat ja auch mitgekommen, wie Corona sich entwickelt hat. Da war man froh, wieder ins sichere Deutschland zu kommen und zu verstehen, was die Regeln bedeuten", gibt Hämmerling einen Einblick in ihre Gefühlswelt.

Rudern auf dem Ergometer in Quarantäne

Zu Hause folgten zwei Wochen in Quarantäne. Denn der Corona-Test einer Mannschaftskollegin war positiv. "Das war schon zäh, weil wir dann jeden Tag zu Hause in unserem Zimmer alleine Ergo fahren mussten", erzählt Hämmerling. Motivationsschwierigkeiten hatte die 23-Jährige trotzdem nicht. Denn weiterhin fokussiert im Blick hatte sie immer noch die Olympischen Spiele, die dann schließlich für diesen Sommer abgesagt wurden.

Olympia-Absage: "Gemischte Gefühle"

"Das waren gemischte Gefühle. Einfach Chaos", sagt Hämmerling rückblickend. "Je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto trauriger hat es mich gemacht. Aber ich habe mich relativ schnell damit abgefunden, weil für mich klar war, dass ich nach Tokio weiterrudere." Eigentlich wollte sie diesen Herbst von Berlin wieder nach Hamburg ziehen und ihr Studium zum Grundschullehramt fortsetzen. "Die Uni muss warten. Ich bin so flexibel von meiner Lebenssituation, dass es für mich kein Problem war."

EM wird zum Saison-Höhepunkt

In diesem Jahr, das eigentlich im Glanz von Olympia stehen sollte, entwickelte sich schließlich die Europameisterschaft in Polen Anfang Oktober zum Saison-Höhepunkt von besonderer Bedeutung. "Normalerweise ist die EM die erste Regatta im Jahr. Es ist halt nicht der Höhepunkt. Die EM fährt man sonst so mit", beschreibt Hämmerling den Stellenwert der Europameisterschaft. "In diesem Jahr war es die einzige internationale Regatta und da war es schon toll, dass man zeigen konnte, dass man trotz Corona mithalten und über den Sommer gut trainieren konnte."

Spannendes Rennen im Doppelvierer

Eine Medaille war das große Ziel. Im Finale des Frauen-Doppelvierers lag das deutsche Boot zunächst auf Rang drei, konnte sich dann noch auf den Silberplatz vorkämpfen, wehrte einen Angriff des Folgebootes ab - und so holte Frieda Hämmerling im Doppelvierer am Ende Platz zwei. "Wir haben kurz vorher noch die Positionen getauscht. Ich bin zufrieden mit dem Rennen. Allerdings haben wir den Endspurt zu spät angefangen", resümiert die Vize-Europameisterin.

Drei Einheiten täglich

Das Ergebnis vom "Einer-Test" aus diesem Jahr zählt weiterhin für die Besetzung der Boote für die Olympischen Spiele. Das Trainingsniveau bleibt trotzdem hoch. "Die Trainingsleistungen müssen stimmen, damit ich es in den Doppelvierer schaffe", erklärt Hämmerling. Somit geht das Jahr für die 23-Jährige mit einem Trainingslager zu Hause zu Ende. Anstatt in Portugal wird in Berlin gerudert. Drei Einheiten stehen jeden Tag auf dem Programm. Die Trainingslager für Januar sind gebucht und sollen im Süden stattfinden, wenn die Corona-Lage es erlaubt.

Olympia weiterhin fest im Blick

Und es gibt nur einen einzigen Plan im Kopf der Ruderin: "Wir gehen davon aus, dass alles stattfindet. Und über etwas andere mache ich mir keine Gedanken." Frieda Hämmerling plant das Jahr 2021 mit dem Fokus auf die Olympischen Spiele in Tokio - und sie geht fest davon aus, dass sie dabei sein wird. "Ich plane alles danach. Ich plane erst ab Anfang August, wenn das Olympiajahr durch ist. Davor ist nur rudern."

Der Landessportverband (LSV) hat auch im Jahr 2020 die Sportlerin, den Sportler und die Mannschaft des Jahres in Schleswig-Holstein gewählt. NDR Schleswig-Holstein ist Medienpartner der LSV-Sportlerwahl.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein mittendrin | 27.12.2020 | 15:40 Uhr

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