Stand: 25.07.2019 09:19 Uhr

Frischer Wind am Rothenbaum: "Begeisterung wächst"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Sommer, Sonne, weißer Sport: Am Rothenbaum ist Tennis-Zeit - und keiner schimpft mehr über den doofen Termin mitten in den Hamburger Schulferien. Es weht ein frischer Wind über die Sandplätze an der Hallerstaße, was Spieler und Zuschauer liebend gern real und nicht nur im übertragenen Sinne genießen würden. Denn es ist brütend heiß in dieser vierten Juli-Woche in der Hansestadt, die sich sonst meist  pünktlich zu dem mit knapp zwei Millionen Euro dotierten ATP-Turnier in kühles "Schietwetter" hüllte. Doch wie es scheint, hat nicht nur das Wetter ein Einsehen mit den neuen Machern am Rothenbaum, die der zum 113. Mal ausgetragenen Traditionsveranstaltung neues Leben einhauchen wollen.

Reichel: "Vieles geht nicht von heute auf morgen"

"Natürlich ist noch nicht alles optimal", sagt die neue Turnierdirektorin Sandra Reichel. Die Österreicherin ist in die Fußstapfen von Wimbledonsieger Michael Stich getreten, der den Rothenbaum vor dem "Sterben" gerettet und zehn Jahre am Leben gehalten hatte. "Es ist ein Prozess, vieles geht nicht von heute auf morgen." Dass Alexander Zverev zu einer Rückkehr in seine Heimatstadt überredet werden konnte, und der NDR live berichtet, spielt der 48-Jährigen und ihrem als Veranstalter fungierenden Vater Peter-Michael Reichel sicherlich in die Karten. Als Geschenk bezeichnet sie im Gespräch mit NDR.de dann auch ohne Schmäh die Rückkehr des "verlorenen Sohnes" Zverev - die das nach eigenen Aussagen enorme finanzielle Risiko möglicherweise mildern kann.

Sponsoren dringend gesucht

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Neuer Glanz und Sonnenschein: Zuschauer am Rothenbaum.

In den vergangenen beiden Jahren hatte "Sascha" Zverev dem Rothenbaum-Chef jeweils einen Korb gegeben und stattdessen in Washington seine Hartplatzsaison eingeläutet. Stich pochte vergeblich auf Absprachen und muss nun sehen, dass noch vieles mehr möglich ist, was noch vor einem Jahr unmöglich erschien. Das marode Dach wird erneuert, das Stadion soll sukzessive mit rund acht Millionen Euro von Mäzen Alexander Otto ("Die Neupositionierung der Marke Rothenbaum ist wichtig") auf Vordermann gebracht und auf 10.000 Zuschauerplätze mit allerdings mehr Komfort reduziert werden. Dass der Hamburger Senat mit im Boot sitzt und der Deutsche Tennis Bund (DTB) auch, könnte ein Faustpfand für die Zukunft sein. Ohne Hauptsponsor und Geldgeber aus der Hamburger Wirtschaft wird ein Überleben aber wohl nicht möglich sein, auch wenn Zverev feststellt: "Es ist schön zu sehen, dass die Tennis-Begeisterung in Hamburg wieder wächst." 

Eiszeit nur in Tüten

"Der bisherige Turnierverlauf übertrifft unsere Erwartungen bei Weitem. Die Anlage erstrahlt in neuem Glanz und das Spielerfeld ist mit drei Akteuren aus den Top Ten so stark wie lange nicht", sagt DTB-Präsident Ulrich Klaus. Die sportliche Aufwertung des Turniers, das vor Jahren in die 500er Kategorie zurückgestuft wurde, ist dabei aber nur eines der Mosaiksteinchen, die auf der Anlage offenkundig umgedreht wurden. Es ist lange her, dass die Zuschauer mitten in der Woche zu Tausenden über die Anlage flanierten, sich in der Budenstadt vergnügten und geduldig in der Schlange vor dem Eis-Zelt anstanden. Das wunderbare Sommerwetter mag der guten Laune Vorschub leisten.

Tennis mit einem echten Casper

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"Wir finden es toll, dass es dieses Turnier weiter gibt", sagt Ulf Becker, der mit der Familie seit Jahren regelmäßig Gast am Rothenbaum ist. "Tennis macht Laune." Ein bisschen Gegenwind ist trotzdem zu spüren - vor allem von Besuchern, die man wohlgemeint als Urgesteine der Traditionsveranstaltung bezeichnen kann. Ein bisschen mehr Platz zum Klönen und Freunde treffen wünschen sich viele ältere Besucher; andere trauern den Legenden-Matches hinterher. Die Kinder haben nichts zu meckern. Sie dürfen Tennis probieren - und bisweilen sogar mit einem echten Casper spielen. Ruud heißt der mit Nachnamen, ist 20 Jahre alt und kommt aus Norwegen. "Es macht riesigen Spaß, die Kleinen zu inspirieren", sagt der Weltranglisten-69. "Ich hoffe, sie haben eine gute Zeit."

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 25.07.2019 | 19:30 Uhr