Stand: 20.04.2020 07:50 Uhr

Olympia: Alles anders für Schwimmer Heidtmann

Im September vergangenen Jahres wechselte Schwimmer Jacob Heidtmann zu einem Profischwimmteam nach San Diego in die USA, um sich optimal auf die Olympischen Spiele in Tokio im Sommer vorzubereiten. Für zunächst ein Jahr startet er damit für den nordamerikanischen Verein, danach schwimmt er wieder für seinen Heimatverein Swim-Team Stadtwerke Elmshorn. Anfang März schaffte der gebürtige Pinneberger die Qualifikation auf seiner Paradestrecke über 400 Meter Lagenschwimmen. Kurz danach: die Verlegung der Spiele um ein Jahr wegen der Corona-Pandemie. Mit NDR Schleswig-Holstein hat er über die neuen sportlichen und auch finanziellen Herausforderungen und die Situation in den USA gesprochen.

Schwimmsprotler Jacob Heidtmann blickt in die Webcam bei einem Video-Interview. © NDR
Momentan ist Jacob Heidtmann in San Diego in den USA, um für Olympia zu trainieren. Per Videotelefonie erzählt der Profischwimmer, wie sich die Coronapandemie auf sein Trainig auswirkt.

Wie ist die Lage gerade?

Jacob Heidtmann: Relativ ähnlich zur Lage in Deutschland. Wir dürfen raus zum Einkaufen, manche Restaurants haben offen und wir können uns Sachen mitnehmen. Und es herrscht, glaube ich, eine allgemeine Maskenpflicht für draußen. Ich wohne noch mit zwei anderen Schwimmern zusammen und für uns hat sich gar nicht so viel geändert. Wir hatten auch vorher zwischen den Trainingseinheiten nur wenig Zeit rauszugehen und das normale Leben zu genießen.

Wie sieht der neue Trainingsalltag aus?

Heidtmann: Wir haben morgens um 9 eine Videokonferenz mit unserem Athletiktrainer und machen eine Dreiviertelstunde Athletik zusammen. Außerdem gibt es bei uns im Apartment einen 15-Meter-Pool, das sind 35 weniger, als wir sonst zur Verfügung haben. Das ist eine große Umstellung. Aber wir finden Wege: In der Garage von unserem Co-Trainer können wir noch Gewichte stemmen. Wir halten uns also relativ gut, aber sehr anders in Form.

Wie ist das Level im Vergleich zu vorher?

Heidtmann: Das ist schwer zu sagen. Mein Zimmerpartner Marius Kusch und ich hatten beide einen Wettkampf im März in Iowa, wo wir uns für die Spiele qualifiziert haben. Da waren wir in Topform. Von da kamen wir wieder und hatten wegen der Corona-Krise kein geregeltes Training mehr und mussten dann selber schauen, wie wir uns fit halten. Sich eine neue Form zu erarbeiten, nachdem man eigentlich die alte Form zugespitzt hatte, ist sehr schwer. Aber ich sehe das vor allem als Herausforderung, um an meinen Schwächen zu arbeiten. Die liegen eher im athletischen und nicht so sehr im schwimmerischen Bereich. Da kann ich gerade viel machen - optimal ist es trotzdem nicht. Jetzt trainieren wir ja auf 35 Meter weniger. Wenn du da länger als eine Viertelstunde schwimmst, wird dir schwindelig.

Womit verbringen Sie die "neue" freie Zeit?

Heidtmann: Ich hab auch vorher gern gelesen, das behalte ich bei. Und ich glaube leider, dass meine Bildschirmstunden an Handy und Playstation ein bisschen gestiegen sind. Obwohl ich mir das Gegenteil vor dieser ganzen Phase vorgenommen hatte. In meiner FIFA-Karriere (auf der Playstation) spiele ich mittlerweile mit St. Pauli in der Champions League.

Sie leben und trainieren seit September vergangenen Jahres in San Diego in Kalifornien mit einem Profischwimmteam. Das große Ziel: bei Olympia in Topform zu sein. Im März dann die Entscheidung, dass die Spiele verlegt werden.

Jacob Heidtmann ballt die Faust und freut sich über sein Ergebnis. © dpa-Bildfunk Foto: Martin Schutt
Bei den Deutschen Meisterschaften holte Jacob Heidtmann mehrfach Gold, 2018 sogar bei den Europameisterschaften.

Heidtmann: Ich glaube auf jeden Fall, dass es die richtige Entscheidung war. Es wäre unverantwortlich gewesen, sie zum geplanten Zeitpunkt stattfinden zu lassen. Aber es hat uns trotzdem vom Hocker gehauen: Ich bin aktuell Zweiter der Weltrangliste und hatte mir gesagt: "Das ist jetzt noch mal die Chance, im besten Alter anzugreifen." Und dann wurde der ganze Plan umgeworfen und auf einmal standen ganz viele Fragezeichen vor mir - und stehen da nach wie vor: Wie läuft es finanziell weiter in der nächsten Saison? Kann ich mein Studium in Hamburg vielleicht noch mal aufnehmen, bevor ich in die USA zurückkehre? Bekomme ich überhaupt wieder ein Visum?

Die Kosten, um auch weiter in den USA bei dem Profiteam zu bleiben, sind ziemlich hoch - wie unterscheiden sie sich konkret?

Heidtmann: Also ich zahle an Miete das Dreifache von dem, was ich in Hamburg gezahlt habe. Ich muss meinen Schwimmtrainer und meinen Krafttrainer monatlich bezahlen. Und wenn ich mir den Luxus rausnehmen will und vielleicht mal eine Massage haben möchte, muss ich hier noch mal 100 Dollar die Stunde zahlen. Und wenn man gesund essen will in den USA, ist es sowieso immer teurer. Das sind schon enorme Summen.

Der Schwimmer Jacob Heidtmann schwimmt Freistil. © picture alliance / dpa Foto: Martin Schutt

AUDIO: Was macht Jacob Heidtmann in Zeiten von Corona? (3 Min)

Sie leben von Ersparnissen, aber auch von Förder- und Sponsorengeldern. Wissen Sie schon, wie das weiterlaufen wird?

Heidtmann: Viele Verträge und Förderungen sind immer nur von Jahr zu Jahr genehmigt, da muss man sich jedes Jahr neu qualifizieren. Bei einigen gibt's noch Fragezeichen. Andere - wie die Deutsche Sporthilfe oder auch die Stadtwerke Elmshorn - haben mir schon gesagt, dass sie mich weiter unterstützen. Das ist eine enorme Hilfe. Trotzdem muss ich jetzt schauen, wie ich das nächste Jahr finanziere.

Wie schwer ist es, die Motivation hoch zu halten, wenn sich das große Ziel um ein Jahr verschiebt?

Heidtmann: Ich hab jetzt seit 2010 nicht mehr die Situation gehabt, dass ich keinen Wettkampf im Juli oder August hatte. Das ist natürlich sehr schwer, da nicht in ein Loch zu fallen oder sich komplett gehen zu lassen, weil man kein näheres Ziel vor Augen hat. Jetzt ist es erst mal wichtig, sich kleinere Ziele bzw. Ziele in näherer Zukunft zu setzen. Das ist bei mir die International Swimming League, die im Oktober starten wird.

Wie wäre das Leben weitergegangen, hätte Olympia in diesem Sommer stattgefunden?

Heidtmann: Ich hatte vor, länger Urlaub zu machen. Aber das ist jetzt auch erst mal egal. Das Ziel "Olympische Spiele" zu haben, ist so groß, dass andere Sachen zweitrangig sind. Jetzt gehen die Gedanken wirklich nur auf Tokio 2021.

In Schleswig-Holstein und Hamburg machen diese Woche die ersten kleinen Geschäfte wieder auf. Ist es in den USA Thema, wie Deutschland mit der Krise umgeht?

Heidtmann: Ich glaube, hier will man selten zugeben, dass andere Länder Situationen besser meistern könnten. Ich bin froh, dass wir in Deutschland ein vergleichsweise sozialeres Gesundheitssystem haben. In meinem Umfeld sind sich alle bewusst, dass manche Dinge in Deutschland ganz gut geregelt sind. Aber ich habe gerade auch nicht viele direkte Ansprechpartner aus Amerika - ich lebe in einer WG mit einem Deutschen und jemandem aus Trinidad zusammen. Ich glaube aber auch, dass auch in Kalifornien ganz gut mit der Situation umgegangen wurde.

Und die WG hilft wahrscheinlich auch gegen den Lagerkoller?

Heidtmann: Ja, auf jeden Fall. Wir sind alle für die Spiele qualifiziert, also alle in der gleichen Situation. Wenn einer mal einen Tag durchhängt, bauen die anderen ihn auf. Das klappt ganz gut bei uns.

Zum Abschluss: Welche Buch- oder Serienempfehlung gibt's von Ihnen?

Heidtmann: Ich fand die Doku über Borussia Dortmund sehr cool und die Serie "Peaky Blinders" schaue ich gerade zum dritten Mal. Und ich habe das Buch von Per Mertesacker gelesen. Das motiviert noch mal, nach Möglichkeiten zu suchen, sich auch in solchen Zeiten weiterzuentwickeln. Und meine Schwester hat mir "Der Alchimist" mitgegeben, in der Hoffnung, dass ich meine spirituelle Seite entdecke. Das ist auf jeden Fall ein inspirierendes Buch.

Das Interview führte Hannah Böhme.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 19.04.2020 | 17:40 Uhr

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