Stand: 26.08.2019 14:42 Uhr

Radprofi Kämna: Ein Nordlicht will nach oben

von Christian Görtzen, NDR.de

Lennard Kämna ist eine der großen deutschen Radsport-Hoffnungen. Der 22 Jahre alte Norddeutsche, der in Wedel geboren wurde und in Fischerhude bei Bremen lebt, sorgte im Juli bei der Tour de France für Furore und steht nun vor einem großen Karriereschritt. Dabei war noch im Sommer 2018 alles ungewiss. Kämna befand sich in einer Sinnkrise, setzte zwei Monate mit dem Training aus und flog nach Thailand, wie er bei seinem Besuch im NDR Sportclub erzählte.

Nach oben wollte Lennard Kämna immer schon. Im Alter von zehn Jahren fuhr der im schleswig-holsteinischen Wedel geborene Radsport-Enthusiast den berühmten Anstieg der Tour de France von Le Bourg-D'Oisans nach L'Alpe d'Huez hinauf.

Radprofi Lennard Kämna

Radprofi Kämna: "Man muss sich quälen können"

Sportclub -

Lennard Kämna ist der Senkrechtstarter im deutschen Radsport. Im Sportclub berichtet der Allrounder aus Fischerhude über sein Tour-de-France-Debüt und seine Liebe zu Bremen.

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Jene legendären 21 Kehren, die eine durchschnittliche Steigung von 7,9 Prozent aufweisen und am steilsten Teilstück der 13,8 km langen Strecke, bei Kilometer zehn, eine Steigung von 11,5 Prozent bereithalten. Oben angekommen, auf 1.850 Metern, rann der Schweiß in Strömen. Angetrieben hat den Schüler auch der Traum, irgendwann einmal selbst bei der Tour de France starten zu dürfen.

Kämna sorgt bei der Tour für Furore

Zwölf Jahre später ist für Kämna, der seit 2017 Radprofi ist, dieser große Wunsch in Erfüllung gegangen. L'Alpe d'Huez blieb dem 22-Jährigen bei seinem Tour-Debüt im vergangenen Juli zwar verwehrt, da diese Kletterpartie nicht Eingang in den Etappenplan gefunden hatte. In den Alpen aber sorgte der in Fischerhude bei Bremen lebende Athlet des Teams Sunweb an anderen Orten für viel Furore. Auf der 15. Etappe wurde der glühende Fan des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen Sechster, auf der Königsetappe hinauf auf den Galibier sogar Vierter. "Es gab den einen oder anderen Punkt, wo man wirklich körperlich am Limit war und sich gewünscht hätte, woanders zu sein. Aber im Großen und Ganzen ist man immer sehr glücklich, dabei zu sein und sich zeigen zu können", sagte Kämna beim Besuch im Sportclub.

Ab 2020 für Rennstall Bora-hansgrohe

Dieses "sich zeigen" ist ihm vortrefflich gelungen. Nachdem der Debütänt die "Große Schleife" mit dem 40. Platz in der Gesamtwertung abgeschlossen hatte, zeigten sich einige Rennställe stark interessiert an einer Verpflichtung der großen deutschen Radhoffnung, die schon 2014 mit dem Gewinn der Junioren-Weltmeisterschaft im Einzel-Zeitfahren hatte aufhorchen lassen.

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Lennard Kämna: Senkrechtstarter der Radsportszene

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Lennard Kämna ist der Senkrechtstarter im deutschen Radsport. Der 22-Jährige aus Fischerhude bei Bremen fuhr schon als Zehnjähriger die legendäre Tour-Etappe nach Alpe d'Huez nach. Video (03:15 min)

Der deutsche Rennstall Bora-hansgrohe machte schließlich das Rennen, verpflichtete ihn ab 2020 für zwei Jahre. "Er ist unwahrscheinlich stark im Zeitfahren und in den Bergen, wie man das ja auch gesehen hat bei der Tour. Gerade in der letzten Woche ist er zweimal ganz vorne mitgefahren. Da ist ein Riesenpotenzial", sagte Jens Zemke, der Sportliche Leiter von Bora-hansgrohe.

Kämna freut sich auf die neue Herausforderung. "Ich werde hauptsächlich für Emanuel Buchmann fahren", sagte er im Gespräch mit Moderator Martin Roschitz. Bei seinem neuen Team werde "sehr professionell gearbeitet. Ich kenne viele Fahrer, auch aus Nationalmannschaftszeiten. Dort werde ich eine gute Chance haben für die nächsten Schritte, die ich gerne gehen möchte", sagte Kämna, der am Sonntag bei der 24. Auflage der Hamburg Cyclassics nicht das Ziel erreichte. Siegchancen hatte Kämna ohnehin nicht gehabt. Bei dem UCI WorldTour-Rennen sind traditionell am Ende die Sprinter vorne.

Sinnkrise im Sommer 2018

Dass der Fischerhuder überhaupt noch weiter im Profi-Radsport dabei sein würde, war noch im Juni 2018 alles andere als gewiss. Der Blondschopf, der mit 13 Jahren an das Sportinternat Cottbus gegangen war, legte damals eine Rennpause ein. "Es fing im Februar, März an. Ich bin viel krank geworden, konnte einfach nicht mehr die Leistung abrufen, die ich wollte", erzählte Kämna. "Du merkst, normalerweise sollst du nach vier Stunden eigentlich keine Probleme haben und noch entspannt weiterfahren können. Aber dann bist du völlig erschöpft. Das sind dann so Momente, die wirken sich auf die Mentalität aus. Irgendwann ist man dort auch nicht mehr so fit, wie man es gerne wäre." Das Nordlicht entschied für sich: "Okay, ich brauche hier jetzt mal ein paar Wochen Abstand."

"Das Feuer lodert noch"

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Lennard Kämna bei einer Bergetappe.

Er flog nach Thailand, setzte zwei Monate mit dem Training aus. "In der Zeit habe ich mich auch wenig für Radsport interessiert. Ich habe alles beiseitegelegt, ein bisschen was gelesen, entspannt, viel mit Freunden unternommen", sagte Kämna, der auch mit einer Sportpsychologin zusammengearbeitet hat. "Irgendwann merkst du dann, dass das Feuer doch noch lodert, dass du wieder Lust bekommst." Der Traum von L'Alpe d'Huez, der ihn als Zehnjähriger motiviert hat, ist für ihn als Radprofi ja auch noch nicht in Erfüllung gegangen.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 25.08.2019 | 22:50 Uhr

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