Stand: 05.09.2018 09:42 Uhr

Rödl: "Wir haben so viel Talent wie noch nie"

Mit seinem Team auf WM-Kurs: Bundestrainer Henrik Rödl.

Es ist derzeit ruhig um die deutsche Basketball-Nationalmannschaft. Sehr ruhig. In der Abgeschiedenheit des Oldenburger Münsterlandes bereitet sich das Team um den Braunschweiger NBA-Star Dennis Schröder (Oklahoma City Thunder) auf die WM-Qualifikationsspiele in Estland (13. September) und drei Tage später in Leipzig gegen Israel vor. Zuvor testet das Team seine Form beim Supercup in Hamburg-Wilhelmsburg (7./8. September). Im Interview mit NDR.de spricht Bundestrainer Henrik Rödl über den Stand der Vorbereitung, die Perspektive der Mannschaft und den Basketball-Standort Hamburg.

Herr Rödl: Sieben deutsche NBA-Profis, eine bislang erfolgreiche WM-Qualifikation und viele Talente in der Hinterhand - es gibt momentan unangenehmere Jobs als den des Basketball-Bundestrainers, oder?

Rödl: Das stimmt, das betone ich immer wieder. Wir haben derzeit vielleicht so viel Talent wie noch nie. Wir waren bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr als jüngstes Team im Viertelfinale. Wenn die Mannschaft sich weiterentwickelt, zusammenwächst und noch der ein oder andere dazu kommt, braucht man sich um die Zukunft wenig Sorgen zu machen. Man muss sich aber für die großen Turniere erst einmal qualifizieren. Da sind wir weiter als erwartet, aber es gibt noch keinen Grund zum Feiern.

Wie schätzen Sie den derzeitigen Zustand der Mannschaft ein?

Rödl: Meist hatten wir zu dieser Zeit immer nur vier Tage zur Vorbereitung auf das erste Spiel. Jetzt haben wir zum ersten Mal ein wenig länger Zeit, um zusammen zu trainieren. Es gibt den einen oder anderen Spieler, der zum Kader dazugehört hätte und nun verletzt ist. Aber auch das aktuelle Aufgebot ist leistungsstark. Wir sind zuversichtlich für Hamburg und die beiden Qualifikationsspiele.

Welchen Stellenwert hat der Supercup für Sie?

Spielplan Basketball Supercup in Hamburg

Freitag, 7. September
17.30 Uhr Italien - Tschechien
20.00 Uhr Deutschland - Türkei
Samstag, 8. September
17.30 Uhr Spiel um Platz 3
20.00 Uhr Finale

Rödl: Er ist wichtig für uns, aber nicht so sehr, dass wir Spieler mit zu viel Einsatzzeit gefährden würden. Die Partien in Estland und gegen Israel stehen im Vordergrund. Leider müssen wir in Joshiko Saibou und Robin Amaize zwei Spieler auf den Guardpositionen ersetzen, sodass wir Jonas Grof aus Hagen nachnominiert haben.

Haben Sie schon ein Rezept gegen den ersten Gegner beim Supercup, die Türkei mit Jungstar Cedi Osman (Cleveland Cavaliers)?

Rödl: Ehrlich gesagt stehen die WM-Qualifikationsspiele eindeutig im Fokus. Aber wir werden uns sicherlich noch genauer anschauen, wie die türkische Nationalmannschaft spielt. Es ist eine gute Gelegenheit, Dinge auszuprobieren und zu schauen, wie die Mannschaft auf gewisse Gegebenheiten reagiert.

Hat der Sieg in Serbien Anfang Juli noch mal einen zusätzlichen Schub gegeben?

Rödl: Das war ein ganz besonderer Moment für den deutschen Basketball. In Serbien hatten wir zuvor noch nie gewonnen. Auch die Art und Weise, wie wir dort gewonnen haben, hat der Mannschaft sicherlich viel gebracht.

Wie ist die Situation bei den "Nordlichtern" Daniel Theis (Boston Celtics; früher Braunschweig) und Isaiah Hartenstein (Houston Rockets; früher Artland Dragons Quakenbrück)? Warum sind beide nicht dabei?

Rödl: Daniel ist nach seiner Verletzung noch im Aufbautraining. Isaiah konzentriert sich derzeit auf seine Verpflichtungen in der NBA, das ist auch ganz normal. Er hat bei der Europameisterschaft toll gespielt und ist natürlich jemand, den wir in Zukunft auf dem Schirm haben.

Beim Supercup dabei sein wird dagegen der gebürtige Braunschweiger Dennis Schröder. Ist er der unumstrittene Leader auf und abseits des Feldes?

Rödl: Ja, er ist der erklärte Anführer und Vorzeigespieler dieser Mannschaft. Er hat aber auch viele gute Spieler um sich herum, die ihn besser machen.

Wie beurteilen Sie, dass er bei der deutschen Meisterschaft im 3x3 in Hamburg mitgespielt hat?

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Deutschlands Bester: Dennis Schröder.

Rödl: Man kann die Spieler im Sommer nicht auf Eis legen und hinterher wieder auspacken. Er trainiert jeden Tag hart, auch mit Körperkontakt. Im Übrigen ist 3x3 ein spannendes Programm, das ja 2020 auch olympisch wird. Von daher tut es der Sportart gut, wenn er da auftritt.

Für Ismet Akpinar ist der Supercup in Hamburg eine Rückkehr in seine Heimatstadt. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Rödl: Ismet hat sich bei Alba Berlin in der Bundesliga etabliert und in der vergangenen Saison in Ulm noch mal einen weiteren Schritt gemacht. Er ist ein extrem motivierter junger Spieler, der sehr diszipliniert an sich arbeitet und immer besser wird. Ich denke, dass seine Rolle in der Bundesliga und auch in der Nationalmannschaft immer größer werden wird.

Wie weit ist ein anderer Hamburger, Louis Olinde (Baskets Bamberg), noch vom Nationalteam entfernt?

Rödl: Wir hatten ihn zuletzt im erweiterten Kader. Er ist ein sehr talentierter junger Mann. Ich habe mit ihm schon in der U18 zusammengearbeitet. Beim Bronzegewinn der U20 bei der Heim-EM in Chemnitz war er einer der Leistungsträger, von daher ist da europäische Klasse vorhanden. Ich glaube, dass er in diesen Kader hineinkommen kann.

Wie sehen Sie den Standort Hamburg und das Projekt der Towers, die derzeit in der Pro A spielen?

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Zweitligist mit Ambitionen: die Hamburg Towers.

Rödl: Die Verpflichtung von Mike Taylor (derzeit noch in Personalunion polnischer Nationaltrainer; Anm. d. Red.) ist sicher ein Signal, dass man angreifen will. Er bringt aus Ulm viel Erfahrung mit und steht dafür, viele junge Spieler einzusetzen. Es ist interessant, dass er das macht. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Mal sehen, ob sie gleich aufsteigen oder es noch etwas länger dauert. Hamburg ist generell ein besonderer Standort und die Towers sind ein spannendes Projekt, das ja neben Leistungssport auch Sozialarbeit bietet.

Besteht noch Kontakt zu Towers-Sportdirektor Marvin Willoughby, mit dem Sie früher zusammen in der Nationalmannschaft gespielt haben?

Rödl: Wir sehen uns manchmal, beispielsweise jetzt im Vorfeld des Supercups. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, aber wir telefonieren nicht jede Woche.

Sie waren als Aktiver Teammitglied beim überraschenden EM-Titelgewinn 1993 und WM-Bronzemedaillengewinner 2002. Gibt es Erfahrungen von damals, die Sie Ihren Spielern heute mitgeben?

Rödl: Auf jeden Fall. Gerade 1993 war es ein ganz spezielles Team, so wie es sich entwickelt und gespielt hat. Das kann man nur erreichen, wenn man etwas Besonderes hat. Das versuche ich auch heute zu vermitteln. 2002 gab es eine ähnliche Atmosphäre, auch wenn wir durch Dirk Nowitzki natürlich mehr Talent hatten.

Trauen Sie dem deutschen Team bei der WM 2019 in China eine ähnliche Überraschung zu wie 2002?

Rödl: Wir müssen Schritt für Schritt denken. Aber wenn wir uns qualifizieren sollten, müssten wir uns sicher nicht verstecken. Die Mannschaft wäre noch ein Jahr weiter zusammengewachsen. Wie weit es geht, hängt dann von vielen Dingen ab. Zum Beispiel davon, wie die Mannschaft funktioniert. Aber da sind wir auf einem sehr guten Weg.

Das Interview führte Christian Jeß, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 07.09.2018 | 19:30 Uhr

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