Michael Stich 1991 mit der Wimbledon-Trophäe © picture alliance/augenklick Foto: Rauchensteiner/Augenklick

Vor 30 Jahren: Als Michael Stich in Wimbledon triumphierte

Stand: 07.07.2021 07:45 Uhr

Ein Stück deutscher Sportgeschichte feiert Jubiläum: Vor 30 Jahren standen sich Publikumsliebling Boris Becker und der oft etwas unterkühlt wirkende Michael Stich auf dem heiligen Rasen von Wimbledon im Finale gegenüber - mit überraschendem Ausgang.

von Christian Wriedt

"Ja!" Ein spitzer Schrei, dann wirft Michael Stich seinen Tennisschläger in die Luft, geht auf die Knie und reißt jubelnd die Arme hoch. Am 7. Juli 1991, einem heißen Nachmittag mit über 30 Grad, siegte der Elmshorner auf dem strohigen Rasen des Centre Courts in Wimbledon im Finale völlig überraschend gegen Boris Becker.

Michael Stich umarmt Boris Becker. © Imago Images
Michael Stich umarmt im Überschwang Boris Becker.

Das bis heute einzige deutsche Herren-Endspiel eines Grand-Slam-Turniers gilt als Sternstunde des Tennis hierzulande - und ist ein Sportereignis, das sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat. Der heute 52-jährige Stich muss grinsen, wenn er die Bilder von damals sieht: "Ich hatte eine fürchterliche Frisur. Und die Hosen waren wirklich zu kurz und zu eng. Aber ich erinnere mich noch, dass Lady Di beim Finale war und sich sehr gefreut hat für mich."

Stich ist krasser Außenseiter, Becker ein Volksheld

In Deutschland waren die Sympathien anders verteilt: Die vor den Fernsehgeräten versammelte Nation drückte nicht Außenseiter Stich, sondern Publikumsliebling Boris Becker die Daumen. Der hochemotionale und temperamentvolle Rotschopf war längst ein Volksheld, seit er 1985 als erster Deutscher und jüngster Spieler überhaupt das wichtigste Tennisturnier der Welt gewonnen hatte.

In seinem "Wohnzimmer", wie er den Centre Court an der Church Road selbst gerne bezeichnete, ist er zum Weltstar aufgestiegen und hatte in Deutschland für einen wahren Tennisboom gesorgt. Das Duell gegen Landsmann Stich war bereits sein sechstes Wimbledon-Finale.

Aus Elmshorn auf den Tennisthron in Wimbledon

Kontrahent Michael Stich, nicht viel jünger als Becker, entschied sich erst 1988, Tennisprofi zu werden. Er hatte sein Abitur in der Tasche, galt als redegewandt, eloquent, aber ein bisschen zu verkopft und unterkühlt. Kein impulsiver Kämpfertyp wie Boris. Stich hatte durchaus auch andere berufliche Optionen, falls es mit der großen Karriere nicht geklappt hätte.

Aber es ging rasant bergauf für den Schlaks: 1990 gewann er in Memphis sein erstes ATP-Turnier, 1991 erreichte er bei den French Open das Halbfinale und stand in den Top Ten der Welt. Im Tennis-Mekka in England bezwang er dann in der Vorschlussrunde dramatisch und sensationell Stefan Edberg. Da ahnte Becker schon, was auf ihn zukommen könnte: "Man schlägt nicht einfach so die Nummer eins der Welt in einem Wimbledon-Halbfinale."

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Michael Stich 1991 in Wimbledon © imago/Colorsport

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Becker flucht: "Ich spiele mir einen Mist zusammen"

Als der Leimener im Endspiel dann gleich sein erstes Aufschlagspiel verlor, wusste Stich, dass er eine Chance hat: "Ab da war meine Nervosität sofort verschwunden." Während Becker haderte und wie ein Rohrspatz mit sich selbst schimpfte ("Ich spiele mir einen Mist zusammen"), blieb der Norddeutsche cool, egal, was sein Gegenüber auch anstellte. Stich bewegte sich elegant, returnierte wie aus dem Lehrbuch und siegte nach nur zweieinhalb Stunden in drei Sätzen mit 6:4, 7:6, 6:4. Dieses Erdbeben im deutschen und internationalen Tennis kam selbst für Schiedsrichter Bryson offenbar überraschend, als er verkündete: "Game, Set, Match Becker"…

Weil auch Steffi Graf am Vortag im Damenfinale gegen Gabriela Sabatini gesiegt hatte, war der deutsche Triumph in Wimbledon perfekt. Doch Stich, Deutschlands Sportler des Jahres 1991, blieb auch fortan immer im Schatten Beckers, das eher mäßige Verhältnis zwischen dem dreimaligen Wimbledon-Sieger und Stich wurde medial zu den großen Sportrivalitäten der 1990er-Jahre aufgebauscht. Auch wenn das Duo als Zweckgemeinschaft 1992 in Barcelona Olympia-Gold im Doppel holte - Freunde wurden die beiden nicht. Auf dem Platz entschied Becker das ewige Duell mit 8:4 Siegen für sich, das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Charakteren entspannte sich aber erst nach den sportlichen Karrieren.

Trotz Einladung: Stich ist 2021 nicht beim Finale

Rückblickend empfindet Michael Stich, von 2009 bis 2018 Direktor des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum und ein erfolgreicher Geschäftsmann, seinen Wimbledonsieg als absoluten Segen: "Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Erfolg erringen durfte und ein Teil der Tradition und Geschichte bin." Die Einladung, anlässlich des 30-jährigen Jubiläums seines Triumphes zum diesjährigen Herrenfinale nach Wimbledon zu reisen, schlug er allerdings aus: "Mir blutet das Herz, aber wegen Corona wollte ich kein unnötiges Risiko eingehen."

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Michael Stich bejubelt 1991 seinen Wimbledon-Triumph. © picture-alliance / Rolf Kosecki

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 07.07.2021 | 12:25 Uhr

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