Vitali Klitschko beim Wiegen vor dem WM-Kampf gegen Juan Carlos Gomez © Imago

Vitali Klitschko: Früher Weltklasse-Boxer, nun Bürgermeister

Stand: 19.07.2021 22:01 Uhr

Vitali Klitschko war dreimal Box-Weltmeister und verlor in seiner Profikarriere nur zwei Kämpfe. Nach seinem Laufbahn-Ende zog es "Dr. Eisenfaust" in die Politik. Seit 2014 ist er Bürgermeister von Kiew.

von Christian Wriedt

Klitschko! An diesem Namen gab es fast 20 Jahre lang kein Vorbei. Im Boxsport nicht, in dem die ukrainischen Brüder Vitali und Wladimir Klitschko jahrelang das Schwergewicht beherrschten. Aber auch außerhalb des Rings waren die Wahl-Hamburger omnipräsent: als beliebte Werbegesichter, erfolgreiche Geschäftsleute und gern gesehene Gäste auf gesellschaftlichem Parkett.

Den Höhepunkt ihrer sportlichen Dominanz erreichten Vitali und Wladimir Klitschko im Juli 2011, als sich alle vier großen WM-Titel im Familienbesitz der beiden Ukrainer befanden. Vitali war Weltmeister im Schwergewicht nach WBC-Version, sein knapp fünf Jahre jüngerer Bruder Wladimir hielt die Gürtel der Verbände IBF, WBA und WBO. "Auf diesen Tag haben wir jahrelang hingearbeitet, wir haben unseren Traum wahr gemacht", sagte Vitali damals kurz vor seinem 40. Geburtstag.

Olympia-Gold musste Vitali seinem Bruder überlassen

Dabei fing alles etwas holperig an, zumindest für Vitali. Nach ersten Erfolgen als Weltmeister im Kickboxen und dem Triumph als Amateurboxer bei der Militär-WM 1995 wurden bei einer Dopingprobe in seinem Blut Spuren eines Steroids nachgewiesen. Ein Arzt hätte ihm seinerzeit ein falsches Medikament verabreicht, um eine Verletzung zu kurieren, so Vitali Klitschko. Die einjährige Sperre brachte ihn um die Olympia-Teilnahme 1996 in Atlanta. Wladimir sprang ein und holte prompt die Goldmedaille. Auch beim Box-Bundesligisten BC Sparta Flensburg wurde Vitali während der Zwangspause von seinem Bruder ersetzt.

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Die ganz große Karriere begann für den am 19. Juli 1971 geborenen 2,02-Meter-Hünen mit dem Wechsel ins Profilager nach den Olympischen Spielen 1996. Die umworbenen Brüder entschieden sich gegen ein Angebot des berühmten Promoters Don King. Statt in die USA wechselten Vitali und Wladimir zum Universum Boxstall, fortan und bis heute ist Hamburg eine Wahlheimat der Klitschkos.

Klitschko hält eine der höchsten K.-o.-Quoten

Ebendort, genau gesagt in der Sporthalle Wandsbek, gab Vitali Klitschko am 19. November 1996 sein Profidebüt, besiegte den US-Amerikaner Tony Bradham durch einen Knock-out in der zweiten Runde. Von seinen 45 Kämpfen sollte er am Ende seiner Karriere 43 gewonnen haben, davon 41 vorzeitig - 87,23 Prozent ist eine der höchsten K.-o.-Quoten in der Geschichte des Profiboxens. Sein Kampfname lautete "Dr. Eisenfaust". Eine Mischung aus dem etwas eigenwilligen Stil, die linke Führhand auf Hüfthöhe hängen zu lassen, um dann hart von unten zu schlagen, in Verbindung mit seiner erfolgreichen Doktorarbeit zum Thema "Sportbegabung und Talentförderung".

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Dreimal stieg Vitali Klitschko auf den Box-Thron, erstmals im Juni 1999, als er in London dem Titelverteidiger Herbie Hide derart zusetzte, dass dieser in der zweiten Runde aufgeben musste. Die FAZ bezeichnete Weltmeister Vitali als "neue Naturgewalt der Boxszene". Doch nach zwei erfolgreichen Gürtel-Verteidigungen setzte es knapp zehn Monate nach dem WM-Triumph die erste Profi-Niederlage seiner Karriere - in Berlin gegen Chris Byrd aus den USA.

Es folgten wechselhafte Jahre: 2003 kassierte er die zweite und letzte Niederlage seiner Karriere durch technischen K.-o. gegen Superstar Lennox Lewis, die Vitali Klitschko aber enormes Ansehen und Beliebtheit einbrachte. Nach dem neuerlichen WM-Titelgewinn 2004 wurde Klitschko immer verletzungsanfälliger: Knochenvorsprung an der Wirbelsäule, Meniskusschaden, Kreuzbandriss - er gab seinen Weltmeistergürtel kampflos ab und beendete im November 2005 offiziell die Karriere.

Der "Champion im Ruhestand" wird erneut Weltmeister

Ebenso überraschend kam dann das Comeback im Oktober 2008. Weil er vom Boxverband WBC in den Status des sogenannten "Champions im Ruhestand" versetzt wurde, durfte er sofort um die Weltmeisterschaft kämpfen - und gewann gegen den Nigerianer Samuel Peter. Neunmal verteidigte er erfolgreich den Titel, erst eine Handverletzung ließ weitere Kämpfe nicht mehr zu. Im Dezember 2013 gab Vitali Klitschko, mittlerweile 42 Jahre alt, ungeschlagen und als Weltmeister das Ende seiner Boxkarriere bekannt: "Meine Konzentration gilt jetzt der Politik in der Ukraine. Ich spüre, dass die Menschen mich dort brauchen."

Zu diesem Zeitpunkt waren die Klitschkos längst eine eigene Marke. Weil die beiden gebildet und kulturinteressiert sind, sich sozial engagieren und im Ring nie als tumbe Schläger präsentierten, werden sie in ihrer zweiten Heimat Deutschland verehrt. Vitali durfte sich 2014 im Beisein des damaligen Bürgermeisters Olaf Scholz ins Goldene Buch der Hansestadt Hamburg eintragen. Er erhielt den Laureus World Sports Award und das Bundesverdienstkreuz am Band für seinen Einsatz um die deutsch-ukrainischen Beziehungen.

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Als Bürgermeister landet Klitschko einen Punktsieg

Doch den Ex-Weltmeister zog es zurück nach Kiew, weil er sich dort in Umbruchzeiten politisch engagieren wollte und will. Sein Haus in Hamburg-Othmarschen behielt er, dort wohnen meist Frau Natalia und die drei Kinder. Klitschko selbst wurde 2010 Vorsitzender der damals neugegründeten pro-westlichen Partei UDAR (ukrainisches Akronym für "Schlag").

Im Mai 2014 wird er zum Bürgermeister von Kiew gewählt und im vergangenen Herbst landete der einstige K.-o.-Spezialist dort einen weiteren Punktsieg in seiner neuen Karriere: Er kam unter insgesamt 20 Kandidaten auf 50,52 Prozent der Stimmen und wurde damit zum zweiten Mal als Bürgermeister im Amt bestätigt. Vitali konnte allerdings nicht zur Wahl gehen, weil ihn eine mild verlaufene Corona-Infektion niederstreckte. Inzwischen ist der einstige Box-Riese wieder fit und behauptet sich weiter im politischen Ring. Medienberichten zufolge könnte Klitschko bei der ukrainischen Präsidentschaftswahl 2024 antreten.

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Sport aktuell | 19.07.2021 | 10:25 Uhr

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