Stand: 20.09.2020 23:20 Uhr

"Unverantwortlich": Boxer nach Corona-Fällen empört

von Michael Maske und Bettina Lenner

Knapp drei Wochen war Sarah Scheurich in Längenfeld in Tirol. Es waren drei Wochen zum Vergessen. Fast die gesamte Zeit über war die 27-Jährige vom Boxclub Traktor Schwerin in Quarantäne, nachdem sich beinahe die gesamte deutsche Box-Nationalmannschaft mit dem Coronavirus infiziert hatte. 18 Sportler und sieben weitere Personen aus dem Betreuerstab waren betroffen, sie zeigten teilweise starke Symptome, auch Krankenhausaufenthalte waren nötig.

Aktive offenbar nicht ausreichend informiert

"Ich habe vorher gedacht: 'Okay, ich weiß nicht, ob das schon der richtige Moment ist nach Österreich zu fahren.' Aber wenn man dann auch noch hört, dass da jemand mit Corona ist, dann ist das eine andere Geschichte", sagte Scheurich dem NDR Sportclub. In demselben Hotel hatte sich Schalke 04 aufgehalten, ein Spieler des Fußball-Bundesligisten hatte sich ebenfalls infiziert. Der Fußballprofi soll in einen Extratrakt des Hotels verlegt worden sein. Der Deutsche Boxsport-Verband (DBV) wusste frühzeitig von dem Schalker Fall, hatte seine Aktiven aber offenbar nicht vor der Abreise informiert.

VIDEO: Boxer erheben nach Corona-Fällen schwere Vorwürfe (4 Min)

Scheurich: "Irgendwie fragwürdig"

"Ich möchte das schon irgendwie selbst entscheiden, welches Risiko ich eingehe, wenn ich ins Trainingslager fahre", betonte die deutsche Meisterin im Mittelgewicht. "Uns wurde halt vor Ort in einer Teambesprechung gesagt, dass es in dem Hotel, in dem wir uns befinden, Corona-Fälle gab. Ganz ehrlich, ich liebe meine Familie. Ich will niemand anstecken. Da hätte ich mir zweimal überlegt, ob ich das machen werde oder nicht", sagte der Hamburger Ammar Riad, Olympiakandidat im Schwergewicht, der ebenfalls infiziert war.

Direkt gegenüber von Scheurich und ihren Teamkollegen waren immer noch Schalker Teammitglieder in Quarantäne untergebracht. Laut Verantwortlichen des Bundesligisten mit negativen Corona-Testergebnissen. "Sie haben Essen reingeholt. Im Nachhinein hat man ja gesehen, dass das nur Kontaktpersonen waren. Aber irgendwie ist das trotzdem fragwürdig", meinte Scheurich.

Reagierte das Hotel angemessen?

Fragwürdig ist auch die Rolle des Hotels, in dem die Sportler untergebracht waren. Gäste, die vom 6. bis 9. September auf demselben Flur wie die Sportler wohnten, wurden durch die zahlreichen Essenlieferungen auf die Zimmer und schließlich die Berichterstattung rund um das Boxteam auf die Vorfälle aufmerksam und wandten sich einige Tage nach ihrer Abreise an Sarah Scheurich sowie die Leitung des "Aqua Dome". Eine zufriedenstellende Antwort, warum sie nicht über die Corona-Fälle informiert worden seien, erhielten sie aus ihrer Sicht vom Hotel nicht.

Man sei von den Behörden erst in der Nacht zum 11. September über die Infektionen in Kenntnis gesetzt worden, also nach der Abreise der betreffenden Gäste, teilte ein Sprecher des Hotels dem NDR Sportclub auf Nachfrage mit. "Nach dem für diesen Fall vorgesehenen Sicherheitsprotokoll wurden sämtliche Personen umgehend nach Vorliegen eines positiven Testergebnisses in abgetrennten Räumlichkeiten isoliert. Alle übrigen Mitglieder der Gruppe mussten als Verdachtsfälle ebenfalls umgehend auf ihren Zimmern bleiben", hieß es. Laut einer Pressemitteilung des DBV wurden allerdings bereits am 8. September vier Mitglieder der deutschen Delegation positiv getestet. Schwer vorstellbar, dass diese wichtige Nachricht das Hotel nicht erreicht haben soll.

Teamarzt reiste eigenständig ab

Es sei "alles erdenklich Mögliche getan worden, sowohl für die Vorbereitung, den Aufenthalt in Längenfeld wie auch die medizinische Betreuung vor Ort", betonte der DBV zudem in der Mitteilung. Der Teamarzt, der in der zweiten Woche in Österreich war, reiste allerdings trotz Kontakts zu positiv getesteten Athleten eigenständig ab. Der Sportmediziner ist auch Corona-Beauftragter des Boxverbandes.

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Auf NDR Anfrage beim Gesundheitsamt Tirol, ob seine Abreise genehmigt war, hieß es: "Nein, das kann nicht bestätigt werden. Die betroffene Person wurde als enge Kontaktperson vonseiten der Gesundheitsbehörde per mündlichem Bescheid abgesondert. Eine Abstimmung hinsichtlich der Heimreise mit der Gesundheitsbehörde liegt nicht vor." Der Teamarzt wollte sich auf NDR Anfrage in dieser Angelegenheit nicht äußern.

"Das war unverantwortlich. Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat. Er hat nur an sich selbst gedacht", sagte Ammar Riad. "Auf Grund dieses nicht nachvollziehbaren Verhaltens wurde die DBV-Ärztekommission mit der Prüfung des Vorgangs beauftragt", so der Verband.

Sportler haben Zukunftsängste

Als Reaktion auf den Corona-Ausbruch wurde das nächste Trainingslager in Schwerin (30. September bis 10. Oktober) bereits abgesagt, der Cologne World Cup, der ursprünglich vom 14. bis 18. Oktober stattfinden sollte, auf Dezember verschoben. Die Sportler sind mittlerweile symptomfrei und wieder zu Hause. Doch die Enttäuschung sitzt tief - und sie machen sich Sorgen, wie es für sie weitergeht. "Ich habe Zukunftsängste, weil nächstes Jahr Olympia ist. Boxen ist meine Lebensgrundlage. Das wirft mich komplett aus der Bahn", sagte Scheurich.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 20.09.2020 | 22:50 Uhr

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