Stand: 06.07.2020 15:30 Uhr

Trauer um Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf

Der deutsche Sport trauert um Zehnkampf-Legende Willi Holdorf. Der Goldmedaillen-Gewinner von 1964 in Tokio starb am Sonntagabend im Alter von 80 Jahren nach schwerer Krankheit im schleswig-holsteinischen Achterwehr bei Kiel. IOC-Präsident Thomas Bach würdigte den Olympiasieger als Ikone der Leichtathletik. Als Freund habe er Willi Holdorf immer als geradlinigen und geselligen Menschen erlebt, "mit dem man hervorragend zusammenarbeiten, aber auch wunderbar gemeinsam feiern konnte".

Ein Idol auch für Weltmeister Kaul

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul reagierte geschockt. "Wenn man mit dem Zehnkampf anfängt, dann gibt es ein paar große Namen. Willi Holdorf stand da ganz, ganz oben", sagte Kaul. Holdorf hatte den überraschenden WM-Triumph des 22-Jährigen 2019 in Doha mit Begeisterung verfolgt. "Man konnte sich mit ihm über viele Dinge sehr gut unterhalten", sagte Deutschlands aktueller Sportler des Jahres: "Eigentlich war in diesem Jahr eine gemeinsame NDR-Doku geplant, wegen Corona kam das Projekt leider nicht mehr zustande."

"Willi war immer mein Held. Er hat mit seinem Olympiasieg im Zehnkampf das geschafft, was alle wollen. Doch er ist immer Mensch geblieben, hatte immer einen Spruch auf den Lippen. Er hat sich nie über die Dinge gestellt, ist einem immer auf Augenhöhe und nie herablassend begegnet. Er wird mir und dem Sport als Persönlichkeit fehlen." Frank Busemann

Christian Schenk: "Ein toller Sportsmann"

Auch Christian Schenk zeigte sich schwer betroffen. "Nein! Ich war noch zu seinem 75. bei ihm, und seiner Frau habe ich gestern erst zum Geburtstag gratuliert", sagte der Seoul-Olympiasieger am Montag.

Nachruf

Willi Holdorf - Ein wahrer König der Athleten

1964 wurde Willi Holdorf in Tokio sensationell Deutschlands erster Olympiasieger im Zehnkampf. Willenskraft war die Stärke des Multi-Talents. Jetzt ist der Holsteiner im Alter von 80 Jahren gestorben. mehr

"Wir haben uns ab und zu gesehen und dann immer mit 'Hallo, Herr Olympiasieger' gegrüßt", so der 55 Jahre alte Rostocker. "Willi war ein toller Sportsmann und ein sehr guter Unternehmer - und für mich ist er einer der wenigen, die das beides geschafft haben. Er war mein Idol!"

Freundschaft sei für Holdorf stets mehr als ein Wort gewesen, betonte Clemens Prokop, langjähriger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV): "Die Begegnungen mit ihm waren immer bereichernd, sein norddeutscher Humor ansteckend und seine Geradlinigkeit sehr beeindruckend. Durch seinen Tod hat die Leichtathletik und der gesamte deutsche Sport eine seiner großen Persönlichkeiten verloren und ist ärmer geworden." Holdorfs früherer Verein TSV Bayer 04 Leverkusen trauert "um eine Lichtgestalt", wie Jörn Elberding, der Geschäftsführer der Leichtathletik-Abteilung, mitteilte.

Mit letzter Kraft taumelnd zum Olympia-Sieg

Als erster Deutscher wurde Holdorf am 19. Oktober 1964 zum "König der Leichtathleten" gekürt. Nach ihm gelang dies nur dem damaligen DDR-Leichtathleten Schenk 1988 in Seoul.

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Olympia 1964 in Tokio: Holdorf gewinnt Zehnkampf-Gold

Historisch: 1964 in Tokio rannte Willi Holdorf völlig entkräftet zum Olympiasieg im Zehnkampf. Der Schleswig-Holsteiner war der erste deutsche "König der Athleten". Video (01:09 min)

Mit Holdorfs Triumph sind vor allem die Bilder vom abschließenden 1.500-m-Rennen verbunden: Die letzten Schritte zum Sieg lief er taumelnd in Schlangenlinien. "Mir wurde schwarz vor Augen", berichtete Holdorf einmal.

Nach neun Disziplinen war er mit 18 Sekunden Vorsprung auf Rein Aun aus der Sowjetunion ins Rennen gegangen und kam elf Sekunden vor seinem Widersacher ins Ziel. Am Ende siegte er mit 7.887 Punkten, seine Goldmedaille hängt seit Jahren im Deutschen Sport- und Olympia-Museum in Köln. "Das ist das Idealbild eines Zehnkämpfers: kämpfen bis zur absoluten Erschöpfung. Wenn ich ein Vorbild hatte, dann war es immer Willi. Er hatte das Herz am rechten Fleck, den Kampfgeist und die Leidenschaft", sagte Frank Busemann, 1996 in Atlanta Olympiazweiter im Zehnkampf.

"Unvergessen das Bild seiner völligen Erschöpfung nach dem abschließenden 1.500-m-Lauf in Tokio 1964, unvergessen aber vor allem sein sympathischer und offener Charakter. Eine Begegnung mit Willi Holdorf war immer lehrreich und unterhaltsam zugleich." DOSB-Präsident Alfons Hörmann

2011 in die "Hall of Fame" aufgenommen

Nach seinem Coup wurde Holdorf zum "Sportler des Jahres" gewählt und bekam das Silberne Lorbeerblatt, die höchste Auszeichnung im deutschen Sport. 2011 wurde er in die "Hall of Fame" des deutschen Sports aufgenommen. Seine Karriere beendete er bereits mit 24 Jahren, da er Geld verdienen musste, um seine Familie zu ernähren. Als Leichtathletik-Trainer führte er den Stabhochspringer Claus Schiprowski 1968 zu Olympia-Silber. Von 1971 bis 1973 war er Bremser im Zweier- und Anschieber im Viererbob - und holte mit Horst Floth 1973 EM-Silber.

Fußball-Trainer bei Fortuna Köln

Auch im Fußball und Handball hinterließ er Spuren. Als Trainer bei Fortuna Köln konnte er allerdings in der Rückrunde der Saison 1974/75 in fünfmonatiger Amtszeit nach 14 Spielen den Bundesliga-Abstieg nicht verhindern. Danach konzentrierte er sich auf seinen Job als Vertreter des Sportartikelherstellers Adidas, den er 2016 aufgab. Als Gesellschafter und Mitglied des achtköpfigen Wirtschaftsausschusses schrieb er an der Erfolgsgeschichte des Handball-Bundesligisten THW Kiel mit. "In tiefer Trauer nimmt der THW Kiel Abschied von seinem Gesellschafter Willi Holdorf. Unser tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Frau Sabine, seinen Söhnen Jens und Dirk mit ihren Familien", so der Club.

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Willi Holdorf: Bilder einer Zehnkampf-Ikone

Er ist Deutschlands erster Olympiasieger im Zehnkampf: der Holsteiner Willi Holdorf. In Tokio feierte er 1964 seinen größten Erfolg. Bilder einer Zehnkampf-Legende. Bildergalerie

Ein Treffen mit Zehnkampf-Legende Willi Holdorf

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 06.07.2020 | 11:25 Uhr