Stand: 08.07.2019 16:00 Uhr

Thole/Wickler: Aus der "Zwangsehe" ins Schaufenster

Nach den berauschenden Auftritten bei der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft und dem unverhofften Gewinn der Silbermedaille haben Julius Thole und Clemens Wickler am Montag die weiße Flagge gehisst: Die frisch gekürten Vize-Weltmeister, die von Donnerstag an in Gstaad aufschlagen wollten, sagten ihren Start beim Welttour-Turnier in der Schweiz ab. "Nach den leichten Kreislaufproblemen von Julius im WM-Finale wollen wir auf Nummer sicher gehen", sagte ihr Manager Marc Stöckel. Die medizinische Abteilung will ausschließen, dass ein Infekt die Ursache für Tholes Probleme war. Ihr nächster Welttour-Auftritt ist nun ab dem 17. Juli beim Vier-Sterne-Turnier im portugiesischen Espinho geplant.

Hoffnungsträger für Tokio

Der kräftezehrende Weg in ihrem "Wohnzimmer" am Rothenbaum, der sie bis ins Finale führte, hat bei Thole/Wickler Spuren hinterlassen, die nicht nur physischer Art sein dürften. Was in den vergangenen zehn Tagen auf die beiden Newcomer vom Eimsbütteler TV eingeprasselt ist, muss wohl erst einmal verdaut werden: der ungewohnte Hype, die stattliche Prämie (45.000 Dollar) und der Erwartungsdruck, der ab sofort auf den jungen Sportlern lastet. Denn sie gelten nun als neue Hoffnungsträger für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr in Tokio. Die Voraussetzungen für eine Qualifikation sind günstig, denn die ersten 1.440 Punkte für die Weltrangliste haben sie dank WM-Silber schon mal auf ihr Konto gepackt. Im Ranking für Tokio sind sie derzeit Fünfte.

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Dass Thole/Wickler ein Jahr vor den nächsten Sommerspielen in die Weltspitze und damit in den Kreis der möglichen Medaillenanwärter bei Olympia aufgerückt sind, hat alle überrascht - nicht zuletzt sie selbst. "Wir sind Olympia einen großen Schritt näher gekommen", sagte Wickler dem NDR. "Aber natürlich sind wir noch nicht am Ziel." Dabei verlief der gemeinsame Start alles andere als geschmeidig. Nach Wicklers deutschem Meistertitel 2017 mit Tim Holler hatte der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) den Abwehrspezialisten überraschend mit dem Hamburger Talent und 2,06-Meter-Mann Thole zwangsvereint und den gebürtigen Starnberger an den zentralen Stützpunkt nach Hamburg beordert.

Messlatte für andere Teams

Eigentlich war das Projekt auf Olympia 2024 ausgerichtet, verriet Sportdirektor Niclas Hildebrand. Doch das Hamburger Beach-Duo überraschte mit seiner Entwicklung sogar den eigenen Verband. "Sie sind vor einem Jahr auf Platz 65 gewesen, jetzt sind der Wille und die Leidenschaft dazugekommen, 365 Tage im Jahr für Beachvolleyball zu leben. Diese Art muss die Messlatte für andere Teams sein", sagte Hildebrand.

Die fabelhaften WM-Tage von Thole/Wickler

ARD-Experte Brink ist beeindruckt

"Ihre Stabilität ist beeindruckend", lobte Olympiasieger und ARD-Experte Julius Brink, der vor zehn Jahren mit Jonas Reckermann in Stavanger den bisher einzigen WM-Titel für Deutschlands Männer auf Sand geholt hatte. "Sie sind ja immer noch brutal jung." Thole ist 22, Wickler 24. Der eine (Thole) studiert nebenher Jura, der andere (Wickler) BWL. "Abheben werden wir nicht, dafür sind wir nicht die Typen", stellte Wickler schon mal klar.

Wagner hat die Olympia-Kompetenz

Das Studium könnte in nächster Zeit dennoch in den Hintergrund rücken. Denn um den Olympia-Traum zu verwirklichen, wird der Tagesablauf in den kommenden Monaten eng getaktet sein, mit Terminen bei Bundes-, Taktik- und Balltrainern, der Sportpsychologin, Physiotherapeuten, Ärzten, Scouts und dem Manager. Zuletzt stieß in Jürgen Wagner ein ausgewiesener Experte für den gesamten athletischen Bereich zum Team. Der erfahrene Trainer weiß, wie man Olympiasieger formt: seine Schützlinge Brink/Reckermann (2012) und Laura Ludwig/Kira Walkenhorst (2016) bekam er auf den Punkt topfit. Das Selbstbewusstsein ist bei Thole/Wickler jedenfalls schon enorm gestiegen - und das darf auch jeder wissen: "Wenn wir gelassen auftreten und uns regulieren", sagte Thole, "können wir jedes Team der Welt schlagen."

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 07.07.2019 | 19:30 Uhr