Talente in der Corona-Krise: "Gute Sportler gehen flöten"

Stand: 30.11.2020 10:51 Uhr

Hallen und Sportplätze geschlossen - Wettkämpfe wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Was machen Kinder und Jugendliche ohne Sport? Geht womöglich eine ganze Generation an Talenten verloren?

von Andreas Bellinger

Hier und da macht schon das Wort von der verlorenen Generation die Runde. Tatsächlich stellt sich in Zeiten der Corona-Pandemie die Situation im Sport für Talente sowie Kinder und Jugendliche trostloser dar, als es sich die Profis im Fußball, Handball oder Wintersport vorstellen mögen.

Während der Ski-Zirkus und das Millionenspiel im Fußball trotz der öffentlichen Einschränkungen wegen der nach wie vor hohen Zahl an Corona-Infizierten weitergehen, wenn auch ohne Zuschauer, sind Hallen und Sportplätze für den Nachwuchs geschlossen - und Wettkämpfe abgesagt. "Es bleibt schlicht die Frage, wie viel geht dem Sport dadurch verloren", sagt Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und sorgt sich um die, "die aussteigen und nicht zurückkehren."

Peiffer und Schwarzer warnen

Biathlon-Olympiasieger und -Weltmeister Arnd Peiffer vom WSV Clausthal-Zellerfeld durchlebte in seiner Karriere auch Zweifel und Sinnkrisen. Einmal war er kurz davor, Ski und Gewehr endgültig in die Ecke zu pfeffern. "In so einem Moment, können die äußeren Umstände das Zünglein an der Waage sein", sagt er im NDR und warnt, "dass uns der eine oder andere 18- oder 19-jährige durchaus verloren gehen kann".

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Sagawe: "Nachwuchs fehlen viele Möglichkeiten"

Die Sorge könnte berechtigt sein. "Es ist in vielen Sportarten so: Die obere Ebene kann weitermachen, aber für die jüngeren Talente fehlt ein bisschen die Perspektive", so Peiffer. Wer in einem Perspektiv- und Nachwuchskader an einem Stützpunkt weiter trainieren darf, hat vergleichsweise das große Los gezogen.

Wie Leichtathlet Niklas Sagawe vom PSV Eutin, der im vorigen Jahr deutscher U20-Vizemeister im Hochsprung und Vierter im Speerwerfen geworden war. "Ich habe Ziele, kann mich gut motivieren. Dem Nachwuchs aber, der erst noch Leistungssportler werden will, fehlen viele Möglichkeiten. Das ist sehr schade."

Kinder auf dem Abstellgleis

Zum Training fährt der 20-Jährige ins Landesleistungszentrum nach Malente. Er ist privilegiert - und das weiß er zu schätzen. "Die, die nicht die Möglichkeiten haben, in einer Halle zu trainieren wie ich, denen fällt es natürlich schwer in dieser Phase." Es sind womöglich Kinder, Jugendliche und hoffnungsvolle Talente dabei, die irgendwann den Weg zum Spitzensport gefunden hätten. Nun aber stehen sie auf dem Abstellgleis und verlieren im schlechtesten Fall für immer den Kontakt zum Sport.

"Woher soll der Nachwuchs kommen", so der Vizepräsident des Landessportverbandes Niedersachsen, Bernd Küppersbusch, "wenn die Kinder, die heute anfangen könnten, im Breitensport erst gar nicht die Möglichkeit dazu bekommen?"

Ruderin Guhse: Sinnhaftigkeit fehlt

Gut sei zumindest, dass die meisten Leistungskader trainieren dürften, betont Küppersbusch. "Wenn das auch noch verwehrt würde, glaube ich, haben wir gar keine Chance mehr." Tatsächlich fehlt schon jetzt dem einen oder anderen Sportler die Sinnhaftigkeit des sportlichen Tuns.

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"Ich kenne Beispiele, die aufgehört haben, weil sie nicht mehr wussten, wofür sie es eigentlich tun", sagt Ruderin Judith Guhse, die 2019 Vierte der Juniorinnen-WM geworden war. "Wenn man erst einmal merkt, wie viele Möglichkeiten man sonst noch hat in seiner Freizeit, ist es verständlich, wenn manche sagen: Vielleicht ist der Leistungssport dauerhaft doch nichts für mich. Es gehen bestimmt einige gute Sportler flöten."

Zwangspause oder Endstation?

Vielleicht sieht die 18-Jährige aus Rendsburg, die in diesem Jahr statt sieben oder acht Rennen nur einen Wettkampf bestreiten durfte, den aktuellen Zustand zu schwarz. Gut möglich vielleicht, dass diejenigen, die momentan deprimiert und ohne Ziel den Sport aufgeben wollen, bald doch wieder mit von der Partie sind.

Vielleicht sorgt die Zwangspause auch dafür, den Sport in einem anderen Licht zu sehen - nicht nur den Verzicht, der für jeden dazugehört, der Siege, Titel und Ruhm erreichen will. "Wer einmal Sport getrieben hat, wird weiter Sport machen", glaubt Küppersbusch. Fraglich sei nur, ob dann auch noch als Leistungssportler.

Bewegungsmangel ein Problem für Generationen

Der Spaß am Wettkampf und an der Bewegung ist vielen Kindern ohnehin schon länger abhandengekommen. Die Beschränkungen der Corona-Pandemie haben einen traurigen Trend nur weiter befeuert. "Mehr als 80 Prozent der Heranwachsenden erreichen nicht mehr die von der Weltgesundheitsorganisation WHO geforderte Bewegungszeit von 60 Minuten pro Tag", zitiert die Deutsche Sportjugend aus dem Kinder- und Jugendsportbericht der Krupp-Stiftung.

Dabei hat Bewegungsmangel nicht nur Einfluss auf die Gesundheit und die ganzheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, sondern auch auf deren Lernverhalten und das soziale Miteinander. Wohl ein Problem für Generationen.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 29.11.2020 | 22:50 Uhr

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