Schockemöhle: "Unverzeihlich - Behörden haben Herpes ignoriert"

Stand: 06.03.2021 10:37 Uhr

Reitsport-Legende Paul Schockemöhle und Bundestrainer Otto Becker haben sich im NDR Gespräch entsetzt über den Ausbruch der aggressiven Herpes-Variante in Valencia und die möglichen Folgen gezeigt.

von Sandra Maahn und Bettina Lenner

Keine Meldepflicht, keine Impfpflicht gegen das gefährliche Pferde-Virus - für Schockemöhle ist das unbegreiflich. "Ich trete schon seit 15 Jahren dafür ein, aber die Behörden haben Herpes ignoriert und seit zig Jahren verpennt. Das ist unverzeihlich", sagte der 75-Jährige im Interview. Auch die einzelnen Pferdezüchter und Pferdehalter seien nicht genügend aufgeklärt. "Wir impfen schon seit 30 Jahren alle unsere Zuchtpferde, die Sportpferde und auch die Jungpferde in der Aufzucht", schilderte Europas größter Pferdezüchter. Es gebe "keinen 100-prozentigen Schutz. Aber wenn man das immer ordnungsgemäß gemacht hat, greift er normalerweise."

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Mittlerweile sind auch in Deutschland zwei Pferde an der aggressiven Herpes-Variante EHV-1 gestorben, die zuvor bei einem Turnier in Valencia vor rund zwei Wochen erstmals festgestellt worden war. Nach Angaben des Reitsport-Weltverbandes FEI sind insgesamt neun Pferde daran verendet. "Die Bilder, die man aus Valencia sieht, sind ganz schrecklich. Das ist eine Extremsituation, die ich so noch nie erlebt habe", sagte Becker.

"Eine Impfpflicht einzuführen, wäre ein gewaltiger Schritt für viele Ställe. Aber wenn in Valencia geimpfte Pferde besser geschützt waren oder der Verlauf milder war, ist es dringend zu empfehlen, national und international eine Impfpflicht einzuführen." Otto Becker

Für die Pferde, die aktuell nicht betroffen sind und in Deutschland stehen, sei die Gefahr nicht größer als vorher, meinte Schockemöhle, doch er betonte: "Ich kann nur allen Pferdehaltern empfehlen, direkt zu impfen."

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Folgen sind nicht abzusehen

Die Folgen für die ohnehin von Corona gebeutelte Branche seien nicht abzusehen: "Ich verkaufe normalerweise 95 Prozent meiner Pferde ins Ausland. Das ist alles nicht möglich im Moment." Auch gebe es Fälle, die zwar nicht zum Tod führen, aber "zu einer Erkrankung des Nervensystems, sodass die Pferde für den Sport geschädigt sind", schilderte der dreimalige Europameister im Springreiten, der auch Turniere veranstaltet. Wie im April in Hagen am Teutoburger Wald, wo die erste Etappe der Riders Tour stattfinden soll - mit ausschließlich geimpften Pferden. Ob es dazu kommt, steht allerdings in den Sternen. Zunächst sind alle Turniere in Deutschland bis zum 28. März abgesetzt.

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Olympia-Planungen weiter erschwert

"Die Entscheidung war alternativlos. Es sind viele Pferde aus Valencia weggefahren, die jetzt das Virus in die weite Welt tragen könnten", sagte Becker. Auch in Doha, wo derzeit die Global Champions Tour startet, und Florida sind mittlerweile Fälle aufgetreten. Für den Bundestrainer Springreiten werden die ohnehin komplizierten Olympia-Planungen nun weiter erschwert. "Die Idee war ja, dass man die Pferde jetzt auf diesen Touren im Süden sehen kann. Wie sie in Form sind oder auch, ob neue Pferde kommen, die dort Wettkampfpraxis sammeln können. All das fällt jetzt weg", erläuterte der Mannschafts-Olympiasieger von 2000 in Sydney. "Eine vernünftige Planung, wie wir sie gerne hätten, kann im Moment nicht stattfinden. Wir warten jetzt einfach ab, was wann passiert."

Abwarten. Notgedrungen auch die Strategie von Schockemöhle, in Tokio Manager der japanischen Springreiter-Equipe. Werden die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden? "Die Japaner halten an Olympia noch sehr fest. Trotzdem wird es sehr schwer werden, alle Athleten und Funktionäre gegen Corona zu impfen. Ich würde sagen, die Chancen stehen 50:50", so der Mannschafts-Silbermedaillengewinner von 1976.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 07.03.2021 | 22:50 Uhr

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