Stand: 17.07.2019 08:45 Uhr

Rothenbaum-Chefin Reichel: "Zverev ist wie ein Geschenk"

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Rothenbaum-Turnierdirektorin Sandra Reichel.

Sandra Reichel ist für die kommenden fünf Jahre Chefin des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum. Gemeinsam mit ihrem Vater, Peter-Michael Reichel, will sie der zum 113. Mal stattfindenden Traditionsveranstaltung (22. bis 28. Juli / live im NDR) neues Leben einhauchen Wie es zum Stimmungswandel am Rothenbaum kam und was Alexander Zverev veranlasst hat, in seiner Heimatstadt aufzuschlagen, erzählt die 48-Jährige im Interview mit NDR.de.

Wie nervös sind Sie vor Ihrer Premiere am Rothenbaum?

Sandra Reichel: Ich würde sagen, ich bin dauernervös. Wir wissen ja nicht so genau, was bei der Premiere auf uns zukommt. Aber ich glaube schon, dass wir sehr gut vorbereitet sind. Mein Vater (Peter-Michael Reichel/Anm.d.Red.) und ich veranstalten hier unser 60. professionelles Tennisturnier. Zudem haben wir ein tolles Team, das sehr viel Erfahrung hat. Die Zusage von Alexander Zverev hat dabei noch mal einen riesigen Schub gegeben.

Wie lief der Coup mit "Sascha" Zverev?

Reichel: Wir wissen, wie wichtig es in Deutschland ist, dass der beste Spieler des Landes dabei ist. So gesehen, ist ein Traum wahr geworden. In den vergangenen Jahren hat Zverev immer in Washington gespielt. Deshalb haben wir eigentlich gar nicht damit gerechnet, ihn verpflichten zu können. Als wir aber gesehen haben, dass er dort auf der Meldeliste nicht auftaucht, haben wir den Kontakt mit der Familie wieder aufgenommen. Es hat geklappt. Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht mehr daran geglaubt.

Wie teuer war es, ihn nach drei Jahren Pause von einem Start in seiner Heimatstadt zu überzeugen?

Reichel: Darüber kann ich nichts sagen. Die Verhandlungen sind natürlich wie immer streng vertraulich.

Zaubern Sie kurz vor Turnierbeginn eine weitere Überraschung aus dem Hut?

Reichel: Erst einmal sind wir froh, dass wir in meinem österreichischen Landsmann Dominic Thiem, der momentan sicher einer der besten Tennisspieler auf der Tour ist, und dem Italiener Fabio Fognini zwei weitere Top-Ten-Spieler dabeihaben. Das ist großartig. Ein so starkes Feld hat es lange nicht mehr gegeben. Hinzu kommen in Jan-Lennard Struff, Wildcard-Spieler Rudi Molleker und Philipp Kohlschreiber noch drei Deutsche. Kohlschreiber spielt hier zum 15. Mal, stand 2014 und 2017 im Halbfinale. Für die Eröffnungsfeier am Sonntag, bei der die Spitzenspieler dabei sein werden, haben wir uns noch etwas einfallen lassen. "Sascha" und Mischa Zverev werden vorher um 17 Uhr ein Mixed mit Barbara Schett und Iva Majoli spielen.

Wie haben sich die Vorverkaufszahlen nach Bekanntwerden der Verpflichtung von Alexander Zverev verändert?

Reichel: Die Zahlen waren auch vorher schon sehr gut. Aber natürlich ist die überraschende Startzusage von Zverev wie ein Geschenk für uns. Ich bin aus Erfahrung aber überzeugt, dass die Fans nicht nur wegen der deutschen Spieler zum Rothenbaum kommen. Das Turnier hat seinen Wert als Traditionsveranstaltung.

Auf die Frage, warum Ihnen offenbar gelingt, was Ihr Vorgänger Michael Stich jahrelang vergeblich versucht hat, nannte Ihr Vater glückliche Umstände. Das Stadion wird für viele Millionen renoviert, der Senat sitzt mit im Boot und auch Alexander Zverev erinnert sich an seine Hamburger Wurzeln. Ist das wirklich alles nur Glück?

Reichel: Wir haben gewusst, dass wir mit vielen Leuten reden müssen, um alle an einen Tisch zu bekommen. Wir konnten deutlich machen, dass nur so eine Zukunft für den Turnierstandort besteht. Da hatten wir vielleicht das Glück des Tüchtigen. Vor allem Alexander Otto hat erkannt, dass der Rothenbaum ein Leuchtturm für die Sportstadt Hamburg ist, der in die ganze Welt strahlt. Tennis ist die Sportart Nummer zwei und die Übertragungen werden in aller Herren Ländern gesehen.

Sind Sie und Ihr Vater als Österreicher vielleicht charmanter beim Verhandeln?

Reichel: Charme allein reicht sicher nicht. Vielleicht waren wir einfach überzeugend. Wir kennen den Tenniszirkus seit vielen Jahren. Es geht uns um die Tradition dieses Turniers. Es gab hier ja viele Geschichten, nicht nur die zehn Jahre mit Michael Stich. Man sollte dabei auch nicht vergessen, welch schweren Job er nach dem Downgrade zu einem 500er-Event bewältigt hat. Wir schreiben jetzt eben eine neue Geschichte. Was fehlt, ist ein Pool Hamburger Sponsoren, die den Rothenbaum als "unser Turnier" betrachten und fördern. Das wird noch viel Arbeit kosten.

Von Ihrem Büro aus konnten Sie den Hype bei der Beachvolleyball-WM verfolgen. Was kann Tennis von den Beachern lernen?

Reichel: Es ist schwierig, die Veranstaltungen zu vergleichen. Beachvolleyball ist eine große Party, bei der es um Sport geht. Bei uns gibt es die ATP-Regeln. Da muss man beispielsweise leise sein. Nichtsdestotrotz waren wir gut aufeinander abgestimmt, haben gemeinsam geplant und Synergien genutzt. Wir sind ein gutes Doppel. Zwei Sportveranstaltungen, die wichtig sind für diese Stadt.

Wie steht es um die Ambitionen, im Vorfeld der US Open lieber auf Hartplatz zu spielen?

Reichel: Ein schwieriges Thema. Es bedarf vieler Gespräche: Mit dem Deutschen Tennis Bund (DTB), mit der Stadt, mit dem Club an der Alster und vor allem mit der ATP. Die ist für den Turnierkalender maßgebend. Auf Hartplatz umstellen zu wollen, wäre eine riesige Herausforderung. Wir werden Erfahrungen sammeln, uns zusammensetzen und das weitere Vorgehen beratschlagen. Einfach den Belag oder Termin zu wechseln, geht jedenfalls nicht. Wenn man etwas ändern will, klappt das nur mit dem Segen der ATP.

Sie haben einen Vertrag für fünf Jahre. Garantieren Sie, dass das Traditionsturnier am Rothenbaum bleibt?

Reichel: Wir tragen ein hohes Risiko, wollen das Turnier hier aber unbedingt halten. Es muss allerdings auch finanzierbar sein. Dafür brauchen wir die Unterstützung starker Partner in Hamburg.

Das Interview führte Andreas Bellinger, NDR.de

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Sport aktuell | 17.07.2019 | 10:25 Uhr