Martyna Trajdos in Aktion © dpa Foto: Jonas Güttler

Reisen trotz Corona: Sportler wollen selbst entscheiden

Stand: 23.11.2020 09:35 Uhr

Obwohl die Infektionszahlen nach wie vor hoch sind, fahren die meisten Sportler weiter zu Wettkämpfen auch in Risikogebiete. Manche wollen - andere müssen. Was sind die Argumente beim Abwägen und Suchen nach einem Mittelweg?

von Andreas Bellinger

Die Appelle der Kanzlerin verhallen, Clubs und Nationalmannschaften reisen ungeachtet von Corona-Pandemie und nach wie vor hoher Infektionsgefahr in aller Herren Länder - sogar in Gebiete mit extrem hohen Infektionszahlen. Vier Handballer wurden nach einer Woche EM-Qualifikation positiv getestet, Teams müssen in Quarantäne, Spielpläne geraten angesichts von Absagen ins Wanken. Aber wer fragt eigentlich die Sportler, ob sie das alles wollen? Wie entscheiden sich die Profis auf dem Weg zu Titeln und Olympia zwischen Risiko und Job?

Judoka Trajdos mit Bedenken und Bronze

Martyna Trajdos in Aktion © dpa Foto: Jonas Güttler
Holte EM-Bronze in Prag: Judoka Martyna Trajdos

"Natürlich hatten wir anfangs Bedenken", sagt Judoka Martyna Trajdos dem NDR. "Wenn man aber das Ziel Olympia hat, muss man sich bestmöglich arrangieren." Mit einigem Bauchgrimmen zwar sei die Europameisterin von 2015 zur Judo-EM nach Prag gereist.

"Ich war mir unsicher, ob das jetzt gerade das Wichtigste ist, wo die Gesundheit aller Menschen im Vordergrund steht." Aber das Vertrauen in ein gutes Hygienekonzept obsiegte - Bronze in der Gewichtsklasse bis 63 Kilo war für die 31-jährige Hamburgerin die Zugabe.

Anfassen erlaubt, Handschlag verboten

Fünfmal war sie innerhalb von sieben Tagen getestet worden, keinen Kontakt zu anderen Judoka durfte Trajdos haben. Auch nicht zu den Kollegen aus der eigenen Mannschaft. Auf der Matte aber ging es wie gewohnt zur Sache. Die Gedanken an eine Ansteckung seien rasch verflogen. "Komisch war es nur für einen kurzen Moment", sagt die Athletin. So wie nach ihrem Auftaktkampf, als die Gratulation per Handschlag verboten war.

Wiencek kritisiert "unnötiges Risiko"

Die Probleme der vielbeschäftigten deutschen Handballer sind handfester. Im Januar 2021 schon sollen sie bei der Weltmeisterschaft in Ägypten spielen, die erstmals mit 32 Mannschaften stattfinden soll. Der Kieler Patrick Wiencek ist, wie es scheint, noch immer nicht sonderlich glücklich darüber. "Wenn meine persönliche Meinung zählen würde, würde ich nicht spielen", sagt er über das "unnötige Risiko. Es gibt nichts Wichtigeres als die Gesundheit; was einige Leute leider ganz schnell vergessen." Und mit den Spielern werde über derlei Angelegenheiten nicht geredet.

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Reise zur Handball-WM käme nicht gut an

Der durchtrainierte Kreisläufer gibt andererseits aber auch zu bedenken, dass die WM-Blase möglicherweise sogar einer der sichersten Orte überhaupt sein könnte. Dann nämlich, "wenn sich alle Mannschaften an die Hygienevorschriften halten" und überdies nur zwischen Hotel und Spielhalle pendeln. Für den deutschen Handball geht es zudem um Präsenz im TV - und für den Veranstalter um satte 30 Millionen Euro allein vom Fernsehen. Trotzdem käme es in der Gesellschaft wohl nicht gut an, so Wiencek, wenn die einen ihre Läden schließen müssen und im "Lockdown" nicht arbeiten dürfen "und wir zu einer WM reisen".

Ringer Stäbler und die Folgen seiner Erkrankung

Der dreimalige Weltmeister Frank Stäbler ringt noch immer mit den Folgen seiner Covid-19-Erkrankung aus dem Oktober. Atemnot und schlimme Schmerzen in der Brust plagen den Ringer bei jeder Belastung - er erreicht nur 80 Prozent seiner Leistungsfähigkeit. "Der Hammer kommt und drückt mir die Luft ab." Stäbler träumt dennoch von Tokio, will seine Karriere mit der olympischen Goldmedaille krönen und beenden. Die Fragezeichen bleiben: "Niemand kann mir sagen, ob es Langzeitfolgen gibt oder nicht. Corona ist gefährlich und darf nicht unterschätzt werden."

Stäbler: Profisport aufrechterhalten

Frank Staebler beim Ringen.
Ringer Frank Stäbler.

Stäbler warnt aber nicht nur, sondern plädiert auch, das Geschäft des Profisports so weit wie möglich aufrechtzuerhalten.

"Weil die Vorsichtsmaßnahmen bei den Wettkämpfen und die Kontrollen davor, während und danach auf einem sehr hohen Niveau sind", so der 31-Jährige im NDR. "Wenn man zu Hause ist, in seinem Umfeld oder wenn man sich mit Freunden umgibt, ist das Risiko eigentlich sehr viel höher." So wie andere zur Arbeit gingen, müsse es der Profisportler eben auch. "Man muss abwägen und möglicherweise einen Mittelweg finden", sagt Stäbler.

Volleyball in der "Bubble"

Die frühere Schweriner Volleyballerin Louisa Lippmann hat ihn für sich gefunden. Als Profi in Shanghai ist sie vor einem Monat zurück nach China gereist. Bedenken habe sie nur bezüglich des Prozedere der Reise gehabt. Zumal die Saison unter besonderen Vorzeichen steht. "Wir haben keine Heim- und Auswärtsspiele. Alle Mannschaften sind an einem Ort und pendeln zwischen Hotel und Hallenkomplex nebenan. So wie es die NBA auch gemacht hat."

Lippmann: "Sehr harte Probe"

In der "Bubble" fühle sie sich sicher, sagt die 26-Jährige. Stippvisiten in der Stadt sind verboten. Kontakt nach draußen? Fehlanzeige. Zuschauer gibt es nicht, aber alle Spiele werden im Fernsehen gezeigt. "Es ist einfach eine extrem schwierige Situation. Einerseits ist es unser Job, mit dem wir unseren Lebensunterhalt verdienen", so Lippmann. "Aber natürlich muss die Sicherheit immer an erster Stelle stehen. Eine sehr harte Probe."

Tischtennis-Weltcup: Boykott gescheitert

Die deutschen Tischtennisspieler sind auch in China - und mussten wie Louisa Lippmann erst einmal acht Tage im Hotel in Quarantäne bleiben. Lust auf den Weltcup mit den anschließenden ITTF Finals hatten Dimitrij Ovtcharov & Co. zwar nicht, aber der Versuch eines Boykotts scheiterte. Auch weil die favorisierten Chinesen ihren Heimvorteil nicht aufgeben wollten. Zu Hause zu bleiben war keine echte Option, erklärt Bundestrainer Jörg Roßkopf: "Man braucht die Punkte, um in Tokio eine gute Setzung für das olympische Turnier zu bekommen."

Trajdos: "Jeder muss für sich entscheiden"

"Weltreisen sind momentan sicherlich nicht angesagt", sagt der unter den Corona-Folgen leidende Stäbler. "Reisen zu Wettkämpfen ganz einzustellen, sind es aber auch nicht." Maximilian Levy dachte ebenso und gewann bei der Bahnrad-Europameisterschaft in Bulgarien die Titel im Sprint und Keirin. Auf eigene Rechnung, weil es der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) aus Sicherheitsgründen abgelehnt hatte, Sportler in das vom Auswärtigen Amt ausgewiesene Risikogebiet zu entsenden. Wie sagt doch Judoka Trajdos im NDR: "Jeder muss für sich entscheiden."

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