Stand: 31.08.2015 09:00 Uhr  | Archiv

Reicher Fußball - armer Sport

von Andreas Bellinger, Hendrik Maaßen und Jonas Schützeberg

Sie sind Olympiasieger, Weltmeister oder Rekordhalter, doch kaufen können sie sich dafür wenig. Die meisten deutschen Top-Athleten kämpfen um ihre finanzielle Existenz und müssen sich entscheiden: Spitzensport oder berufliche Karriere.

Die besten Fußballer werden umworben und mit Millionen von Euro zugeschüttet, dass es dem Betrachter schwindelig wird. Im Poker um den Wolfsburger Kevin De Bruyne  wurde wochenlang mit den Millionen für Ablöse, Gehalt und Prozente für den Berater jongliert, als sei es ein Computerspiel und Peanuts der Einsatz. Marcell Jansen, der Profi vom Hamburger SV hatte zu alledem keine Lust mehr, sagte der 29-Jährige jedenfalls und verabschiedete sich vom Profifußball. Nach zwölf Jahren als Profi sollte das kassierte Geld ein Leben lang reichen. Doch die Gladiatoren des Fußballs spiegeln die Realität im Sport nicht wider. Die Wirklichkeit ist sehr viel härter, zumal in den olympischen Sportarten, bei denen es in der Regel nur Gold, aber keine Reichtümer zu gewinnen gibt.

"Wenn die Medaillen fehlen, ist das Heulen groß"

Markus Deibler jubelt. © imago
"Ich bin raus": Markus Deibler hörte überraschend auf.

Davon ein Lied singen können die Olympiasieger, Weltmeister und Rekordhalter, die dem NDR Sportclub von ihrem täglichen Kampf um Bestleistungen und  finanzielle Förderung erzählen. Der schwimmende Eisverkäufer Markus Deibler ist einer von ihnen. Der 25-Jährige sagte auf dem Höhepunkt seiner Karriere: "Ich bin raus. Mir fehlt die Motivation, mich für den wenigen Glanz und die magere Förderung jeden Tag zu quälen." Kurz vor Weihnachten im vorigen Jahr war Schluss mit dem "Kachelzählen" und "dem Kilometer kloppen". Deibler: "Es wird nicht richtig gefördert; und wenn dann die Medaillen fehlen, ist das Heulen groß." Nur wenige Tage zuvor hatte der Chef einer Eisdiele auf dem Hamburger Kiez in Doha bei der Kurzbahn-WM die 100 Meter Lagen in Weltrekordzeit gewonnen. Bundestrainer Henning Lambertz kann ihn sogar verstehen: "Andere Nationen zahlen Medaillengewinnern eine lebenslange Rente von mehreren Tausend Euro."

Weichen sollen neu gestellt werden

"Spitzensportförderung muss Spitzenleistungen hervorbringen", erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière und kündigte im Sportclub-Interview ein neues Förderkonzept nach Olympia in Rio 2016 an. Es soll das Abrutschen ins Mittelmaß verhindern und einen Schub geben für die Bewerbung Hamburgs um die Spiele 2024. "Alle sind unzufrieden mit dem Verhältnis von eingesetztem Geld und den Erfolgen", erklärte der Sportminister. Die Weichen sollen neu gestellt werden, fordert auch Alfons Hörmann. "Ein typisches Beispiel ist die Struktur der Olympiastützpunkte, die seit vier oder fünf Jahrzehnten unverändert ist", erklärte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Und warum nicht die Förderung der Verbände zugunsten der Einzelsportler beschneiden, fragte de Maizière: Spitzensportler seien auch Vorbilder und beförderten so den Breitensport.

"Nee, das Studium ist mir wichtiger"

Aber was passiert dann mit dem Nachwuchs? Was passiert mit den Sportarten, die im Schatten der Öffentlichkeit stattfinden, wie etwa der Moderne Fünfkampf? Fällt eine Lena Schöneborn, die in Peking 2008 Olympiasiegerin wurde und mit 25 Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften eine der erfolgreichsten Athletinnen dieser Sportart ist, durchs Sieb? Schon jetzt reicht die Förderung hinten und vorne nicht; die 29-Jährige geht halbtags arbeiten, um über die Runden zu kommen: "Ich denke, es gibt bei uns sehr viele Sportler, die Potenzial haben, aber aufhören, weil die Förderung fehlt, weil ihnen auch die Perspektive fehlt, und sie sagen: Nee, das Studium ist mir wichtiger."

Privilegiertes Rudern im Deutschland-Achter

Der deutsche Achter um den Hamburger Eric Johannesen (3.v.r.) © dpa picture alliance/Sven Simon Foto: FrankHoermann/Sven Simon
Eric Johannesen (3.v.r.) im Deutschland-Achter, dem Parade-Boot der Ruderer.

Rudern muss auch Eric Johannesen für seinen Lebensunterhalt - im doppelten Wortsinn. Zwar fühlt sich der Olympiasieger aus dem Deutschland-Achter privilegiert, weil er von Sponsoren unterstützt wird, aber "ausgesorgt habe ich nach meiner Karriere ganz sicher nicht". Er studiert und bereitet sich so auf die Zukunft abseits der Regattastrecken vor. Mit der Sporthilfe und den Sponsor-Zahlungen kann der 27-Jährige gut leben. "Man muss sich natürlich auch präsentieren können, was im Deutschland-Achter einfacher ist als in anderen Bootsklassen", betonte Johannesen. "Andere müssen viel privates Geld reinstecken, um überhaupt an Weltmeisterschaften teilnehmen zu können." Ein  Olympiasieg wird von der Sporthilfe mit 15.000 Euro honoriert, WM-Gold im Jahr danach mit zusätzlichen 800 Euro pro Monat. Gutes Geld, aber nicht annähernd das, was in anderen Ländern gezahlt wird.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 02.09.2015 | 23:35 Uhr

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