Stand: 17.12.2019 09:48 Uhr

Radprofi Greipel: Im Herbst der Karriere nach Israel

von Christian Görtzen, NDR.de
André Greipel inszeniert sich auf seiner Homepage symbolträchtig.

Wer über die Schulter zurückblickt, der verliert nur das Ziel aus den Augen. Das wissen die Sprinter unter den Radprofis - geprägt vom Ellenbogeneinsatz auf der Schlussgeraden - nur allzu genau. Und so hat André Greipel, der 37 Jahre alte gebürtige Rostocker, für seine Homepage ein symbolträchtiges Bild gewählt, um eine Weggabelung im Herbst seiner Karriere zu illustrieren. Greipels Gesicht bleibt auf dem Foto verborgen, zu sehen ist sein Hinterkopf. Er steht vor einer mit goldenen Blättern gesäumten Allee, die etwa 100 Meter weiter nach links führt und neue Entdeckungen verspricht. "Ich schaue nur nach vorne. Und für 2020 voll motiviert in eine sportliche Zukunft im Peloton", hat Greipel dazu geschrieben.

Deutsches Trio bei "Israel Start-Up Nation"

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André Greipel im Trikot seines neuen Teams "Israel Start-Up Nation".

Das ist einerseits ein dezenter Hinweis, dass er über seine enttäuschend verlaufene Saison beim französischen Team Arkea-Samsic nicht mehr nachdenken, geschweige denn sprechen möchte. Viel wichtiger ist ihm offensichtlich, zu vermitteln, dass sich seine Zukunft spannend gestalten wird. Greipel hat für das kommende Jahr einen Vertrag beim neuen Profi-Team "Israel Start-Up Nation" unterschrieben, als einer von drei Deutschen neben Nils Politt und Rick Zabel. Im blau-weißen Trikot des Teams wird das Trio künftig bei Klassikern und den großen Landesrundfahrten wie etwa der Tour de France in die Pedale treten. Die erst 2015 gegründete Mannschaft war bislang unter dem Namen Israel Cycling Academy gemeldet und hatte die World-Tour-Lizenz des russischen Teams Katusha übernommen.

"Gorilla" Greipel: "Ich weiß, was ich kann"

Mitglieder aus 18 Nationen stehen im Team, ein muslimischer und ein drusischer Radsportler gehören zur Nachwuchsmannschaft. Nach Informationen der "Tageszeitung" sollen perspektivisch auch palästinensische Athleten aufgenommen werden. Im achtköpfigen Aufgebot für die Tour de France wird, so ist es geplant, zumindest ein Israeli stehen. "Ich habe mich von Anfang an sehr wohlgefühlt", sagte Greipel über die multinationale Equipe. "Wir sprechen alle dieselbe Sprache. Das ist das Radfahren." Der "Gorilla", wie der Spitzname des Familienvaters lautet, geht mit großem Ehrgeiz die neue Aufgabe an: "Ich weiß, was ich kann und will meine Fähigkeiten voll einbringen."

Hohe Erwartungen an Greipel

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Der gebürtige Rostocker beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Dass es - gerade für einen Deutschen - auch eine besondere Aufgabe ist, bekam Greipel vor einigen Tagen während des Trainingslagers in Israel zu spüren. Die Gruppe besuchte unter anderem die Gedenkstätte Yad Vashem, die an den Massenmord der Nationalsozialisten erinnert. Zudem waren die Athleten auch in einer Sportschule zu Gast. Dort griffen sie mit Kindern zu Schaufel und Spitzhacke und legten beim Bau einer Rad-Cross-Strecke Hand an.

Bei den Rennen der Großen soll Greipel für Triumphe bei den Klassikern und Etappensiege bei den Rundfahrten sorgen. Er selbst traut sich das noch zu. "Die Ziele sind leicht beschrieben: Ich will Spaß am Radfahren und den Rennen haben. Alles andere wird kommen", sagte der dreimalige deutsche Meister: "Die Beine sind noch da, ich muss es nur wieder auf die Straße bringen." Ein Tageserfolg sei das Minimalziel, "wenn das gelingt, dann sind auch mehr Siege drin".

Teammanager Kjell Carlstrom setzt große Hoffnungen in den erfahrenen Deutschen: "André Greipel hat so viele Siege errungen, dass es uns eine Ehre ist, ihn im Team zu begrüßen. Wir sind überzeugt, dass er mit uns in 2020 wieder siegen kann." Der Rostocker wäre mit Sicherheit überglücklich, wenn ihn der Weg dahin führen würde.

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Sport aktuell | 11.12.2019 | 13:25 Uhr