Mein 2020: Lennard Kämna - Trotz Corona Lust auf mehr

Stand: 22.12.2020 10:30 Uhr

In einem von Absagen beherrschten Corona-Sportjahr 2020 hat Lennard Kämna mit seinen Etappensiegen bei der Tour de France und der Dauphiné-Rundfahrt für Highlights gesorgt. Die deutsche Radsport-Hoffnung aus Fischerhude bei Bremen blickt mit dem NDR auf ein spezielles Jahr zurück.

von Matthias Heidrich, Ben Wozny und Ole Zeisler

"Ich konnte immer trainieren und die wichtigsten Wettkämpfe haben stattgefunden. Als Radsportler war es für mich am Ende okay", sagt Kämna und weiß, dass dies nur die eine Seite der Medaille ist. Denn die Einschränkungen im privaten Bereich betrafen alle.

"Sich mit Freunden auf einen Kaffee oder zum Abendessen zu treffen, habe ich am meisten vermisst. Einfach das alltägliche Leben." Lennard Kämna

"Als alles abgesagt wurde, war ich im Trainingslager"

Während der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 war nicht abzusehen, dass es aus sportlicher Sicht noch eine recht normale Saison für den 24-Jährigen werden sollte. Als alles zum Erliegen kam, auch der Radsport, befand sich Kämna gerade im Formaufbau. "Als alles abgesagt wurde, war ich im Trainingslager und voll in der Vorbereitung für die ersten wichtigen Rennen", erzählt der Profi des deutschen Teams Bora-hansgrohe. Doch statt zu den Rennen ging es für den Norddeutschen erst einmal zurück nach Hause. "Da musste man sich ein bisschen neu ausrichten."

Erster Profisieg bei der Dauphiné-Rundfahrt

Das große Ziel die Tour de France war in weite Ferne gerückt. Auch, weil die Organisatoren lange an dem ursprünglichen Termin im Juli festhielten. "Da dachte ich schon: 'Okay, das wird nix'." Wurde es aber doch. Corona-bedingt wurde das größte und wichtigste Radrennen der Welt in den September verschoben. Ein Glücksfall für Kämna, der sich trotz aller Widrigkeiten in diesem Jahr in guter Form präsentierte. Bei der Dauphiné-Rundfahrt, der Tour-Generalprobe, fuhr er auf der vorletzten Etappe seinen ersten Profisieg ein.

Skepsis vor dem Start der Tour de France

Trotzdem glaubte Kämna bis kurz vor dem Tour-Start nicht daran, dass die dreiwöchige Schleife in dem von hohen Corona-Infektionszahlen gebeutelten Frankreich reibungslos über die Bühne gehen würde. "Wie soll das jetzt funktioneren?", habe er gedacht. Die enthusiastischen Radsportfans auf den ersten Etappen an den Strecken - zwar mit Masken, aber oft ohne viel Abstand - stimmten Kämna ebenfalls nachdenklich. "Da habe ich gesagt, dass es mich wundern würde, wenn wir ohne positive Fälle nach Paris kommen." Kamen sie aber, zumindest im Fahrerfeld. "Die Tests waren super ordentlich durchgeführt und unsere Bubble wurde sehr gut eingehalten. Jeder hatte ein Bewusstsein für die Situation."

Sieg auf der 16. Tour-Etappe

Auf der 16. Etappe hatte der Radrennfahrer aus Fischerhude ebenfalls das Bewusstsein für die Situation. Am schwersten Anstieg des Tages, rauf zum Montée de St.-Nizier-du-Moucherotte, hängte Kämna Giro-Sieger Richard Carapaz ab und fuhr zum ersten und in diesem Jahr einzigen deutschen Tagessieg bei der prestigeträchtigen Frankreich-Rundfahrt. Die Stürze zu Beginn der Tour und die Enttäuschung über den knapp verpassten Sieg auf der 13. Etappe waren vergessen.

"Ich habe Lust gehabt, eine Etappe zu gewinnen", sagt Kämna rückblickend und muss selbst über diese einfache Erklärung lachen. Er weiß, dass ein Etappensieg bei der Tour "vielleicht das Größte ist, was man erreichen kann".

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Kämna auch ein Mann für die Gesamtwertung?

Viele trauen dem Nordlicht noch mehr zu. Sehen Kämna als einen Mann für die Gesamtsiege. Die Cottbuser Radschule hat ihn zu einem guten Zeitfahrer gemacht, in den Bergen hilft dem 24-Jährigen aus dem platten Land seine Konstitution (nur 64 bis 66 Kilogramm Körpergewicht bei 1,81 Meter Größe). Die Erfolge 2020 haben das Potenzial des Norddeutschen noch einmal unterstrichen.

Die Gesamtsiege soll in den Teams der Kapitän einfahren. Kämna ist zurzeit ein Helfer, bei Bora-hansgrohe für Emanuel Buchmann. Um eine Mannschaft das ganze Jahr über anzuführen, müsste Kämna noch mehr Konstanz an den Tag legen. Er selbst, ganz norddeutsch zurückhaltend, möchte auch nach den jüngsten Triumphen keinen Führungsanspruch formulieren. "Ich fühle mich in der Rolle, die ich derzeit habe, sehr wohl. Ich sehe mich auch weiterhin als Mann für Ausreißergruppen, Etappensiege und Eintagesrennen", sagte der 24-Jährige den "Stuttgarter Nachrichten".

Trainer Lorang: "Rucksack nicht zu voll zu packen"

Im Bora-hansgrohe-Rennstall will man Kämna mit Bedacht zu einem möglichen Spitzenfahrer aufbauen. "Er hat dieses Jahr wichtige Etappen gewonnen und sich auch als Persönlichkeit weiterentwickelt. Diesen Prozess wollen wir mit ihm weiterführen. Ich wäre jetzt aber vorsichtig damit, ihm den Rucksack zu voll zu packen", sagte sein Trainer Dan Lorang. "Wir haben natürlich den Anspruch, dass seine Entwicklung so weitergeht und er bei der ein oder anderen Etappe glänzen kann. Vielleicht lässt er aber auch aufblitzen, dass es für mehr reichen könnte. Ich traue ihm das auch zu."

2021 wird zeigen, ob es vielleicht sogar mehr sein kann für den Norddeutschen. Kämnas Weihnachts-Wünsche für das neue Jahr sind allerdings ganz andere: "Ein schönes Jahr, mit Gesundheit und weniger Stress darum, ob man jemandem die Hand geben darf oder nicht." Man könnte auch sagen: Der Radprofi aus Fischerhude bei Bremen, Tour-Etappensieger 2020, wünscht sich einfach das alltägliche Leben zurück.

Rückblicke:

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 20.12.2020 | 23:35 Uhr

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