Mein 2020: Julia Görges startet ins Leben ohne Tennis

Stand: 18.12.2020 10:45 Uhr

"Ein bisschen Normalität wäre schön", wünscht sich Julia Görges nach 15 Jahren im Tennis-Zirkus. Während der Schläger in der Ecke langsam verstaubt, bastelt die Schleswig-Holsteinerin an der Zukunft: "Mal gucken, was sich ergibt."

von Andreas Bellinger, Ben Wozny und Ole Zeisler

Auf einmal war der große Ehrgeiz futsch. Einem "Gongschlag" gleich sei es ihr vorgekommen, sagt Julia Görges, als sie mit dem wohl schon länger gereiften Entschluss erwacht sei: "Es ist Zeit für Veränderung." Ein Vierteljahr ist das jetzt her - und nicht eine Minute habe sie es ernsthaft bereut, dass sie ihre erfolgreiche Laufbahn nach 15 Jahren im Tennis-Zirkus beendet hat. "Ich vermisse es null komma null. Auch wenn ich körperlich gut und gerne noch ein, zwei Jahre spielen könnte", sagt die 32-Jährige im Gespräch mit dem NDR und resümiert: "Es war schön - ich bin dankbar und absolut zufrieden mit meiner Karriere." Alles gut also?

Schluss mit dem Leben aus dem Koffer

Natürlich hatten die Corona-Pandemie und die damit verbundene Zwangspause in dem "durchaus schwierigen Jahr 2020" ihren Einfluss auf den Gang der Dinge. Mehr als ein paar Tage am Stück zu Hause sein zu können, im eigenen Bett zu schlafen und nicht ständig aus dem Koffer leben zu müssen - eine völlig neue Erfahrung für eine über Jahre rastlose Tennisspielerin, die nie wirklich große Freude daran gehabt hatte, von Turnier zu Turnier und Hotel zu Hotel zu tingeln. Sie habe die Wochen daheim genossen, aber auch die Besuche bei den Eltern in Bad Oldesloe, sagt sie. Familienleben, das nun endlich mehr als eine Episode werden kann.

"Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere. Das waren sehr schöne 15 Jahre. Aber das Tennisleben ist sehr speziell mit vielen Reisen und Dingen, die du nicht machen kannst. Es war mir wichtig, diesen Gongschlag zu hören und zu sagen, ich gehe. Jetzt ist auch Zeit für etwas anderes." Julia Görges

Prioritäten ändern sich

"Na klar, habe ich dabei auch gemerkt, auf was ich verzichtet habe", sagt die Schleswig-Holsteinerin, die des Jobs wegen zwar nach Regensburg "ausgewandert" ist, aber sich bodenständiger fühlt, als viele wohl ahnen. Druck und Anspannung wichen, Prioritäten änderten sich. Daheim zu sein, die Akkus aufzuladen, zwei Treppen hoch ins Fitnessstudio zu gehen, beim Yoga zu entspannen und mehr und mehr ins normale Leben einzutauchen - Teile eines Puzzles, das langsam zu einem Bild der Zukunft wurde. "Ich habe mich daran gewöhnt, an das, was nach dem Tennis kommt", sagt sie und fügt lächelnd hinzu: "Womöglich zu sehr."

Görges: "Es ist etwas anderes, wenn die Hütte voll ist"

Spiel, Satz und Sieg verloren scheibchenweise an Bedeutung. Es sei wunderbar gewesen, den ganzen Sommer daheim zu verbringen. Seit Wochen habe sie keinen Tennisschläger angefasst, nicht einmal mehr die App mit den Ergebnissen und Tennis-Neuigkeiten aufgemacht, so Görges. Warum auch? Viel Interessantes gab es in der monatelangen Corona-Pause, zu der insbesondere die Frauen auf der WTA-Tour verdammt waren, sowieso nicht. "Anfang des Jahres konnten wir in Australien beim ersten Grand-Slam-Turnier noch ziemlich normal spielen." Aber dann sei es einigermaßen schwierig geworden. Eine komplett neue Erfahrung, die der Routine der langjährigen Spitzensportlerin ordentlich zusetzte. "Es ist etwas anderes, wenn die Hütte voll ist." Die vollbesetzten Ränge hätten sehr gefehlt.

Schlusspunkt gegen Siegemund 

So auch bei den French Open in Paris, die im Corona-Wirrwarr statt im Mai erst Ende September gestartet wurden. Und natürlich auch im Zweitrundenspiel am 1. Oktober 2020 gegen Fed-Cup-Kollegin Laura Siegemund (6:1, 1:6, 3:6), das auf dem roten Sand von Roland Garros schließlich das letzte ihrer erfolgreichen Laufbahn sein sollte - mit sieben Turniersiegen und einem Grand-Slam-Halbfinale in Wimbledon 2018 als Glanzlichter.

"Ich habe seitdem keinen Tennisschläger mehr angerührt. Ich vermisse es nicht. Null komma null." Julia Görges

Wimbledon und andere Highlights

Zu einem achten Turniersieg reichte es in Görges' letzter Saison nicht. Sie ist trotzdem zufrieden mit dem Hier und Jetzt. Der "Blues" nach dem Rücktritt soll keine Chance bekommen. "Mal sehen, wie es ist, wenn die ersten Bälle wieder gespielt werden." Ein tiefes Loch und traurige Reminiszenzen an so mache Geschichte mit dem Filzball fürchtet sie nicht. Den stolzen Blick auf viele bedeutende Erfahrungen, Begegnungen und Erfolge wird sie sich dagegen bewahren. An Wimbledon zum Beispiel, wo sie 2018 im Halbfinale von Serena Williams gestoppt wurde und hernach als Nummer neun der Tenniswelt notiert wurde.

Weitere Informationen
Julia Görges bei den French Open in Paris. © picture alliance/DPPI Foto: Rob Prange

Görges beendet ihre Tennis-Karriere

Auf ihrer Website hat die Bad Oldesloerin ihren Abschied von der Profitour verkündet. Der "richtige Zeitpunkt" sei gekommen. mehr

Triumph und Dämpfer

Oder das Drittrundenmatch gegen Maria Scharapowa bei den Australian Open, obwohl sie es mit 4:6 im dritten Satz verloren hat. Es war das Jahr 2011 und die Ouvertüre zum ersten Premium-Titel beim Turnier in Stuttgart gegen Caroline Wozniacki, die damals Weltranglisten-Erste war. Pathetisch ausgedrückt, war es der Moment, in dem die "Jule" genannte Tennisspielerin Görges auch international aus dem Schatten von Steffi Graf getreten ist. Wenigstens ein kleines Stück. Ein ganz besonderer Triumph, "auch noch vor eigenem Publikum", sagt sie strahlend und erinnert sich sogleich: "Danach wuchsen natürlich die Erwartungen."

Ein lehrreicher Dämpfer, dass "ich diesen Erwartungen nicht immer gerecht werden konnte". Meist war es die fehlende Balance zwischen aggressivem und kontrolliertem Spiel, die ihr nach Ansicht der Experten einen Strich durch die Rechnung machte.

Rittner: "Verlässlich, wertvoll und direkt"

"Jule war eine absolut verlässliche und wertvolle Teamspielerin, die mit ihrer direkten Art der Fed-Cup-Mannschaft immer wieder Impulse gegeben hat", sagt die deutsche Tennis-Chefin Barbara Rittner. Auch sie ahnte nichts vom nahenden Halali, als Görges im März nach der Corona-Absage in Indian Wells meinte: "Für mich gehört die Saison abgesagt." Noch ging die Arbeit weiter, die ihr während 15 Jahren Tennis-Karriere ein Preisgeld von umgerechnet 8,17 Millionen Euro eingebracht hat und nun die Möglichkeit bietet, nach Lust und Laune nach neuen Aufgaben zu suchen. "Mal gucken, was sich ergibt", sagt Görges dem NDR. "Ein bisschen Normalität wäre ganz schön."

Weitere Informationen
Timo Hübers hat sich sein Trikot über den Kopf gezogen. © imago-images
45 Min

Jahresrückblick: Coronaland - Eine Reise durch den Sport-Norden

Die Sportclub Story hat Julia Görges, Lennard Kämna, Timo Hübers und andere Sportler besucht. Wie war ihr Jahr 2020? 45 Min

Xaver Schlager vom VfL Wolfsburg mit Mund-Nasen-Schutz © Witters

Bilder 2020: Ein Sportjahr im Zeichen von Corona

Das Sportjahr 2020 war ein denkwürdiges. Corona hatte auch den Sport fest im Griff. Bilder des Jahres, die nachdenklich machen. Bildergalerie

Lennard Kämna jubelt bei der Tour de France 2020 © imago images/Action Plus

Mein 2020: Lennard Kämna - Trotz Corona Lust auf mehr

Der Tour-Etappensieger ist die deutsche Radsport-Hoffnung für 2021. Er selbst wünscht sich vor allem das alltägliche Leben zurück. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 20.12.2020 | 23:35 Uhr

Mehr Sport-Meldungen

Die Spieler von Holstein Kiel bilden einen Kreis © picture alliance/dpa | Axel Heimken

Holstein Kiel: Boygroup vor der Bundesliga-Premiere

Den "Störchen" fehlen nur noch zwei Siege zum erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga. Aber was macht die KSV so stark? mehr