Stand: 14.09.2020 13:50 Uhr

Kommentar: Zverevs großer Triumph in der Niederlage

Alexander Zverev hat das erste Grand-Slam-Finale seiner noch jungen Karriere knapp verloren. In einem dramatischen Fünf-Satz-Match unterlag der Hamburger Tennisprofi dem Österreicher Dominic Thiem - und hat dennoch unglaublich viel gewonnen.

Ein Kommentar von Matthias Cammann, ARD-Tennis-Reporter

Ich sage es ganz pathetisch: Für mich ist in der Nacht ein neuer Sportstar geboren worden. Ein junger Mann, der in den vergangenen Jahren vielen vor den Kopf gestoßen, zumindest aber Menschen kopfschüttelnd hinterlassen hat, hat mehr als nur seine Reifeprüfung abgelegt. Und das, ohne eins der dramatischsten Finals der Tennisgeschichte gewonnen zu haben. Sondern als Verlierer dieses vierstündigen Kampfes.

In jeder Phase des Matches ruhig geblieben

Die Art und Weise, in der Alexander Zverev sein erstes Grand-Slam-Endspiel gegen Dominic Thiem bestritt, war beeindruckend. Er blieb in jeder Phase des Matches ruhig, rastete nie aus, selbst wenn es nachvollziehbar gewesen wäre. Nicht, als er einen 2:0-Satzvorsprung und ein Break vor im dritten Satz verspielte. Nicht, als er trotz 5:3-Führung und eigenem Aufschlag im fünften Satz noch in den Tiebreak musste. Auch nicht, als er dort gegen einen von Krämpfen geplagten Gegner tragisch - und ich meine hier bewusst sportlich tragisch - verlor.

Weitere Informationen
Siegerehrung nach den US Open 2020: Sieger Dominic Thiem (r.) und Alexander Zverev © picture alliance/dpa

Zverev im US-Open-Finale hauchdünn geschlagen

Tennisprofi Alexander Zverev hat den ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere hauchdünn verpasst. Der Hamburger unterlag Dominic Thiem in einem dramatischen US-Open-Finale in fünf Sätzen. mehr

Ehrliche Worte bei der Siegerehrung

Danach die fairen Glückwünsche an seinen Gegner und die ehrlichen und emotionalen Worte an sein Team und seine Eltern bei der Siegerehrung. Das hatte große Klasse. Und ganz ehrlich: Das hätte ich dem 23-Jährigen, der in diesem Jahr vor allem mit unverantwortlichem Verhalten in der Corona-Krise aufgefallen war, nicht zugetraut. So aber hat Alexander Zverev trotz dieser am Ende unglaublich niederschmetternden Niederlage in der Nacht unglaublich viel gewonnen. Mit seinem Verhalten über die gesamten zwei Wochen der diesjährigen Geister-US-Open hat er sein bislang schlechtes Image komplett umkrempelt.

An der Situation gewachsen

Boris Becker sagte hinterher, dass Alexander Zverev noch lange an dieser Niederlage zu knabbern haben werde. Das kann sein. Muss aber nicht. Ich glaube, dass Zverev diese zwei Wochen in der Blase von New York trotz der Final-Niederlage viel mehr helfen als schaden werden. Er weiß jetzt, dass er sich ganz auf sich verlassen kann. Dass er nicht dringend Unterstützung von Zuschauern oder den Vertrauten in seiner Spieler-Box benötigt. Er ist an der Situation gewachsen und kann es nun weiter tun.

Ein riesengroßer Schritt

Dass er ein großartiger Tennisspieler ist, vielleicht sogar der mit den besten Voraussetzungen aller Top-Ten-Spieler, steht für alle Fachleute außer Frage. Und vielleicht ist es für ihn sogar förderlich, dass er nach seinem kometenhaften Aufstieg ins Profi-Tennis als 17-Jähriger nicht sofort alle auf ihn projizierten Erwartungen erfüllt hat. Dass er Zeit gebraucht hat, um sein erstes Grand-Slam-Finale zu erreichen. Er macht Schritt für Schritt. Der bei den US Open war trotz der Final-Niederlage ein riesengroßer.

Alexander Zverev ist erst 23 Jahre alt und fast alles liegt noch vor ihm. Seine Emotionen hat er bei den US Open auf beeindruckende Weise kontrolliert. Wenn er beim nächsten Mal auch seine Nerven in den Griff bekommt, wird der erste Grand-Slam-Titel nur eine Frage der Zeit sein.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 14.09.2020 | 07:25 Uhr

Mehr Sport-Meldungen

Verteidiger Toni Leistner vom Hamburger SV kehrt nach einer Auseinandersetzung mit einem Fan von Dynamo Dresden in den Innenraum des Rudolf-Harbig-Stadions zurück © imago images / Steffen Kuttner

Leistner und HSV legen Einspruch gegen Sperre ein

Verteidiger Toni Leistner und Zweitligist Hamburger SV haben beim DFB Einspruch gegen die Sperre von fünf Spielen gegen den 30-Jährigen eingelegt. Die Erfolgsaussichten scheinen gering zu sein. mehr

Torwart Robin Himmelmann, Sebastian Ohlsson und Christopher Avevor (v.l.) vom FC St. Pauli © imago images/Jan Huebner

Livecenter: Steht St. Pauli gegen Bochum wieder auf?

Nach der Pokalpleite in Elversberg steht der FC St. Pauli vor dem Zweitliga-Saisonstart beim VfL Bochum unter Druck. Die Partie am Montagabend ab 20.30 Uhr im Liveticker. mehr

Der russische Tennis-Profi Andrej Rublev beim Turnier am Hamburger Rothenbaum © Witters Foto: Valeria Witters

Rublev am Rothenbaum weiter - Aus für Simon

Mitfavorit Andrej Rublev hat seine Auftakthürde beim Tennis-Turnier in Hamburg gemeistert. Gilles Simon ist hingegen bereits ausgeschieden. Der NDR überträgt ab Mittwoch live vom Rothenbaum. mehr

Auf Asche: Ein Ball liegt auf einem Tennisplatz. © istockphoto/tucko019
31 Min

Tennis Podcast 1. Aufschlag vom Rothenbaum #Folge 1

Rafael Nadal hat am Rothenbaum triumphiert, Roger Federer und Michael Stich. Im Corona-Jahr kommen so viele Top-20-Spieler wie lange nicht. Der NDR ist für euch dabei. 31 Min