Stand: 18.01.2020 06:00 Uhr

Inklusionsliga: Handball ist für alle da

von Samir Chawki

Mit Tränen in den Augen steht Patrick Kronshagen in den Katakomben der Gemeinschaftsschule Neumünster-Brachenfeld. Er ist untröstlich. "Meinetwegen haben wir das Spiel nicht gewonnen", sagt er mit zitternder Stimme. Der von ihm verursachte Siebenmeter wenige Sekunden vor Schluss war der entscheidende Treffer zum 14:14. Das wurmt den Spieler mit Handicap vom "Handiball Neumünster 2". "Dabei habe ich sie nur festgehalten und nicht geschubst. Das war kein Siebenmeter, sie hat sich einfach fallen lassen", ärgert sich der 39-Jährige nach der spannenden Handballpartie gegen die "Special Haie" von der HSG Horst/Kiebitzreihe. Einen Sieg im ersten von insgesamt zwei Spielen hätte sein Team heute gut gebrauchen können, um in der Tabelle der Inklusionsliga des Handballverbandes Schleswig-Holstein weiter nach oben zu klettern.

Spiele in ganz Schleswig-Holstein

In der neu gegründeten Inklusionsliga messen sich seit vergangenem September neun schleswig-holsteinische Mannschaften. Die Teams bestehen dabei größtenteils aus Spielern mit Handicap, drei "Partner", also Spieler ohne Beeinträchtigung, sind pro Team erlaubt. Die Idee zur Ligagründung kam den Organisatoren nach den Special Olympics in Kiel 2018. Sie wollten den Athleten regelmäßige Wettkampfpraxis geben. Schnell fanden sich Teams in Kiel, Lübeck, Neumünster, Todesfelde und Leezen, Munkbrarup, Ohrstedt, Horst/Kiebitzreihe. Schleswig-Holstein ist das zweite Bundesland nach Hamburg, das eine eigene Inklusionsliga hat.

Schiedsrichter sorgen für "normalen" Spielfluss

Für Patrick Kronshagen eine tolle Sache: "Ich finde es gut, dass wir eine Liga haben, wo man gegeneinander spielen kann. So haben wir ohne die Special Olympics auch Spiele, bei denen es um etwas geht." Die Spieler sind ehrgeizig, an jedem Spieltag. "Wir wollen immer gewinnen und unser Bestes geben", erzählt Patrick.

Anspruchsvoll ist der neue Ligabetrieb auch für die Schiedsrichter, denn sie haben die Anweisung, so zu pfeifen, dass ein "normaler" Spielfluss zustande kommt. So lassen sie die Partie weiterlaufen, auch wenn es mal einen Schrittfehler gibt oder der Fuß im Kreis steht.

VIDEO: Inklusionsliga: Referee Arndt sorgt für Spielfluss (3 Min)

Neumünster und Horst/Kiebitzreihe sind stark genug für zwei Teams

Die Vereine SC Gut Heil Neumünster und HSG Horst/Kiebitzreihe stellen gleich zwei Teams. Die Mannschaften aus Neumünster sind dabei bewusst so eingeteilt, dass beide gleich stark sind. Die Neumünsteraner Mannschaft, die sich "Handiball 2" nennt, geht unter Anleitung von Spielertrainer Jonas Didwischus auf Torjagd. Er ist auch einer derjenigen, der Patrick nach dem Spiel wieder aufmuntert. "Das ist Handball, das passiert. Jeder macht mal einen Fehler. Das Unentschieden ist auch in Ordnung, wir können darauf im zweiten Spiel aufbauen", gibt sich Didwischus optimistisch.

Nationalspieler beim ungeschlagenen Spitzenreiter

Das zweite Spiel für Neumünster hat es in sich. Sie treffen auf den ungeschlagenen Tabellenführer "Fireballs" von den Handballfreunden Flensburg-Munkbrarup. Die sind richtig stark, haben sogar Nationalspieler in ihren Reihen. Sie waren Teil des Deutschen Handball-Nationalteams der Special Olympics bei Weltspielen in Los Angeles. Beim HF Flensburg-Munbrarup gibt es das Inklusionsteam schon seit Dezember 2011. So sind die Abläufe eingeübter, die Spieler haben die Technik und das Spiel schon länger trainiert und verinnerlicht. Diese Routine zahlt sich aus.

Knappe Niederlage gegen den Spitzenreiter

Die Flensburger liegen fast die gesamte Partie in Führung - auch wenn Patrick Kronshagens Team es ihnen sehr schwer macht. Sie ärgern den Spitzenreiter, liegen nie mit mehr als zwei Toren zurück und führen sogar zwei Mal. Am Ende siegt Munkbrarup dennoch mit 10:9. Patrick Kronshagen bleibt ohne eigenen Treffer, aber er hat alles gegeben. Trotz der knappen Niederlage gegen den Spitzenreiter ist er zufrieden. Die Tränen, die nach dem Remis noch in seinen Augen waren, sind schon lange wieder weg.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein von 10 bis 2 | 18.01.2020 | 13:40 Uhr

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