Almuth Schult © Imago Images

Gleichstellung im Fußball - Schult: "Die Chance jetzt nutzen"

Stand: 20.05.2021 15:55 Uhr

In einem in dieser Woche veröffentlichten Positionspapier fordern neun prominente Frauen aus dem Sport mehr Gleichberechtigung und Diversität in Führungsgremien. Almuth Schult, Torhüterin beim VfL Wolfsburg, gehört zu den Unterzeichnerinnen des Papiers. Im NDR Interview spricht sie über die Ziele der Initiative und ihre persönlichen Hoffnungen.

Frau Schult, wie kam es zu diesem Positionspapier?

Almuth Schult: Wir - die Unterzeichnerinnen - kommen ja alle aus verschiedenen Bereichen des Fußballs und haben uns untereinander ausgetauscht. Dabei haben wir festgestellt, dass wir alle schon auf ähnliche Probleme gestoßen sind. Wir sind übereingekommen, dass wir etwas verändern und etwas anstoßen möchten. Der erste Schritt ist dieses Papier.

"Der wirtschaftliche und kulturelle Nutzen gemischtgeschlechtlicher Teams ist in der Arbeitswelt hinlänglich nachgewiesen", schreiben Sie in diesem Papier. Was können kompetente Frauen Vereinen oder Verbänden geben?

Schult: Man würde zu diverseren Ansichten kommen, hätte nicht immer nur den männlichen Blick auf Themen. Optimal wäre, wenn neben Frauen auch verschiedene Kulturen vertreten wären. Es ist auch wichtig, dass man nicht immer nur aus der Fußballwelt selbst heraus auf den Fußball schaut. Es gibt die wirtschaftliche Seite, die kulturelle, die gesellschaftliche. Wenn man auf die momentane Lage im DFB schaut, hätte es diese Machtkämpfe bei einer ausgeglicheneren Führungsstruktur so vielleicht gar nicht gegeben. Es muss doch darum gehen, den Verband nach vorne zu bringen.

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Wie kann es eigentlich sein, dass aktuell im DFB-Präsidium mit Hannelore Ratzeburg nur eine Frau sitzt und dass sämtliche Regional- und Landesverbände ausschließlich von Männern geführt werden?

Schult: Ich finde das peinlich. Wir haben in Deutschland eine Bundeskanzlerin, natürlich sind Frauen für Führungspositionen geeignet. Im Fußball aber ist eine Frau in einer leitenden Rolle eine Exotin. Daraus, so steht es auch in unserem Positionspapier, kann keine Kraft entstehen. Wir brauchen viel mehr Frauen an der Spitze von Vereinen und Verbänden.

Häufig wird die männliche Dominanz mit dem Fehlen geeigneter Kandidatinnen begründet. Wie können die Führungsgremien denn kompetente Frauen rekrutieren?

Schult: Es müssen entsprechende Förderprogramme aufgelegt werden, damit es eine Chancengleichheit gibt und damit Frauen der Weg in Führungspositionen besser geebnet wird. 'Frauen haben im Fußball nichts zu suchen', selbst diesen Satz hört man ja immer noch. Ähnliches  habe ich auch schon erlebt, als ich mal bei einem Nachwuchsleistungszentrum ein Praktikum als Trainerin machen wollte. Da wurde mir gesagt, dort sei ja noch nie eine Frau gewesen. So dürfen Frauen nicht abgewiesen werden. Es muss doch um die Kompetenz gehen und jeder oder jedem muss der Weg offen stehen.

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Schult: Der Leistungssport ist seit Jahrzehnten männlich geprägt, wenn man zum Beispiel auf die Position des Trainers oder der Trainerin schaut, sind viele Sportlerinnen mit einem männlichen Coach aufgewachsen und haben deshalb vielleicht für sich selbst das Trainerbusiness gar nicht entdeckt. Dazu kommt, dass im Profifußball der Erwerb der Fußballlehrer-Lizenz Geld kostet, das bedeutet für manche eine finanzielle Hürde, die man nicht stemmen kann, wenn man nicht vorher im Männerfußball bereits recht viel Geld verdient hat.

Sie engagieren sich auch beim Verein "Athleten Deutschland", der sich ebenfalls verstärkt für Gleichstellungsziele einsetzt. Ist die Lage aktuell so günstig wie nie, um Veränderungen herbeizuführen?

Schult: Das denke ich auf jeden Fall. Es geht gerade in der Öffentlichkeit sehr viel um Gleichstellung, das ist gut so. Wir haben unser Positionspapier aber unabhängig von der Krise beim DFB aufgesetzt, weil wir gespürt haben, dass der Geist für Veränderungen da ist. Ich persönlich möchte nicht in 20 Jahren in den Spiegel schauen und sagen: 'Hätte ich mal…' Wir wollen die Chance jetzt nutzen.

Wer soll in der aktuellen Lage den DFB führen, welche Präsidentin oder welchen Präsidenten würden Sie sich wünschen?

Schult: Ich habe keine bestimmte Persönlichkeit als Wunsch. Vielmehr ist es doch wichtig, dass eine neue Führung kommt, die miteinander arbeitet. Die Personen dürfen nicht egoistisch handeln, sie müssen gewillt sein, den Verband mit Integrität und Cleverness nach vorne zu bringen. Klar ist, dass Frauen dieser neuen Führung angehören müssen.

Sie haben formuliert, dass bis 2024 in den Führungsgremien von Vereinen und Verbänden mindestens 30 Prozent der Posten mit Frauen besetzt werden sollen. Wie soll dies verankert werden? Ginge das auf freiwilliger Basis oder müsste man mit Sanktionen drohen?

Schult: Zunächst einmal müssten unsere Vorschläge ja überhaupt von Vereinen und Verbänden angenommen werden. Danach könnte man dann überlegen, inwieweit die Umsetzung zum Beispiel Teil des Lizenzierungsverfahrens sein könnte. Über solche Kriterien können wir jetzt noch nicht sprechen, wir müssen erst mal erfahren, wie groß der Willen für Veränderungen überhaupt ist. Wir wollen im Austausch mit der DFL und dem DFB vorankommen, es muss mehr geben als nach der Initiative "Zukunft Profifußball", wo am Ende so eine Phrase wie "Wir wollen den Frauenfußball fördern" stand.

Der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb soll innerhalb des Verbands nahegelegt worden sein, "sich doch sehr genau zu überlegen, ob sie Teil einer solchen Initiative sein will". Wie war das bei Ihnen?

Schult: Ich musste nicht überlegen. Ich bin von jeher eine meinungsstarke Spielerin, das ist ja im Verein auch bekannt. Ich bin beim VfL Wolfsburg als Vielfaltsbotschafterin auserkoren worden, der VfL setzt sich klar für Diversität ein, daher habe ich alle Rückendeckung. Ich hoffe, dass wir die Ziele gemeinsam umsetzen.

Das Interview führte Inka Blumensaat

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 20.05.2021 | 15:25 Uhr

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