Stand: 17.02.2020 08:49 Uhr

Willi Holdorf wird 80: "In Tokio wäre ich gerne dabei"

von Andreas Bellinger, NDR.de
Willi Holdorf: Zehnkampf-Olympiasieger 1964 in Tokio.

Seinen 80. Geburtstag hat Willi Holdorf auf hoher See gefeiert. Vorher sprach der erste deutsche Zehnkampf-Olympiasieger mit NDR.de über seinen Gold-Coup 1964 in Tokio, sein bewegtes Leben und die Chancen von Zehnkämpfer Niklas Kaul, 56 Jahre später wieder deutsches Olympia-Gold in Japan gewinnen zu können.

Wie mag es wohl sein, den "König der Athleten" nach all den Jahren wiederzutreffen? Es ist idyllisch hier in Achterwehr vor den Toren Kiels. Vor dem Haus eine Pferdekoppel, klare Luft, beschauliche Ruhe. Willi Holdorf genießt das Landleben. "Mittlerweile", wie er gleich bei der Begrüßung betont. An diesem Montag feierte er seinen 80. Geburtstag. Dabei könnte man fast meinen, sein historischer Triumph von Tokio 1964 sei noch gar nicht so lange her. "Ich sehe wohl nicht so aus, weil ich früher schon alt ausgesehen habe", sagt der erste deutsche Zehnkampf-Olympiasieger selbstironisch. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein im Gespräch mit NDR.de.

Ein König, der keiner sein will

König der Athleten

Der Titel "König der Athleten" für den besten Zehnkämpfer hat eine lange Tradition. Er führt zurück auf den US-Amerikaner Jim Thorpe, den Olympiasieger im Fünf- und Zehnkampf von Stockholm 1912. Ihn begrüßte der schwedische König Gustaf V. mit den Worten: "Sir, Sie sind der wahre König der Athleten!"

Willi Holdorf hat viel zu erzählen. Mehr als von Olympia in Tokio, das für ihn damals so weit entfernt schien "wie heute eine Reise zum Mond". Zur Leichtathletik war er erst im reifen Teenageralter gekommen und hatte sich gleich nach der Goldmedaille mit 24 Jahren wieder von der großen Zehnkampf-Bühne verabschiedet. "Ich hatte eine Familie zu ernähren und musste Geld verdienen", erzählt der frühere Tausendsassa. Als Immobilienmakler war der Diplom-Sportlehrer zwischenzeitlich unterwegs, als Trainer, Lehrer, Dozent - und nicht zu vergessen als Bobfahrer und Bundesliga-Coach von Fortuna Köln. Zur Legende aber wurde der gelernte Starkstromelektriker als "König der Athleten" - auch wenn er den Begriff nicht besonders mag: "Natürlich klingt das sehr schön. Aber auch übertrieben, wenn man bedenkt, was andere Sportler leisten."

"Stinksauer, so alt zu sein"

Bescheiden und bodenständig ist Holdorf all die Jahre geblieben. Wie HSV-Ikone Uwe Seeler, sein guter Freund, der wie er viele Jahre Repräsentant eines deutschen Sportartikel-Herstellers war. Ein großes Fest zum Geburtstag wird es nicht geben, Holdorf feiert mit seiner zweiten Frau Sabine Holdorf-Schust, die Geschäftsführerin bei den Handballern des THW Kiel ist, auf hoher See - aber ohne komisches Gefühl. "Das hatte ich, als ich 60 wurde. Damals war ich stinksauer, schon so alt zu sein."

Heute kann er darüber schmunzeln. Er hat gelernt, abzuschalten nach einer Karriere, die so vielfältig war, dass sie für mehrere Lebenswege gereicht hätte. Und inzwischen kann er auch den Stress minimieren, der "nach Ansicht meiner Frau" womöglich zu Problemen mit dem Herzen und zwei Schlaganfällen geführt hat. "Ich habe Glück gehabt", sagt Holdorf angesichts der Nackenschläge, die keine schlimmen Spuren hinterlassen haben.

Armin Harys Startnummer in Tokio 1964

Ein bisschen Glück war vielleicht schon vor 56 Jahren im Spiel. "Dabei sein ist alles" hieß sein Olympia-Ziel für Tokio, das nach Platz drei bei den deutschen Meisterschaften ins Wanken geriet. "Doch dann habe ich die Ost-West-Ausscheidungen gewonnen. Daran konnte keiner mehr rütteln." Holdorf durfte in Japan für Deutschland starten und stand im Land der aufgehenden Sonne plötzlich seinen Idolen leibhaftig gegenüber. "Unglaublich!" Wie seine Startnummer: Die "263" hatte schon Sprinter Armin Hary bei seinem Olympiasieg 1960 getragen.

"Knüppeln konnte Willi auch"

Holdorfs wundersame zwei Tage im Oktober 1964 in Tokio wurden zwischendurch zu einer kniffligen Angelegenheit. "Das war schon ein spezielles Gefühl", erzählt er vom dritten Versuch im Stabhochsprung über 4,10 Meter. "Da war klar, wenn es schiefgeht, ist die Medaille futsch." Der Absprung aus der "tiefen Aschenkuhle" hatte Tücken, die Landung in der Sandgrube sowieso. Konzentriert meisterte er 4,20 Meter - und bewies Stärke auch im kritischen Moment. "Knüppeln konnte Willi auch", sagte sein Freund, der 66er-Europameister Werner von Moltke, einmal. Der finale 1.500-m-Lauf gegen den Esten Rein Aun sollte ein eindrucksvoller Beleg sein. "Ich muss einfach schneller laufen und er etwas langsamer", hieß Holdorfs Plan. Überdies dachte er an seinen kleinen Sohn daheim: "Der sollte später nicht sagen müssen: Mein Vater hätte Olympiasieger werden können, aber er war zu schlapp."

Rücktritt nach Olympiasieg - mit 24 Jahren

Die letzten Schritte nur mehr torkelnd sackte Holdorf im Ziel zu Boden. Er erinnert sich an den erlösenden Moment, als ihn seiner Trainer anlachte. "Da wusste ich, dass ich nicht verloren habe." Bilder für die Ewigkeit. Die erst einmal in die Heimat geflogen und bearbeitet werden mussten, bevor sie im deutschen Fernsehen zu sehen waren. "Wenn ich das den Schülern heutzutage bei Vorträgen erzähle, lachen die sich kaputt."

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Mit Gold dekoriert ("Die Medaille habe ich gar nicht mehr, die hängt im Olympia-Museum") trat Holdorf mit nur 24 Jahren zurück, machte sein Examen an der Sporthochschule in Köln und sorgte als Immobilienmakler für das Auskommen seiner jungen Familie.

Löcher in der Aschenbahn

"Ein paar Wettkämpfe in der Halle habe ich noch gemacht." Beim "No" für Olympia aber blieb es, was er 1968 in Mexiko-City bitter bereute: "Die Kunststoffbahn wäre mir zupassgekommen. Ich war ja ein bisschen schwer (90 Kilo bei 1,82 Meter Größe/Anm.d.Red.) und habe tiefe Löcher in die Aschenbahn gelaufen." Als Claus Schiprowski Silber im Stabhochsprung holte, war die Wehmut des Trainers Holdorf schnell verflogen. "Ich habe mich fast mehr gefreut als über meine Goldmedaille. Welche Bedeutung die hatte, habe ich erst realisiert, als ich wieder zuhause war."

"Wenn du nichts besonders kannst, wirst du Mehrkämpfer"

Geboren in Blomesche Wildnis bei Glückstadt kam der 17-jährige Holdorf aus einer Laune heraus zur Leichtathletik. "Ich wollte bei den Bezirksmeisterschaften starten." In der Schule sei er schließlich der Schnellste. Als Multi-Sporttalent spielte er nicht nur Fußball und Handball (im Tor), sondern war fortan auch in den verschiedenen Disziplinen der Leichtathletik erfolgreich. "Wenn du nichts besonders kannst, aber vieles ordentlich, wirst du automatisch Mehrkämpfer", sagt er und lacht herzhaft. 1964 wurde Holdorf zum "Sportler des Jahres" gewählt, 2011 in die "Hall of Fame des deutschen Sports" aufgenommen.

"Schneeforscher" mit Beckenbauer und Co.

In die Weltklasse geführt hat Holdorf als Trainer unter anderem Hürdensprinter Günter Nickel. Ein guter Freund wie Seeler, Max Lorenz und andere aus der Gilde der "Schneeforscher" um Franz Beckenbauer. Eine illustre, wenn auch nicht mehr ganz so trinkfeste Runde, wie Holdorf süffisant anmerkt: "Irgendwann trinken wir an einem Tag so viel, wie früher in einer halben Stunde." Bundestrainer der Sprintstaffel war er auch, sorgte für die Fitness der Tennisspieler von Davis-Cup-Kapitän Wilhelm Bungert.

Bundesliga-Trainer bei Fortuna Köln

Und er übernahm 1974 für ein halbes Jahr die Bundesliga-Fußballer von Fortuna Köln. Als Protegé von Sepp Herberger hatte er den Fußballlehrer-Schein bei Hennes Weisweiler gemacht. Eigentlich verdiente er seine Brötchen inzwischen als Sportartikel-Repräsentant - mit den Kölnern im Portfolio. "Präsident Jean Löring wollte mich als Trainer und ließ nicht locker. Als er meinen Chef lange genug genervt hatte, sagte der schließlich: 'So Holdorf, ich habe keine Lust mehr, Sie machen das jetzt. Punkt'." Der Erfolg blieb diesmal aus, nach 14 Spielen stand der Abstieg fest.

Mulmiges Gefühl im Eiskanal

Reüssieren konnte Holdorf dagegen als Bremser im Zweierbob von Horst Floth. "Nach der ersten Fahrt war mir so mulmig, dass ich nicht mehr wollte." Kneifen aber galt nicht und so saß er nach Floths Hilferuf ("Du musst kommen, mein Bremser bringt nichts mehr auf die Reihe") wieder im Bob und fuhr 1973 in Cervinia auf EM-Platz zwei - hinter Wolfgang Zimmerer.

Stammgast beim THW Kiel

"Alles Schnee von gestern", sagt Holdorf und schaut durch die große Glasfront seines Wohnzimmers hinaus auf die endlos scheinenden Felder. Nach zwei Knieoperationen ("Die Gelenke sind neu") stehen Golf und Handball mit dem THW bei den Holdorfs im Mittelpunkt. "Golf spiele ich aber eigentlich nur noch, wenn meine Frau einen Partner braucht. Ich bin einfach zu schlecht geworden. Das macht mir keinen Spaß." Bei den Heimspielen der "Zebras" ist Holdorf, der im Wirtschaftsrat saß und noch immer Kommanditist ist, selbstverständlich auf der Tribüne.

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"Es geht mir gut, nur ein bisschen mehr Sport sollte ich wieder treiben", sagt der einstige Dozent an der Kieler Uni zum Abschied. Ach ja: Träume habe er natürlich auch noch. "In Tokio wäre ich gerne dabei. Wenn Niklas Kaul ein bisschen schneller wird, ist er als Weltmeister für mich auch erster Anwärter auf den Olympiasieg." Ein zweiter deutscher Zehnkampf-Olympiasieger in Tokio? Es wäre eine schier unglaubliche Geschichte.

"Aufreizung zum Klassenhass"

Es darf auch noch weiter gehen als bis Tokio. "Ein paar Länder würde ich gerne noch besuchen. Neuseeland zum Beispiel", sagt Holdorf. Wenn nur die lange Reise nicht wäre. "First Class müsste man sich leisten können." Einmal, so erinnert sich der "König der Athleten", sei er in die Luxusklasse eingeladen worden. Und lächelnd fügt er hinzu: "Wieviel Platz man da hat. Das ist Aufreizung zum Klassenhass."

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 17.02.2020 | 10:25 Uhr