Stand: 02.03.2020 10:46 Uhr

Coronavirus: Auch Sport leidet und bangt um Olympia

von Andreas Bellinger, NDR.de

Das sich rasant verbreitende neue Coronavirus hält auch die Sportwelt in Atem. Die Sorge vor Ansteckung treibt den Norden der Republik um - wie mehr und mehr große Teile dieser Welt. Deshalb aber Großveranstaltungen zu meiden, hält die Virologin Melanie Brinkmann zum gegenwärtigen Zeitpunkt für übertrieben. "Ich würde meinen Mann und meine Kinder noch immer ins Stadion gehen lassen", sagt die Professorin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig im Sportclub des NDR. Gewisse Vorsichtmaßnahmen inbegriffen: Abstand halten zum Beispiel, denn das Sars-CoV-2 wird vor allem via Tröpfcheninfektion übertragen. So wie gleichfalls gefährliche Grippeviren, gegen die es jedoch bewährte Medikamente gibt.

"Hysterie ist gefährlich"

"Man darf nicht panisch werden. Hysterie ist immer gefährlich", appelliert der für den Sport zuständige Hamburger Staatsrat Christoph Holstein. Händewaschen, generell ein bisschen vorsichtig sein, nennt er als maßgebliche Verhaltensregeln. Und: Besonnenheit. HSV-Chef Bernd Hoffmann ("Wir befinden uns im ständigen Austausch mit der Deutschen Fußball Liga") verweist im Sportclub zudem auf die zuständigen Experten, die wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf einen Impfstoff bis Ende des Jahres hoffen, was Virologin Brinkmann als "wohl zu optimistisch" bezeichnet. In der Fußball-Bundesliga drohen derzeit keine Spielabsagen wegen des Virus. In Asien, aber auch in Italien und der Schweiz ist der Liga-Spielbetrieb dagegen gestört. Der Schweizer Bundesrat in Bern hat landesweit Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern bis zum 15. März verboten.

Athleten fordern: Olympia-Nominierung anpassen

"Man muss auf die Experten hören - aber auch nur auf sie, denn es wird auch viel hinzugedichtet", sagt Taekwondo-Bundestrainer Georg Streif.

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Im vorigen Oktober waren er und seine Athleten bei der WM in Wuhan/China, wo kurze Zeit später das Virus erstmals nachgewiesen wurde. Einschränkungen bekamen sie erst am Wochenende bei den German Open in Hamburg zu spüren. Rund ein Fünftel der ursprünglich 1.000 Teilnehmer aus 30 Ländern hatte abgesagt. Im Beachvolleyball häufen sich bereits Turnier-Absagen. "Für uns ist das natürlich bitter, da wir noch nicht sicher für Olympia qualifiziert sind", sagt der Hamburger Lars Flüggen per Videobotschaft aus Sri Lanka. "Es könnte durchaus sein, dass das so weitergeht", fürchtet Kollege Nils Ehlers. Für Amelie Ebert vom Verein "Athleten Deutschland" Grund zur Forderung, "dass die Nominierungskriterium dringend angepasst werden müssen".

Fragezeichen hinter Olympia und Fußball-EM

Tatsächlich macht sich sogar die Sorge breit, dass die Olympischen und Paralympischen Spiele im Sommer ausfallen könnten, nachdem Schulen in Japan bis Ende März geschlossen wurden und beim Tokio-Marathon am Sonntag statt der üblichen knapp 40.000 nur 200 Läufer an den Start gingen.

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Der japanische Virologe Hitoshi Oshitani sagt: "Zur Zeit haben wir keine effektive Strategie." Es sei schwierig, die Spiele planmäßig am 24. Juli beginnen zu lassen.

"Ein Damoklesschwert hängt über den Spielen", sagt Hans-Georg Predel. Der Sportmedizin-Professor von der Sporthochschule Köln spricht von Olympia als internationaler Begegnungsplattform mit vielfältigstem Austausch. "Ein Albtraum für jeden Infektiologen." Wie die Fußball-EM vom 12. Juni bis 12. Juli, die in zwölf Ländern gespielt und mit einem ungeheuren Reise-Aufkommen von Fans, Offiziellen und Teams verbunden sein wird. "Wenn das kalkulierbare Risiko nach dem prognostizierten Höhepunkt der Ausbreitung im April nicht überschaubar geworden ist", rät Predel sogar zur Absage.

Virologin: "Kennen Virus erst ganz kurz"

"Ich bin guter Dinge, dass die Wogen rechtzeitig geglättet werden und ich bei den Olympischen Spielen starten darf", sagt der frühere Taekwondo-Weltmeister Alexander Bachmann in Hamburg. Doch eine verlässliche Prognose kann derzeit niemand geben. "Noch ist es zu früh für konkrete Aussagen", so Brinkmann. "Wir kennen das Virus schließlich erst seit ganz kurzer Zeit." Es fehlten wirkungsvolle Medikamente und Impfstoffe - und das menschliche Immunsystem konnte noch keine Antikörper bilden wie etwa gegen Influenzaviren. Thomas Bach setzt gleichfalls auf die Karte abwarten: Er werde den "Flammen der Spekulation" keine weitere Nahrung geben, sagt der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die Vorbereitungen auf das Mega-Event würden planmäßig fortgesetzt.

Drei Monate bangen um Olympia?

Zuspruch bekommt Bach aus Genf vom Sitz der Weltgesundheitsorganisation (WHO). "Unsere Taskforce ist sehr erfahren im Risikomanagement", sagt ein WHO-Sprecher der Sportschau. "Es gab schließlich auch während der SARS-Krise viele Großveranstaltungen." IOC-Mitglied Richard Pound hatte bereits ein Zeitfenster von drei Monaten veranschlagt, in dem eine Entscheidung über Durchführung oder Absage der Spiele getroffen werden müsse: "Es ist eine große, große, große Entscheidung, und man kann sie erst treffen, wenn man verlässliche Fakten hat, auf die man sich stützen kann", so der Kanadier.

Reisewarnung vom Olympia-Chefarzt

"Wir verfolgen die Diskussion mit zunehmend großer Besorgnis", sagt auch ARD-Olympia-Programmchef Carsten Flügel. Die Seefracht werde im Mai verschickt - eine Absage danach dürfte auch in dieser Hinsicht teuer werden. Der deutsche Olympia-Chefarzt Bernd Wolfarth von der Charité in Berlin rät derzeit von Reisen nach China, Südkorea und die betroffenen Provinzen Norditaliens "definitiv ab". Wettkämpfe und Trainingslager in Krisengebieten sollten ausgesetzt werden. Eine Absage der Spiele sei gleichwohl verfrüht, meint auch Virologin Brinkmann: "Es ist eine dynamische Entwicklung, die sich jeden Tag ändern kann."

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Sportclub | 01.03.2020 | 23:00 Uhr

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