Stand: 06.04.2012 12:10 Uhr  | Archiv

Breitner und die Zwietracht bei der Eintracht

Der Braunschweiger Mittelfeldspieler Paul Breitner (M.) verlässt mit Eintracht-Kapitän Friedhelm Häbermann (li.) und dem deutschen Real-Libero Uli Stielike das Feld des Santiago-Bernabeu-Stadions in Madrid. © Picture-Alliance/dpa
Auf der großen Fußball-Bühne zu Hause: Paul Breitner (M.) im Stadion Santiago Bernabeu.

Weit mehr als 300 Spiele hat Paul Breitner für den deutschen Rekordmeister FC Bayern München und den spanischen Rekordmeister Real Madrid absolviert. Der Weltklasse-Mittelfeldspieler wurde Welt- und Europameister, gewann den Europapokal der Landesmeister, mehrfach die deutsche und spanische Meisterschaft, den DFB-Pokal, zudem einmal den spanischen Pokal. Und Breitner spielte bei Eintracht Braunschweig. In der Saison 1977/1978 machte der gebürtige Bayer 30 Spiele für die "Löwen", in denen er zehn Tore schoss. Im Sommer 1977 gelang Eintracht-Mäzen und Jägermeister-Besitzer Günter Mast ein Transfercoup sondergleichen. Für 1,5 Millionen Mark kam der damals 26-Jährige aus der spanischen Hauptstadt nach Niedersachsen - und die Probleme waren programmiert. "Es gab in der Mannschaft zu viele Spieler, die den Sinn ihres Berufes nicht erkennen wollten oder konnten und dadurch Neid und Eifersüchteleien von Anfang an einen möglichen Erfolg zunichte machten", erinnert sich Breitner auf der Eintracht-Fanseite "Wir sind Eintracht".

VIDEO: Weltmeister Breitner in Braunschweiger Provinz (3 Min)

Transfercoup ohne sportlichen Nutzen

Paul Breitner © Picture-Alliance/dpa
Zu Paul Breitners Debüt gab es eine 1:2-Niederlage in Kaiserslautern.

Dabei hatte sich Mast - nachdem die Eintracht schon am 24. März 1973 mit dem ersten Trikotsponsor für Aufsehen gesorgt hatte - alles so schön ausgemalt. Als Dritter der Vorsaison sollten die Braunschweiger in der Tabelle mit der schillernden Persönlichkeit Breitner noch weiter nach oben klettern. Am 6. August debütiert Breitner im gelben Jersey. Zwar missglückte der Start in die Saison, als die Eintracht nach 1:0-Führung beim Außenseiter 1. FC Kaiserslautern mit 1:2 unterlag. In der Folge feierten die Niedersachsen allerdings drei Siege hintereinander. Am vierten Spieltag führte Breitner sein Team gegen Fortuna Düsseldorf mit zwei Treffern praktisch im Alleingang zum 2:0-Erfolg. Braunschweig kletterte auf Rang drei. Vieles schien möglich. Doch dem Team fehlte die Konstanz. Siegen gegen die Nord-Rivalen aus Hamburg (1:0) und Bremen (2:0) standen bittere Niederlagen in Köln (0:6) und im eigenen Stadion gegen den deutschen Meister Mönchengladbach (0:6) gegenüber. Am Ende der Hinrunde belegten die Braunschweiger Rang zwölf.

Zwietracht bei der Eintracht

Anstatt erneut um die zweite Bundesliga-Meisterschaft nach 1967 mitzuspielen, erlebte Braunschweig eine mittelmäßige Spielzeit. "Wir hatten mit der gleichen Mannschaft im Jahr zuvor knapp den Meistertitel verpasst. Und mit Paule wären wir fast abgestiegen", sagte Torhüter Bernd Franke dem Fußballmagazin "11Freunde". "Er hat alle verrückt gemacht. Der Paule war nun mal kein einfacher Typ, sondern ein Eigenbrötler." Franke kritisierte, dass Breitner zehn Minuten vor der Partie gekommen und zehn Minuten danach wieder weg gewesen sei. Trainer Branko Zebec habe extra für den Star die Mannschaft umgebaut. "Danach waren wir viel zu offensiv", meinte Franke. Laut "Braunschweiger Zeitung" schnitten einige Mitspieler den Bayern. Nachdem dieser Mast sein Leid geklagt habe, habe es im Beisein des Haupsponsors Gespräche mit dem Coach und Leistungsträgern wie Wolfgang Frank, Danilo Popivoda, Franke und Hasse Borg gegeben. Doch der Riss durch das Team war nicht zu kitten. Die Etablierten seien nicht bereit gewesen, "auch nur einen Meter mehr zu laufen, wenn ein Ball Breitners nicht genau in den Fuß kommt".

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Querkopf, Revoluzzer und Rebell

Eintracht Braunschweigs Paul Breitner (l.) umarmt Bayern Münchens Uli Hoeneß © picture-alliance / Sven Simon
Freundschaftlich verbunden: Paul Breitner (l.) und Bayerns Uli Hoeneß.

Breitner galt zu seiner aktiven Zeit als Querkopf, Revoluzzer und Rebell. Auch wenn der Bayer heute mit solchen Worthülsen nichts anzufangen weiß, ist ihm klar, dass er allein mit seinem Äußeren damals schon für Aufregung sorgte. Sein Markenzeichen waren die lockigen Haare im Afro-Look, schon deshalb gab es "Theater", wie er selbst sagte. "Ich habe die Leute bewusst in eine Situation gebracht, dass sie mich katalogisiert und glaubten erkannt zu haben", meinte der Vater dreier Kinder anlässlich seines 60. Geburtstags. "Ich habe ein großes Ziel gehabt, als ich beim FC Bayern 1970 anfing: Ich habe mir gesagt, egal wie lange ich hier bin, ich werde nicht greifbar sein." Das galt für das Umfeld, aber offenbar auch für viele seiner Mitspieler.

Breitner: "Schaden und Nutzen"

Mit zwölf Siegen auf eigenem Platz beendete Eintracht Braunschweig die Saison in der Heimtabelle auf Rang acht, ingesamt waren die "Löwen" schließlich aber nur 13. Im Sommer 1978 schloss Breitner das Kapitel Braunschweig schon wieder und kehrte zu den Bayern zurück. "Im Endeffekt hat Paule die Eintracht nur als Sprungbrett gesehen, um wieder in die Bundesliga zurückzukommen", war Franke überzeugt. Breitner formulierte es anders: "Nirgendwo ein Schaden, wo nicht auch ein Nutzen ist. Am Ende blieb ein Jahr, in dem ich viel lernen konnte."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 16.09.2012 | 22:45 Uhr

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