Stand: 13.02.2018 09:30 Uhr

Boxerin Scheurich kämpft gegen Missbrauch

von Andreas Bellinger, NDR.de

"Wir haben viel zu lange geschwiegen." Die Schweriner Boxerin Sarah Scheurich ärgert sich, die heimlichen Zeichen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch in ihrem Sport nicht früher wahrgenommen zu haben. Die Vize-Europameisterin von 2014 will nicht mehr schweigen, nicht mehr wegsehen. Zusammen mit anderen deutschen Faustkämpferinnen hat sie eine Kampagne gestartet, die unter #CoachDontTouchMe in den sozialen Netzwerken auf das Thema aufmerksam machen will. Trainer und Betreuer sollen die Grenzen der Sportlerinnen respektieren und ihre Macht nicht missbrauchen. Das Schweigen, Vertuschen und Verharmlosen soll aufhören. "Sexismus ist das Gegenteil von fairem Sport", sagt Scheurich bei ihrem Besuch im NDR Sportclub und beschreibt ein großes Ziel der Initiative: "Wir wollen Ansprechpartner für Kinder, junge Mädchen und natürlich auch Jungen sein."

"Macht den Opfern Mut"

Alarmiert hat Scheurich und ihre Mitstreiterinnen Joelle Seydou und Ornella Wahner die jüngste Berichterstattung auch des NDR über den Fall einer Hamburger Boxerin, die ihren Trainer am Olympiastützpunkt in Schwerin nach Jahren des Schweigens beschuldigt hat, sie auf Lehrgängen und Turnierreisen bedroht und sexuell missbraucht zu haben. Die Vorfälle sollen sich im Jahr 2011 zugetragen haben. Die hoffnungsvolle Boxerin war damals 17 Jahre alt, gerade deutsche Jugendmeisterin und Mitglied im Nationalkader geworden. Im Dezember 2016 erstattete sie Anzeige, nachdem sie lange vorher schon mit ihrem Sport gebrochen hatte. Die Schweriner Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen des "Verdachts von sexuellem Missbrauch einer Schutzbefohlenen" gegen den Landestrainer ein. "Macht den Opfern Mut, dass sie sich öffnen können, ohne Scham", schreibt Scheurich in einem Internet-Post.

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Im August 2017 wurden die Ermittlungen gegen den zwischenzeitlich zum Sportdirektor im Hamburger Amateur-Boxverband (HABV) aufgestiegenen Mann zunächst eingestellt, obwohl die Staatsanwaltschaft einen "hinreichenden Verdacht" für einen sexuellen Kontakt zwischen der Sportlerin und dem Trainer für gegeben ansah. Weil sie aber zum Zeitpunkt der Vorfälle über 16 Jahre alt gewesen sei, wäre der Trainer strafrechtlich nur dann zu belangen, wenn sie ihm nachweisen könne, dass er seine Machtposition ausgenutzt hat. Die einstige Boxerin, die ihre Karriere nach den Vorfällen aufgegeben hat, legte Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens ein. Eine Entscheidung steht aus.

Beschimpfungen im Netz

"Es ist doch komisch, dass wir nicht füreinander da sind, wenn so etwas passiert", sagt Scheurich nicht ohne Selbstkritik und beschreibt im Sportclub-Gespräch eine Triebfeder ihrer Aktion. "Die Sportlerin, über die berichtet wurde, war doch ziemlich allein." Funktionäre und Verbände dürften Fälle von sexueller Belästigung im Boxen nicht herunterspielen. Die Resonanz auf die Hashtag-Aktion zeigt allerdings auch ablehnende bis feindselige Tendenzen. Damit müsse man leben, sagt Scheurich. Dass aber selbst Frauen sie teils massiv beschimpfen, findet die 24-Jährige schade: "Wir wollen doch niemandem etwas Böses. Über Recht und Unrecht entscheiden die Gerichte. Ich verstehe nicht, was in manchen Köpfen schiefläuft, dass wir für unsere Aktion als Schlampen oder Drecksfeministinnen beschimpft werden."

"Fassungslos und wütend"

Auch die mehrfache Weltmeisterin im Fliegengewicht, Profiboxerin Susi Kentikian, nutzt ihren Bekanntheitsgrad und fordert: "Lasst uns gemeinsam ein Zeichen setzen." Wie Scheurich sei sie "zum Glück nie betroffen" gewesen, habe aber Kenntnis vom Leidensweg anderer Boxerinnen, der sie "fassungslos und wütend" mache. "Es kann nicht sein, dass manche von uns mit ihrem Sport aufhören müssen, weil sie sich im Ring oder in der Umkleidekabine nicht mehr wohlfühlen", sagt #CoachDontTouchMe-Initiatorin Seydou.

Die #MeToo-Debatte rund um die Filmbranche hat die Sportlerinnen zum Auftritt in der Öffentlichkeit ermutigt. Die grausamen Einzelheiten im Zusammenhang mit den Verfahren gegen den früheren Mannschaftsarzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, und die jüngsten Vorwürfe gegen einen Fecht-Trainer aus Tauberbischhofheim taten ein Übriges. Der 54-jährige Nassar hat mehr als 260 Frauen und Mädchen missbraucht und wurde vor wenigen Tagen in einem dritten Verfahren in Charlotte im US-Bundesstaat Michigan zu einer weiteren Haftstrafe von mindestens 40 Jahren verurteilt.

Dumme Sprüche inklusive

Wehret den Anfängen, sagt Scheurich: "Es gibt viele kleine Stufen bis zum Missbrauch." Es beginnt mit den kleinen Dingen. Beim Training und bei Lehrgängen etwa habe sie sich an die chauvinistischen Sprüche längst gewöhnt. "Du schlägst wie ein Mädchen, stell' dich besser an den Herd", sei schon ein Klassiker. In der Formel 1 wurden die sogenannten Grid-Girls zwar abgeschafft, was scheinbar gut situierten Piloten offenbar aber den Verstand geraubt hat. Nico Hülkenberg beispielsweise wurde mit dem Satz zitiert: "Ein paar heiße Mädels vor den Autos, das ist doch für die ganze Szene nur förderlich." Und Sebastian Vettel meinte angesichts der Vorstellung, männliche Models könnten die Aufgabe auch übernehmen: "Wenn ich das Auto parke und mir den Hintern von George oder Dave anschaue, dann bin ich nicht glücklich damit."

Kampf auch um Medaillen

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Sarah Scheurich (l.) in Aktion.

Die Nummern-Girls bei Profibox-Events tingeln derweil unvermindert durch den Ring. Was Scheurich missfällt: "Ein Mann wird für seine Leistung im Boxring beurteilt, die Frauen nur für ihr Aussehen. Ein schlimmes Bild wird da vermittelt." Bei den Amateuren gibt es derlei Rollenverständnis gleichwohl nicht, zumindest im Hinblick auf die Nummernschilder und nackte Haut. Bei den Welt- und Europameisterschaften in diesem Jahr sowieso nicht, für die Scheurich und ihre Hashtag-Mitstreiterinnen seit Wochen in den verschiedenen Trainingscamps hart arbeiten. Bei den Titelkämpfen geht es einzig und allein um den Sport - und vielleicht auch um ein schönes Bild mit Medaille.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 11.02.2018 | 22:50 Uhr

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