Sarah Scheurich © Imago Images

Boxerin Sarah Scheurich und ihr schwerer Kampf nach Corona

Stand: 01.12.2020 13:20 Uhr

Boxerin Sarah Scheurich hatte sich im September im Trainingslager mit Corona infiziert. Die Folgen für die Schwerinerin, die von der Olympia-Teilnahme träumt, waren gravierend.

"Ich war körperlich am Ende. Es hat ewig gedauert, bis ich mich davon erholt hatte", berichtete die 27-Jährige im Sportschau-Olympia-Podcast. Doch auch die Psyche litt erheblich. "Für mich war es psychisch richtig, richtig schwer. Ich habe eine schlimme Depression gehabt und bin froh, dass ich zu dem Zeitpunkt gerade in einer psychiatrischen Klinik war, weil sie mir dort sehr gut helfen konnten." Scheurich leidet unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und sollte eigentlich lediglich medikamentös eingestellt werden. "Der Sport war für mich immer ein Ventil, das mich in meine Bahnen gebracht hat. Dadurch, dass das komplett gefehlt hat, war eben alles durcheinander", so die deutsche Meisterin im Mittelgewicht vom Boxclub Traktor Schwerin.

"Ich glaube schon, dass die Depression auch damit zusammenhing, dass ich vorher nicht trainieren konnte. Der ganze Druck, die Sorgen - das war eine krasse Belastung, die ich so vorher auch noch nicht hatte." Sarah Scheurich

Erst nach wochenlanger Zwangspause konnte Scheurich wieder ins Training zurückkehren. "Zu früh zu beginnen, kann sehr gefährlich sein, und ich hatte noch lange mit Erkältungssymptomen zu kämpfen. Deswegen war ich insgesamt über einen Monat komplett raus und habe dann von Null angefangen", sagte sie: "Das hat uns krass zurückgeworfen. Die Zeit, die man davor trainiert hat, war quasi für die Katz." In der Klinik habe sie Medikamente bekommen, um die Tiefs abzuschwächen und jeden Tag Therapie gemacht. "Wir haben viel geredet, wie mein Leben weitergehen kann, was es für Möglichkeiten gibt und was wirklich an den Sorgen real ist. Das hat mir sehr geholfen."

"Eine Woche krank zu sein, ist in der Olympia-Vorbereitung schon schlimm. Jetzt ein Jahr vorher so lange auszufallen und nicht zu wissen, ob es einen noch länger beeinträchtigt - das macht im Kopf ganz viel." Sarah Scheurich

Ziel Olympia fest vor Augen

Ihr großes Ziel, die Teilnahme an den Olympischen Spielen im kommenden Sommer, hat die Schwerinerin trotz aller Turbulenzen weiterhin fest vor Augen. Sie muss sich allerdings noch qualifizieren und hofft, dass die dafür geeigneten Turniere trotz Corona durchgeführt werden können. "Durch Corona ist es noch sehr unsicher. Aber man muss versuchen, sich trotzdem zu motivieren und beim Training dranzubleiben", so die 27-Jährige, die noch überlegt, ob sie sich gegebenenfalls impfen lassen will: "Man weiß eben nicht, wie die Spätfolgen sind, wie der Körper reagiert. Für uns ist dies das Wichtigste, damit wir unseren Job ausüben können."

Teaserbild für den Podcast "Der Sportschau-Olympia-Podcast" © WDR
AUDIO: Olympia-Podcast: Der Kampf nach Corona (63 Min)

IOC-Präsident Thomas Bach hatte auf eine möglichst umfassende Corona-Impfung von Athleten und Zuschauern für die auf 2021 verlegten Spiele in Tokio gedrängt, sofern rechtzeitig ein Impfstoff breit verfügbar ist. Verpflichtend sei die Impfung für die Teilnehmer aber nicht.

Vorwürfe an den Verband: "Ich finde es frech"

Scheurich wiederholte ihre Kritik am Deutschen Boxsport-Verband (DBV), der ein Trainingslager in Österreich angesetzt hatte, bei dem sich beinahe die gesamte deutsche Box-Nationalmannschaft mit dem Coronavirus infiziert hatte. Der Verband habe die Fragen der Athleten wie zur Hotelauswahl bislang noch nicht ausreichend beantwortet. "Ich finde es schon frech, dass mit unserer Gesundheit so umgegangen wird", betonte Scheurich. Man müsse in Zukunft "viel besser kommunizieren und die Athleten in Entscheidungen einbinden".

Depression: Hilfe für Betroffene

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr, Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung, Tel. 116 111. Elterntelefon: (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 01.12.2020 | 08:25 Uhr

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