Stand: 17.02.2020 10:11 Uhr

Bitter: Olympia-Traum und Ärger über Prokop-Aus

von Andreas Bellinger, NDR.de

Die bittere Niederlage ein paar Stunden zuvor beim deutschen Handball-Rekordmeister THW Kiel hatte offensichtlich keine größeren Spuren hinterlassen. Johannes "Jogi" Bitter kam bestens gelaunt in den Sportclub des NDR und verlor erst gar nicht viele Worte über die 23:35-Pleite seines vom Abstieg aus der Bundesliga bedrohten TVB Stuttgart bei Titelanwärter Kiel. Auf der Zielgeraden seiner Karriere hat der Torhüter der Schwaben und seit der Europameisterschaft im Januar auch wieder Rückhalt der Nationalmannschaft beständig gute Laune. Denn bei einer erfolgreichen Qualifikation für Tokio könnte er mit 37 Jahren noch einmal bei Olympia dabei sein. Nur der Rausschmiss von Bundestrainer Christian Prokop ärgert den Keeper des EM-Fünften noch immer.

Kritik an Trennung von Bundestrainer Prokop

Es ist vor allem die Art und Weise des Trainerwechsels, die Bitter nicht recht verdaut zu haben scheint. "Wir wurden informiert, aber nicht gefragt", sagt der gebürtige Oldenburger. "Das war schon überraschend." Dass manches beim Deutschen Handball-Bund (DHB) schlecht gelaufen ist bei der überraschenden Inthronisierung des einstigen Kieler Meistermachers Alfred Gislason, hat selbst Vizepräsident Bob Hanning einigermaßen zerknirscht zugeben müssen. Die Trennung sei "auf gar keinen Fall mit Stil" abgelaufen, bekannte der für seine schrillen Outfits bekannte Berliner ungewöhnlich kleinlaut. "Wir haben uns selbst um Kopf und Kragen geredet, dafür stehen wir in der Kritik - und das zu Recht."

Bitter: "Gislason sicher eine Top-Wahl"

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Für Bitter ist die Angelegenheit so einfach nicht vom Tisch gewischt. "Wir haben viele Wochen mit dem Bundestrainer zusammengearbeitet und uns klar pro Christian Prokop positioniert. Für uns war es ganz wichtig, dass ihm der Rücken gestärkt wird, weil er während des Turniers sehr viel richtig gemacht hat." Auch der DHB hatte sich bei der EM in Norwegen, Österreich und Schweden zunächst in dieser Richtung geäußert. "Dann eine solche Rolle rückwärts zu vollführen, ist schwer nachzuvollziehen", so Hanning.

Unbestritten ist dabei aber auch für Bitter, dass in Gislason ("Ich freue mich riesig, Bundestrainer zu sein") ein Top-Nachfolger in den Startblöcken steht, der vielleicht sogar an eine Renaissance wie unter Dagur Sigurdsson glauben lässt, mit dem Deutschland 2016 Europameister geworden war. "Gislason ist sicher eine Top-Wahl, keine Frage", sagt Bitter im Sportclub. "Wir als Spieler können uns freuen, einen Mann mit dieser Erfahrung als Bundestrainer haben zu können.“

Olympia-Chance "realistisch positiv"

Zeit zum Fremdeln haben bei Seiten sowieso nicht. Schon Mitte April steht in Berlin mit dem Olympia-Qualifikationsturnier der Härtetest auf dem Programm, mit drei Spielen in drei Tagen gegen Schweden, Slowenien und Algerien. Platz zwei heißt das Minimalziel, soll das Tokio-Ticket gebucht werden. Die dicken Brocken sind der deutschen Mannschaft dabei erspart geblieben. "Wir hätten auch Spanien bekommen können, wenn sie nicht Europameister geworden wären", so Bitter, der die Chancen als "realistisch positiv" bewertet. "Wir müssen einen der Großen schlagen und dann noch Algerien. Aber natürlich wollen wir drei Siege einfahren, um ganz sicher bei Olympia dabei zu sein."

Gislasons Grinsen macht Hoffnung

Nachdem ihn Prokop im vergangenen Dezember davon überzeugt hatte, seinen Rücktritt rückgängig zu machen, träumt der Weltmeister von 2007, der mit dem HSV Hamburg Meisterschaft, Champions League, Supercup und Pokal gewonnen hat, von seinen zweiten Olympischen Spielen nach Peking 2008. „Das war sicher nicht so geplant. Aber nun rückt Tokio näher“, sagt der Vater von drei Söhnen. "Schön, dass sie das jetzt miterleben und vielleicht in Berlin auch live in der Halle sein können." Im Grinsen, mit dem Gislason immer unterwegs sei und das bisweilen sarkastisch rüberkomme, glaubt Bitter übrigens gelesen zu haben, "dass meine Chancen auf Olympia nicht so klein sind".

Mal Ruhepol, mal aufbrausend

In der Form der EM und als Pendant zu Stammkeeper Andreas Wolff würde er den deutschen Handballern sicher guttun. Ein letztes Highlight vielleicht, nachdem im Sommer sein Vertrag in Stuttgart ausläuft. "Natürlich hilft man einer Mannschaft immer am besten, wenn man gute Leistungen bringt", sagt der Routinier, der schon tausend Ideen im Kopf hat für die Zeit nach seinem Karriereende im Sommer. Überdies übernehme er gerne Verantwortung. "Das habe ich beim HSV getan und das tue ich jetzt auch in Stuttgart. Mal als Ruhepol, mal als aufbrausender Johannes Bitter", sagt er und lächelt zufrieden. "So bin ich eben."

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Sportclub | 16.02.2020 | 22:50 Uhr