Stand: 08.01.2020 11:10 Uhr

Becker über Zverev: "Gefangen im dunklen Zimmer"

Teamchef Boris Becker (r.) verzweifelte an der Darbietung von Alexander Zverev (l.).

Wer auf den offiziellen Twitter-Account von Tennisprofi Alexander Zverev geht, findet neben einem martialischen Banner ("Empire State of Mind") zuoberst ein Video mit den letzten Ballwechseln von Zverevs erstem Erfolg auf der Profitour. 2014 gewann der damals 17-Jährige das Challenger-Turnier in Braunschweig und posierte anschließend stolz beim Siegerfoto mit Turnierdirektor Michael Stich. Sechseinhalb Jahre später hat der Hamburger wieder eine Tennislegende an seiner Seite, doch von Freude, Glück oder gar Stolz kann nicht mehr die Rede sein. Im Gegenteil: Nach den peinlich-blamablen Auftritten beim ATP Cup in Brisbane ließ Teamchef Boris Becker kaum ein gutes Haar an Deutschlands Nummer eins.

"Er ist irgendwo in einem dunklen Zimmer gefangen und sucht den Lichtschalter" (Boris Becker über Alexander Zverev)

Zverev braucht den Neustart

Neuer Trainer, neue Einstellung, neuer Weg - die Tennis-Ikone legte Zverev mit eindringlichen Worten nahe, entschlossen den Neuanfang zu suchen. "Er ist irgendwo in einem dunklen Zimmer gefangen und sucht den Lichtschalter. Er muss aber bereit sein, ihn suchen zu wollen", sagte Becker der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nach Zverevs 2:6, 2:6-Klatsche gegen Denis Shapovalov. Der Hamburger hatte sich zuvor mit finsterer Miene das Stirnband aus dem Haar gestreift, seine Schlägertasche gegriffen und war schwer frustriert aus der Pat-Rafter-Arena von Brisbane abmarschiert. Mal wieder. Insgesamt drei Niederlagen holte sich der 22-Jährige in Australien ab.

Becker: "Mal neue Stimmen hören"

Viel schlimmer als die bloßen Niederlagen war aber allerdings das Auftreten Zverevs. Beim Auftaktduell mit dem Australier Alex di Minaur zertrümmerte er seinen Schläger, bei der Niederlage gegen Stefanos Tsitsipas brüllte er seinen hinter ihm in der Box sitzenden Vater an: "Halt die Klappe, was zum Teufel redest du da. Ich habe keinen Aufschlag mehr, und du erzählst mir irgendeinen Scheiß."

Seit der Trennung von Ivan Lendl im vergangenen Sommer wird Zverev wieder ausschließlich von seinem Vater Alexander betreut. Für Becker keine Dauerlösung: "Ich glaube, dass der Vater immer eine Rolle im Tennisleben und auch sonst bei Sascha und bei seinem Bruder Mischa spielen wird", sagte der 52-Jährige: "Aber ich würde mir wünschen, er würde bald einen neuen Trainer finden. Zverev solle "mal neue Stimmen hören" und "neue Trainingsformen" machen . Er selber werde das Amt allerdings "sicher nicht" besetzen.

Zverev: "Es wird schon irgendwie laufen"

"Da sind eine Menge Dinge, die ich verbessern muss", räumte auch Zverev niedergeschlagen ein und bat - wieder einmal - um Geduld: "Es ist erst der Start in die Saison. Ich muss meinen Rhythmus finden." Doch die Zeit drängt, das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres, die Australian Open in Melbourne (ab dem 20. Januar), steht vor der Tür. Zverev hatte sich nach einer zerfahrenen und von Nebengeräuschen begleiteten letzten Spielzeit den Auftakt ins Jahr ganz anders vorgestellt. "Ich brauche Trainingszeit, muss Matches gewinnen, dann wird es schon wieder irgendwie laufen", so der Weltranglisten-Siebte - überzeugend klingt das nicht.

Fehlende Erholung Ende 2019

Angesichts der hohen mentalen Belastung wäre es womöglich sinnvoller gewesen, Ende 2019 wirklich mal Abstand zum Tennis zu gewinnen.

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Stattdessen spielte Zverev noch Showmatches mit Roger Federer in Süd- und Mittelamerika, es folgte eine Augen-OP in New York. Der Zeitraum für wirkliche Erholung fiel kurz aus. Das sieht auch Becker ("Ich mache mir Sorgen um Sascha") so: "Die Beine wollen, aber der Kopf nicht", erklärte die Tennis-Ikone: "Das wird auch immer wieder passieren, der Kampf gegen sich selbst, der ist ja nie vorbei. Momentan verliert er diesen Kampf." Die Auftritte in Brisbane, inklusive der Entgleisungen, sollten dazu führen, dass Zverev noch einmal alles hinterfragt. Er braucht frische Impulse, um wieder Schwung aufzunehmen. Der zweite Aufschlag sei der "Blick in die Seele eines Tennisspielers", sagt Becker gern. Aktuell reiht Zverev Doppelfehler an Doppelfehler.

Alexander Zverev verabschiedet sich nach seiner Niederlage gegen den Österreicher Dominic Thiem im Halbfinale der ATP Finals in London vom Publikum. © picture alliance/empics Foto: John Walton

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 08.01.2020 | 23:03 Uhr