Stand: 03.03.2020 09:20 Uhr

Bauermann in Rostock: Mit Leidenschaft zum Aufstieg

von Andreas Bellinger

Wenn er über seinen Sport erzählt, schwappen die Emotionen förmlich über. Diese Leidenschaft lässt den Trainer Dirk Bauermann nun schon seit 34 Jahren nicht los. An der Seitenlinie genauso wie beim Referieren über den Aufschwung, den er als Trainer beim Zweitligisten Rostock Seawolves realisieren will. Erfahren, akribisch und auf seine Art. Basketball ist nun mal sein Leben. "Der Gedanke drängt sich auf", so der 62-Jährige im NDR Sportclub schmunzelnd. "Alle verstehen, dass da ein großes Feuer brennt. Und dass es keinen Sinn macht, mich ans Zuhause zu fesseln." Widerspruch zwecklos. Was selbst sein Manager erkennen musste, als er dem einstigen Nationaltrainer vom Engagement in der Basketball-Provinz abraten wollte.

Junger Headcoach mischt Bundesliga auf

"Man muss ja nicht auf alle hören, die einem einen guten Rat geben wollen", sagt der erfolgreichste deutsche Basketball-Trainer und grinst. Erinnerungen werden wach an die Zeiten, als der forsche Nachwuchs-Headcoach 1989 mit Bayer Leverkusen begann, die Bundesliga aufzumischen. Es war die Zeit, als hierzulande im Basketball eher ausländischen Trainern vertraut wurde. Aber der einstige Regionalligaspieler aus Oberhausen startete durch, holte gleich in seiner ersten Saison das Double und wiederholte diesen Coup insgesamt drei Mal. Als er den Werksclub 1998 verließ, schlugen sieben deutsche Meisterschaften, vier Pokalsiege und zwei Auszeichnungen als "Trainer des Jahres" zu Buche.

Es folgten bewegte Jahre in verschiedenen in- und ausländischen Vereinen, bei denen er es nicht sonderlich lange aushielt. Das änderte sich 2001 mit seiner Vertragsunterschrift in Bamberg, wo er sieben Jahre blieb, zwei Meisterschaften holte und zweimal "Trainer des Jahres“ wurde.

Souveränität und martialische Sprache

Wie jetzt in Rostock, wo er im Nebenjob die tunesische Nationalmannschaft zu Olympia führen soll, fungierte Bauermann von 2003 bis 2011 auch als Bundestrainer, wurde 2005 sensationell Vize-Europameister. Pascal Roller (122 Länderspiele) war damals dabei: "Wir haben unter ihm sehr lange davon gelebt, über die Emotionalität zu kommen", sagt er dem Sportclub. Der Coach konnte prächtig motivieren, führte eine Sprache wie in der NBA ein und "war dabei auch ziemlich martialisch", so Roller. "Das verbinde ich sehr stark mit ihm. Es hat uns damals aber auch getragen." Mit seiner Souveränität, die bisweilen auch ein bisschen Unantastbarkeit ausgestrahlt habe. "Für uns Spieler war er aber immer zugänglich."

Abstieg zum Aufstieg

Das werden die Seawolves von der Ostsee sicherlich bestätigen können. Zumal sich der Weltbummler nach Stationen unter anderem in Litauen, Russland, China und der Türkei nur als ein Teil des Projektes versteht: "Ich versuche, meine Erfahrung weiterzugeben." Dass er dies in der Zweiten Liga tut, erscheint ungewöhnlich. "Wir sind extrem froh, dass es geklappt hat", sagt der Sportliche Leiter der Rostocker, Jens Hakanowitz. "Ein Dirk Bauermann steht schließlich nicht jeden Tag zur Verfügung." Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und das "Programm", wie Bauermann den Auftrag zum Aufstieg nennt, ist auch ein weltweit geachteter Trainer offenbar bereit zum vorübergehenden "Abstieg".

Rausschmiss nach schlechter Halbzeit

"Ich war jetzt so lange im Spitzensport und auf höchstem Niveau unterwegs, da ist man als Trainer ein Stück weit auch mal austauschbar", sagt Bauermann und erzählt von den weniger spaßigen Erfahrungen im Job. In China zum Beispiel. "Da läuft man Gefahr, schon wegen einer schlechten Halbzeit in den Flieger gesetzt zu werden. Irgendwann denkt man dann darüber nach, dass 62 ein gutes Alter ist, etwas anderes zu machen." Vielleicht war es aber auch der Umgang in der Türkei, wo ihm der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, während er seinen Vertrag beim zweimaligen türkischen Meister Pınar Karşıyaka eigentlich um zwei Jahre verlängern sollte. "Aber dann hatten sie die Chance, den türkischen Nationaltrainer zu verpflichten. Das war für mich eher doof und unangenehm, aber irgendwie auch nachvollziehbar", sagt er.

Roller: "Ein Glücksfall für den Club"

Basketball-Trainer Dirk Bauermann © imago images / Bernd König Foto: iBernd König
Dirk Bauermann in seinem Element.

Sein Engagement in Rostock wurde am 6. Januar besiegelt. Es soll erst einmal bis zum Ende der Saison gehen. Noch allerdings stottert der Motor beim Tabellen-13. Von bislang neun Spielen unter seiner Ägide haben die Seawolves fünf verloren. Am vergangenen Wochenende setzte es eine 95:101-Niederlage gegen die Uni Baskets Paderborn. Trotzdem soll der Aufstieg mittelfristiges Ziel bleiben. "Unser Blick gilt natürlich dieser Saison, aber mehr noch darüber hinaus", sagt Bauermann. Wie es scheint, ist er gekommen, um zu bleiben. Glaubt auch Roller: "Wenn er dahin geht, hat das einen Grund. Ein Glücksfall für den Club."

Schwarze Stunde bei den Bayern

Akzente in der Jugendarbeit zu setzen, die Trainerausbildung oder auch die Entwicklung einer Trainings- und Spielkonzeption zählen zu Bauermanns Stärken. Das ist bekannt. Und Aufstieg kann er auch, obwohl er Vergleiche mit seiner Zeit bei Bayern München weniger gerne hört: "Ein kluger Mann hat mal gesagt, dass Vergleiche der Grund allen Übels sind." Tatsächlich schaffte er 2011 den Aufstieg und zog mit den Bayern ins Bundesliga-Viertelfinale ein. Dann aber folgte eine seiner schwärzesten Stunden, als ihm sechs Tage vor Beginn der Saison die Kündigung ins Haus flatterte. Im heftigen Streit mit Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der laut "Süddeutscher Zeitung" unter anderem meinte: Das Team sei "nicht fit", habe zu viele Freiheiten; Bauermann leide unter "Realitätsverlust".

Feuer und Flamme für die neue Aufgabe

Vorbei und vergessen. Bauermann ist längst Feuer und Flamme für seine neue Aufgabe. "Rostock hat tolle Fans, eine tolle Fankultur. Wir haben eine tolle Halle, die Bundesliga-Niveau hat ohne Frage."

Weitere Informationen

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Und der Aufschwung sei unverkennbar, obwohl das sich entwickelnde Programm in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen stecke. "Es macht mir natürlich großen Spaß, mit meiner Erfahrung und dem, was ich gelernt habe über unser Spiel, zu helfen, das nächste oder übernächste Niveau zu erreichen", sagt Bauermann und vermag selbst im NDR Studio seine Emotionen kaum im Zaum zu halten. "Wenn ich die mal nicht mehr habe, mir verlieren nicht mehr super wehtut, oder das Gewinnen nicht mehr so viel bedeutet, ich nicht mehr mitlebe und mitleide, dann wird es Zeit, sich in den Garten zu setzen und den Vögeln zuzuhören. Aber noch ist die Leidenschaft zu groß."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.03.2020 | 23:00 Uhr

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