Stand: 16.09.2019 10:05 Uhr

Am Limit: Wie weit darf Leistungssport gehen?

von Bettina Lenner, NDR.de
Christopher Reinhardt (3.v.l.) kippt entkräftet nach hinten.

Die Bilder waren erschreckend. Christopher Reinhardt brach zusammen, rappelte sich auf, griff wie im Trance zum Riemen und klappte wieder hintenüber: Zuschauern wie Verantwortlichen stockte vor rund einer Woche beim Kanal-Cup, dem prestigeträchtigen Kräftemessen der besten Ruder-Achter der Welt auf einer Marathonstrecke über 12,7 Kilometer auf dem Nord-Ostsee-Kanal, der Atem - zumal kurz vor dem Ziel im niederländischen Boot ein weiterer Ruderer kollabierte.

Der Körper überlastet, nichts geht mehr - und doch gaben weder Reinhardt, der wohl nur noch auf Automatismen zurückgriff, noch seine Teamkameraden in Anbetracht seiner Nöte auf. Am Ende schnappte sich der Deutschland-Achter in einem dramatischen Rennen den Sieg, erst dann wurden die kollabierten Sportler medizinisch versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Ein Heldenstück? Oder gefährlicher Ehrgeiz? Ganz sicher kein Einzelfall. Immer wieder schinden sich Leistungssportler, bis nichts mehr geht, merken nicht, wann es eigentlich zuviel ist und sind alleine nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Doch wie weit darf der Leistungssport gehen?

Sportärztin: "Ich hätte ihn rausgenommen"

Auch für Dr. Caroline Werkmeister sind die Aufnahmen von Reinhardts Zusammenbruch kein alltägliches Bild. Spätfolgen fürchtet die Hamburger Sportmedizinerin allerdings nicht. "Das sind junge, starke und gesunde Menschen, die seit vielen Jahren diesen Sport betreiben und begleitend versorgt und überprüft werden, sowohl im medizinischen als auch im Trainings-Steuerungsbereich. Es gibt keine ausgereifte Datenlage darüber. Aber wir Sportärzte gehen davon aus, dass es keinen Schaden hinterlässt, wenn es mal vorkommt", sagte sie dem NDR Sportclub. Allerdings: Reinhardt hätte besser schon vor dem Ziel versorgt werden müssen. "Ich hätte ihn rausgenommen und ich bin mir fast sicher, dass das jeder verantwortliche Arzt in der Situation auch so entschieden hätte", so Werkmeister.

"Man hat Athleten schon schlimmer gesehen"

Wie und warum aber hat das Team entschieden, das Rennen fortzusetzen? "Als er umkippte, haben in dem Moment alle im Boot 'Stopp' gerufen. Doch dann kommt er aus eigener Kraft wieder hoch, greift nach dem Hebel, kriegt die Hilfe von seinen Mitruderern und bewegt sich von alleine weiter. Er ist sicherlich im Tunnel und am Ende seiner Kräfte, aber er ist körperlich gesund und wird keinen Schaden davontragen. Man hat Athleten beim Rudern schon schlimmer gesehen", erläuterte Martin Sauer im NDR Sportclub. Als Steuermann hat er im Boot das Sagen.

Reinhardt sei aus seiner "Bewusstseinseintrübung" herausgekommen und habe sofort reflexartig die Ruder gegriffen. "Das hätte er nicht gemacht, wenn er bei vollem Bewusstsein gewesen wäre", setzt Professor Dr. Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule Köln dem im Gespräch mit Sportschau.de entgegen: "Diese Reflexe zeigen, dass bei einem Hochleistungsruderer bestimmte Handlungsmechanismen tief einprogrammiert sind."

"Wir reden nicht von irgendwelchen Athleten, der Junge ist Weltmeister im Rudern. Wir sind immer noch Menschen dabei, aber wir geben auch nicht jede Sache einfach so auf. Am Ende hat er sich stark übernommen und wäre selber stinksauer gewesen auf uns, wenn wir aufgegeben hätten an der Stelle." Martin Sauer im NDR Sportclub

Rund 20 Minuten Erinnerung fehlen

Reinhardt war schnell wieder auf den Beinen, kehrte ebenso wie der Niederländer bereits am Abend des Rennens zur Mannschaft zurück. "Wenn man es von außen sieht, ist es schon hart, wie ich ins Boot klappe. Das sieht nicht sonderlich schön aus. Aber ehrlich gesagt habe ich daran gar keine Erinnerungen mehr. Mir fehlen ungefähr 20 Minuten", schilderte der Dorstener seinen Zusammenbruch bei Sportschau.de. Die Ursache sah er vor allem bei sich selbst: Er habe sich die Strecke, die sechsmal länger ist als bei anderen Rennen und die er zum ersten Mal als Aktiver erlebte, falsch eingeteilt.

Wo sind die Grenzen?

"Ich habe leider zu spät gemerkt, dass die Erschöpfung zu groß wird. Dann kommt irgendwann der Hammer. Aber es gehört zum Leistungssport dazu, dass man mal über seine Grenzen geht," betonte der 22-Jährige und verglich den Vorfall mit ähnlichen Situationen, die im Training vor allem bei Ergometertests vorkommen. Es sei nicht unüblich, dass sich Sportler so sehr verausgaben, dass sie sich übergeben müssen oder ohnmächtig werden. "Wenn das mal vorkommt, muss man nicht davon ausgehen, dass das Spätfolgen nach sich zieht. Das sollte aber nicht an der Tagesordnung sein", sagte Sportmedizinerin Werkmeister dazu.

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Sportmediziner kritisiert Kanal-Cup

Der Sieg des Deutschland-Achters beim Kanal-Cup geriet wegen des Zusammenbuchs von Christopher Reinhardt in den Hintergrund. Sportmediziner Predel äußert bei Sportschau.de Kritik. extern

Die Grenzen austesten und bis zu einem gewissen Grad ausreizen - "das liegt in der Natur des Leistungssportes. Das ist nicht nur okay, das ist auch erforderlich, um die Leistung zu erbringen", so die Ärztin. Anders als im Amateurbereich gebe es "in diesen Bereichen heutzutage ein super aufgestelltes Netzwerk und Einrichtungen, die standardisiert und trotzdem individuell die Sportler an die Hand nehmen, um Schäden zu vermeiden". Mögliche Herzprobleme waren somit im Fall der beiden Ruderer aufgrund ständiger gesundheitlicher Kontrollen annähernd ausgeschlossen.

Sauer: Platz im Olympiaboot nicht gefährdet

Auch Predel bestätigte, der Vorfall beim Kanal-Cup sei zwar in dieser Form "ungewöhnlich und für Außenstehende erschreckend. Aber als Reaktion des Körpers auf extreme Überbelastung nichts, was mit dauerhaften Schäden verbunden ist." Dennoch forderte der Sportmediziner eine kritische Auseinandersetzung mit der extremen Distanz von 12,7 Kilometern: "Wenn das gleich zwei Athleten passiert, sollte man sich hinsetzen und kritisch überlegen, ob man dieses Rennen in dieser Form weiter fahren sollte." Reinhardt indes müsse nicht um seinen Platz im Olympiaboot im kommenden Jahr fürchten, sagte Sauer im Sportclub: "Aber wir werden natürlich darüber reden, was da passiert ist, was die Ursache war. Und dann muss man daraus lernen."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 15.09.2019 | 22:50 Uhr