Hannes Ocik (l.) mit dem deutschen Ruder-Achter © picture alliance / NurPhoto

Achter-Schlagmann Ocik: "Wir leben in einer Parallelwelt"

Stand: 07.04.2021 09:45 Uhr

Die Ruderer vom Deutschland-Achter um Hannes Ocik starten bei der EM im italienischen Varese (9. bis 11. April) in die Olympia-Saison. Die Vorfreude beim Schlagmann ist riesig. Zumal den Schweriner "der große Zirkus, der beim Fußball gemacht wird" optimistisch stimmt, dass die Spiele in Tokio trotz Corona mit einem Jahr Verspätung tatsächlich stattfinden. Auch mit Blick darauf gilt: jetzt bloß nicht anstecken!

Herr Ocik, der Achter startet in dieser Woche bei der EM in Italien. Danach stehen noch drei Weltcups an, bevor es zu Olympia geht. Klingt nach einer normalen Saison...

Hannes Ocik: Ja, absolut. Wir haben letztes Jahr nur ein richtiges Rennen gehabt, und das war das Finale bei den Europameisterschaften. Wir haben den Winter knüppelhart durchtrainiert mit dem Willen: Wenn wir in dieser Saison an den Start gehen, wollen wir alle Rennen mitnehmen, die wir kriegen können. Und nach außen hin erscheint es dann so, als wäre das eine ganz normale Saison.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie aktuell auf Ihren Alltag?

Ocik: Im Vergleich zum letzten Jahr hat Corona jetzt mehr einen Einfluss auf das Mentale, auf die Psyche. Wir haben schon im vergangenen Jahr die Hygiene-Maßnahmen stark angepasst und uns in den Trainingsgruppen am Stützpunkt in Dortmund sehr abgeschottet. Wir leben in einer Parallelwelt. Uns beeinflussen eher die ganzen Meldungen, die in den sozialen Netzwerken und den Medien kursieren - wie sich zum Beispiel die Mutationen entwickeln. Das dämpft die Stimmung.

Die nächsten Wochen sind für uns die entscheidenden. Wenn wir uns jetzt noch mit Corona anstecken, dann sieht es für Olympia ganz schlecht aus. Wir hatten im September ja Corona-Fälle bei uns. Das ist kein Zuckerschlecken. Deshalb heißt es, gerade für Leute, die in unsere Blase reinkommen: testen, testen, testen. Das sagt ja auch die Bundesregierung.

Das Trainingslager in Portugal zuletzt haben Sie als Ihr bestes überhaupt bezeichnet. Hat die Corona-Blase das Team noch mehr zusammengeschweißt?

Ocik: Durch diese Blase, die wir aufrechterhalten müssen, rücken wir noch mehr zusammen. Beim Trainingslager hat alles gepasst. Das Wetter war gut. Die Trainingskilometer, die wir geplant hatten, konnten wir super umsetzen. Niemand hatte eine Erkältung oder hatte was mit dem Rücken. Das Trainingslager hat uns zusammengeschweißt, auch weil die Trainingsleistung gestimmt hat. Wir sind unfassbar schnelle Zeiten gefahren in Portugal. Und wir haben im Vergleich zu den Jahren zuvor 3.000 Ruder-Kilometer mehr auf der Uhr.

Der Ruder-Achter gewinnt bei der EM 2020 Gold © picture alliance / NurPhoto
Bei der EM 2020 gewann der Ruder-Achter Gold.

Sie wollten "Betriebstemperatur für die Olympia-Saison aufnehmen". Klingt so, als hätte das geklappt.

Ocik: (lacht) Ich will nicht zu viel verraten und auch nicht zu viel auf die Kacke hauen. Aber ich habe schon den Eindruck, dass wir bei der EM ordentlich einen abfackeln wollen. Das ist wie bei einem Rennwagen, den man einfach am Start losschießen und das Gaspedal durchtreten will.

Bundestrainer Uwe Bender hat diesmal auf den sonst vor der Saison üblichen internen Wettkampf um die Plätze im Boot verzichtet, weil alle ihre Leistung bestätigt hätten. Die richtige Entscheidung?

Ocik: Wir konnten uns so besser auf die kommenden Aufgaben vorbereiten. Normalerweise würde zum jetzigen Zeitpunkt noch selektiert, um herauszufinden: Wer sind die Athleten für den Achter, für den Vierer, für den Zweier? Und dann musste man sich immer innerhalb von vier bis sechs Wochen auf die Saison vorbereiten. Wir können jetzt schon den nächsten Step machen, weil wir bereits ein eingeschworenes Team sind. Wir haben die Prozesse schon verfeinert. Und ich glaube, dass das am Ende entscheidend für die Medaillenvergabe sein kann.

Also holen Sie und Ihre acht Mitstreiter am 30. Juli das ersehnte Olympia-Gold?

Ocik: (lacht) Wir haben siebenmal in Folge die EM gewonnen, sind dreimal hintereinander Weltmeister geworden - da kann es kein anderes Ziel geben. Das würde mir ja sonst niemand abnehmen. Wir haben super trainiert, die besten Athleten sitzen im Achter. Wir wollen, wenn wir nach Tokio fahren, die Goldmedaille gewinnen.

Angesichts der dritten Corona-Welle erscheint eine solche Großveranstaltung ganz weit weg. Wie stellt sich die Situation für Sie dar?

Ocik: Ich kann alle verstehen, die gerade vor großen Problemen, sogar vor Existenzproblemen stehen. Für uns Athleten sind die Olympischen Spiele allerdings immer noch das Ziel schlechthin. Die einfach abzusagen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob das ermöglicht werden kann, sehe ich als falsch an. Die Pandemie-Lage vor Ort wird sicher schon mal dadurch entspannt, dass keine ausländischen Fans anreisen dürfen. Und ich glaube, es ist für viele Sportarten und auch die Freizeitsportler in den Vereinen sehr wichtig, dass man den Sport bei Olympia zumindest im Fernsehen verfolgen kann.

Die FDP-Politikerin Britta Dassler hat zuletzt eine priorisierte Impfung für die Olympia-Teilnehmer gefordert. Was halten Sie davon?

Ocik: Bei einer Bevorzugung von Sportlern vor Menschen, bei denen es viel wichtiger ist, habe ich ganz große Bedenken und Magengrummeln. Die Impfreihenfolge, die wir in Deutschland haben, ist schon sehr wichtig. Da haben sich kluge Menschen Gedanken gemacht. Allerdings ist der Großteil der Athleten, die zu Olympia fahren, ja bei der Bundeswehr, der Bundespolizei oder der Landespolizei so wie ich. Und da sind die Impfungen ohnehin schon angelaufen.

Sie waren schon bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 dabei. Ein großes Zusammenkommen von Sportlern und Sportbegeisterten aus aller Welt wird es diesmal nicht geben. Haben Sie schon eine Vorstellung davon, was Sie in Japan erwartet?

Ocik: Es geht nicht ohne Kompromisse. Wenn Olympia stattfindet, haben wir ein Privileg, wenn wir dorthin fliegen und um Medaillen fahren können. Natürlich wird eine andere Stimmung herrschen. Und es wird auch kein Miteinander im Olympischen Dorf, kein Party-Juchhe im deutschen Haus geben. Aber wenn das die Kompromisse sind, damit Olympia überhaupt stattfinden kann, dann sollten wir alle damit leben können. Aber wer weiß, wie sich die Lage bis dahin entwickelt.

Hannes Ocik (l.) mit dem deutschen Ruder-Achter © picture alliance/dpa Foto: Bernd Thissen
Nur auf dem Wasser dürfen die Athleten ihre Masken abnehmen.

Zweifeln Sie noch daran, dass Olympia stattfindet?

Ocik: Ich sehe es ja an dem großen Zirkus, der beim Fußball gemacht wird. Wie die Fußballspiele in andere Länder verlegt werden. Und die Fußball-EM soll mit vielen Zuschauern stattfinden. Die Leute können jetzt nach "Malle" fliegen, um Urlaub zu machen. Warum sollen dann nicht Ende Juli die Olympischen Spiele stattfinden? Wir reden von ungefähr 13.000 Athleten plus Betreuer, die bis dahin auch alle geimpft sein könnten. Ich bin optimistisch, dass Olympia stattfindet. Aber wenn kurz vorher die sechste Welle losbricht, oder eine Mutation unterwegs ist, gegen die wir keine Möglichkeit haben, kann natürlich auch noch mal alles kippen.

Im NDR Interview im vergangenen Jahr haben wir auch über Ihr mögliches Karriere-Ende gesprochen, das durch die Verschiebung von Olympia erst mal vom Tisch gewesen ist. Sind diese Gedanken nun wieder präsenter?

Ocik: Das ist schon ein Thema, mit dem ich mich auseinandersetze. Es gibt viele Faktoren, die dann für ein Karriere-Ende entscheidend sind. Aber damit möchte ich mich intensiv erst im August beschäftigen. Am besten nach den Spielen mit der richtigen Medaille um den Hals.

Die Chance auf Olympia-Gold, vielleicht Ihr letztes Jahr als Ruderer in der Weltspitze und die Probleme im Zuge der Pandemie. Das klingt ganz und gar nicht nach einer normalen Saison...

Ocik: Ja, der erste Eindruck täuscht nämlich. Die Vorzeichen sind ganz andere. Aber das ist vielleicht auch der Reiz. Man muss neuen Dingen auch mal eine Chance geben.

Das Interview führte Florian Neuhauss

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Sport aktuell | 11.04.2021 | 09:25 Uhr

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