Stand: 16.04.2020 09:12 Uhr

Achter-Schlagmann Ocik: "Hinwerfen ist keine Option"

Achter-Schlagmann Hannes Ocik © picture alliance/SVEN SIMON Foto: Anke Waelischmiller
Achter-Schlagmann Hannes Ocik muss derzeit allein trainieren.

Zeit mit der Freundin und eine ausgedehnte Radtour durch den Hamburger Frühling. Die Corona-Krise macht es möglich. Statt in die heiße Phase der Olympia-Vorbereitung zu starten, findet Hannes Ocik Zeit, um abzuschalten. "Das ganze Drama", wie der Schlagmann des deutschen Ruder-Achters die Umstände der Olympia-Verschiebung nennt, hat der 28-jährige Rostocker zwar hinter sich gelassen - doch es gibt weiter einige Fragezeichen.

Im Interview mit NDR.de spricht Ocik, der eigentlich nur bis Ende August von seinem Dienst bei der Landespolizei freigestellt ist, über neue Motivation, die Sonderrolle der Fußballer und das Ende seiner Karriere.

Herr Ocik, wie sehr hängt Ihnen das Training auf dem Rad, im Wohnzimmer und auf dem Ergometer schon zum Hals raus?

Hannes Ocik: (lacht) Ach, aktuell geht es eigentlich ganz gut. Die große Spannung ist ja weg, und ich kann mich ganz gut motivieren. Daran hat sicher auch das gute Wetter seinen Anteil. Es macht Spaß, sich draußen zu bewegen. Und ich bekomme den Kopf frei - von dem ganzen Drama.

Sie sprachen unmittelbar nach der Verschiebung davon, dass die ganze Schinderei in den vergangenen Monaten für die Katz', das ganze Kartenhaus zusammengefallen sei. Haben Sie den Schock mittlerweile verarbeitet?

Ocik: Ja, das würde ich schon sagen. Natürlich wirkt es noch nach, wenn ich sehe, was wir alles investiert haben. Aber man darf dem Ganzen nicht zu sehr nachtrauern, sonst ist es schwierig, die neue Aufgabe anzunehmen. Allerdings nervt mich die Ungewissheit, weil es wegen des Coronavirus noch keinen neuen Fahrplan gibt. Aber das ist angesichts der Pandemie das geringste Problem.

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Die Fußballer sind dank Ausnahmeregelungen unter strengen Auflagen schon wieder ins Training eingestiegen. Wie beurteilen Sie diesen Sonderstatus?

Ocik: Ich finde, dass der Fußball gerade sein wahres Gesicht gezeigt hat. Es geht nicht darum, dass die Fans im Stadion ihr Team anfeuern. Die Vereine sind wirtschaftliche Maschinen wie andere Unternehmen auch. Es geht ums Geschäft - und richtig, richtig viel Geld. Trotzdem: Sollte die Politik dem Fußball wirklich die Erlaubnis erteilen, kurzfristig wieder Spiele auszutragen, muss über diesen Sonderstatus noch mal ernsthaft diskutiert werden. Das wäre aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar.

Mittlerweile gibt es schon Stimmen, die bezweifeln, dass Olympia im kommenden Jahr überhaupt stattfinden kann. Wie beurteilen Sie die Verschiebung um ein Jahr?

Ocik: Klar, das ist natürlich ein großes Thema. Keiner weiß, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt. Das werden wir erst in den kommenden Monaten sehen - und davon sind auch die Spiele abhängig. Aber die Verschiebung war genauso richtig wie die Festlegung eines neuen Datums. Ich kann nur mit Fakten arbeiten. Sonst wird man innerlich zerfressen.

Glauben Sie persönlich daran, dass Olympia im kommenden Jahr wie geplant stattfindet?

Ocik: Ich bin ein positiv denkender Typ und würde Stand jetzt sagen: Olympia findet 2021 statt. Aber uns allen muss klar sein, dass wir Deutsche uns noch so vorbildlich benehmen können. Wenn das Coronavirus weltweit ein Problem bleibt, dann wird es mit Olympia schwierig.

Schlagmann Hannes Ocik (2.v.r.) mit dem Deutschland-Achter © picture alliance/SVEN SIMON Foto: Anke Waelischmiller
Der Deutschland-Achter ist das Paradeboot des Ruderverbands.

Wie geht es nach der Verschiebung im Achter weiter?

Ocik: Erst mal haben alle grünes Licht gegeben. Teilweise auch schweren Herzens, wir haben zum Beispiel zwei Väter dabei, bei denen die Familie jetzt noch ein Jahr länger zurückstehen muss. Aber die Besetzung des Achters steht auf einem anderen Blatt Papier. Ich bin zwar dafür, die Mannschaft im Grunde so zu belassen. Ich weiß allerdings auch, dass wir uns neuen Leistungstests unterziehen und uns alle wieder den Platz verdienen müssen.

Gehören Sie zu den Sportlern, die eigentlich über ein Karriereende in diesem Sommer nachgedacht hatten?

Ocik: Das war ein Gedanke, mit dem ich mich beschäftigt habe, ja. Die Entscheidung hätte ich aber zuvorderst vom Ausgang der Spiele selbst abhängig gemacht. Wobei auch Faktoren wie Freundin, Familie, Beruf und natürlich Gesundheit eine große Rolle spielen. Aber die Frage stellt sich nun nicht mehr. So kurz vor Olympia hinzuwerfen, ist keine Option. Allerdings stehen noch ein paar Gespräche aus - mit meinem Arbeitgeber der Landespolizei, aber auch Sponsoren und Unterstützern.

Das Interview führte Florian Neuhauss, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.04.2020 | 22:45 Uhr

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