VIDEO: Ruder-EM: Deutschland-Achter gewinnt Goldmedaille (3 Min)

Achter-Schlagmann Ocik: "Der Kanal-Cup ist Extremsport"

Stand: 18.10.2020 10:14 Uhr

Nach dem EM-Titelgewinn stehen für den Deutschland-Achter heute die 12,7 km auf dem Nord-Ostsee-Kanal an - nicht erst seit den Schock-Bildern 2019 das härteste Ruderrennen der Welt. Schlagmann Hannes Ocik (Rostock) im Interview.

Herr Ocik, Sie haben gerade Ihren siebten EM-Titel gefeiert, sind schon dreimal Weltmeister geworden und haben eine Olympia-Silbermedaille gewonnen. Welchen Stellenwert hat da der Kanal-Cup?

Hannes Ocik: Ich kann natürlich nicht verneinen, dass es auch für mich im Leistungssport um Titel geht. Ich will aber im Boot auch immer meine körperlichen Grenzen austesten. Und in diesem Rennen geht wirklich jeder an seine Grenzen. Das reizt mich immer wieder aufs Neue.

Das Coronavirus beherrscht seit Monaten die Gesellschaft, aber auch den Sport. Was ist am Rudern in Corona-Zeiten anders?

Ocik: Ehrlicherweise gerade gar nicht mehr so viel. Bei der EM mussten wir auf der ganzen Anlage an Land Maske tragen und das machen wir sonst auch, sobald wir in geschlossenen Räumen sind. Ansonsten können wir uns aber voll auf unseren Sport konzentrieren. Im Vergleich zu anderen Sportarten haben wir zwei große Vorteile: Rudern ist kein Kontaktsport und wir sind immer unter freiem Himmel.

In Spanien hat gerade ein Handball-Spiel stattgefunden, bei dem alle Spieler auf dem Platz Mund-Nasen-Schutz getragen haben...

Ocik: Das finde ich einfach nur lächerlich! Gute Konzepte sind natürlich wichtig. Aber als ich von dem Handball-Spiel gehört habe, kam ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Noch schlimmer fand ich nur die Entscheidung, dass beim ATP-Turnier in Köln zu Beginn 999 Zuschauer bei den Einzelmatches dabei sein durften, beim Doppel aber keine. Das versteht doch niemand. Da geht die Glaubwürdigkeit der Maßnahmen bei vielen Menschen verloren.

Schlagmann Hannes Ocik im Deutschland-Achter (2.v.u.) © imago images/SVEN SIMON Foto: Elmar Kremser
Darf der Deutschland-Achter im kommenden Jahr um Olympia-Gold rudern?

Im April bemängelten Sie im Interview mit NDR.de eine Sonderrolle der Fußballer. Wie stellt sich für Sie ein halbes Jahr später die Situation dar?

Ocik: Unverändert. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass der DFB gerade drei Länderspiele absolviert hat, während es links und rechts Corona-Fälle gibt. Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite strenge Regeln gelten und auf der anderen Seite ist es eher Larifari. Ich sehe aber mittlerweile auch einen Vorteil. Dadurch, dass der Fußball in seiner Sonderrolle immer vorläuft, können die anderen Sportarten von den Erfahrungen profitieren.

Aktuell geht es überall wieder um Verschärfungen der Regeln statt um weitere Lockerungen. Sie bezeichnen sich als Optimist. Hand aufs Herz: Glauben Sie noch immer an ein Olympia 2021 in Tokio?

Ocik: Ja, das tue ich. Wir haben in den vergangenen Monaten viel gelernt. Welche Veranstaltungen können trotz Corona wie stattfinden. Außerdem gibt es Hoffnung, dass bis dahin ein Impfstoff da ist. Auch zuverlässige Schnelltests würden sicher helfen.

Und glauben Sie auch an Zuschauer bei Olympia?

Ocik: Das ist natürlich eine ganz andere Frage, über die ich schon mit vielen Athleten gesprochen habe - auch aus anderen Sportarten. Für uns Ruderer gilt, dass wir ohnehin 1.600 oder 1.700 m ohne Fans unterwegs sind. Bei Leichtathleten ist das ganz anders. Aber ich glaube, dass wir alle vor allem für den Wettbewerb trainieren. Und ich hoffe, dass man sich, sollte es zu einer Abwägung kommen, auch dafür entscheidet, Olympia zu veranstalten, wenn keine Zuschauer vor Ort sein dürfen.

Ist der EM-Sieg das Signal gewesen, dass das Team auch mit einer kurzen Vorbereitungszeit in Tokio sportlich Großes leisten könnte?

Ocik: Darüber haben wir in der Mannschaft auch schon gesprochen. Es gibt sicher viele Interpretationsmöglichkeiten. Fakt ist, dass der Sieg gut für das Selbstvertrauen war und gezeigt hat, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Normalerweise rudern Sie im Achter zwei Kilometer - beim Kanal-Cup sind es 12,7. Ist das dieser Tage eine noch größere Herausforderung als sonst?

Ocik: Es wäre ein fataler Fehler, nach Rendsburg zu fahren und unfit zu sein. Wir haben uns zuletzt extra mit vielen längeren Einheiten auf das Rennen vorbereitet.

VIDEO: 2019: Zwei Ruderer bei Kanal-Cup mit Schwächeanfall (4 Min)

Viele werden noch die Bilder vom vergangenen Jahr vor Augen haben, als Kanal-Cup-Neuling Christopher Reinhardt im deutschen Boot und Jacob van de Kerkhof bei den Niederländern an Bord zusammengebrochen sind. Sogar Bundestrainer Uwe Bender kritisierte, die Teams seien über das Limit der physischen Leistungsfähigkeit hinausgegangen. Wie ist das Rennen aufgearbeitet worden?

Ocik: Wir haben sehr viele Gespräche geführt - untereinander und mit dem Trainer, aber auch mit dem Veranstalter und Verbandsarzt Dr. Ulrich Kau. Es kann nicht in der Hand der Sportler liegen, ein Rennen abzubrechen. Ich kann am Schlag eine Situation im Bug zum Beispiel nicht bewerten. Überhaupt sind alle Sportler während des Rennens natürlich "im Tunnel". Deshalb werden diesmal Uli als Regatta-Arzt und ein unabhängiger Schiedsrichter mit dabei sein. Sie können ein Boot rausnehmen oder das Rennen abbrechen, wenn sie das für nötig halten.

Wird Rudern beim Kanal-Cup zum Extremsport?

Ocik: Wir rudern normalerweise 2.000 m, in Rendsburg sind es 12,7 km. Ja, der Kanal-Cup ist Extremsport. Zumal wir trotz der über sechsfachen Strecke bei der Leistungsbereitschaft keine großen Abstriche machen. Aber das Wort "extrem" lässt nach oben keine Grenzen. Wenn die "Wellenbrecherinnen" im Ruderboot den Atlantik überqueren, ist das noch mal eine andere Nummer.

Können Sie irgendwelche Vorkehrungen treffen, damit sich Bilder wie 2019 nicht wiederholen? Mit dem 23-jährigen Olaf Roggensack erlebt wieder einer Ihrer Mitstreiter sein erstes Mal auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

Ocik: Ausschließen kann man das nicht. Das A und O ist, sich die Kräfte richtig einzuteilen. Aber wir haben schon viele Gespräche geführt, um ihm die "Angst" zu nehmen. Aber Respekt muss man vor diesem Rennen immer haben.

Das Interview führte Florian Neuhauss

Das ist der Kanal-Cup

Der Kanal-Cup findet am Sonntag (14.15 Uhr) zum 20. Mal statt. 14 Rennen auf der 12,7 km langen Distanz von Breiholz nach Rendsburg hat der Deutschland-Achter bisher gewonnen. Da die Boote aus Großbritannien und den USA wegen verschärfter Reiseauflagen in der Corona-Pademie nicht nach Deutschland kommen dürfen und jüngst die Niederlande ihren Startverzicht erklärten, treten beim Ruder-Marathon auf dem Nord-Ostsee-Kanal gegen den favorisierten Europameister Deutschland Polen sowie der deutsche U23-Achter an.

Rückblick
Der Deutschland-Achter (r.) im Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem niederländischen Boot © picture alliance/Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz

Kanal-Cup: Deutschland gewinnt dramatisches Rennen

Der Deutschland-Achter hat den Kanal-Cup unter dramatischen Umständen für sich entschieden. Zwei Ruderer kollabierten während des Rennens. "Beide sind stabil", teilte der Veranstalter mit. mehr

Christopher Reinhardt (im Boot 3.v.l.) lehnt sich entkräftet nach hinten. © picture alliance/Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz

Am Limit: Wie weit darf Leistungssport gehen?

Sportler gehen an ihre Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Beim Kanal-Cup kollabierten gleich zwei Ruderer, ihre Teams machten dennoch weiter. Ein Heldenstück? Oder gefährlicher Ehrgeiz? mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 18.10.2020 | 22:45 Uhr

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