VIDEO: Hörmann will Mannschaft nur zu sicheren Spielen schicken (17 Min)

100 Tage bis Olympia: Hörmann setzt aufs Impfen - "Zeit drängt"

Stand: 14.04.2021 10:16 Uhr

Dilemma beim Impfen und im Anti-Dopingkampf, kaum Zuschauer und wirtschaftliche Schäden: Wie beeinflusst die Corona-Pandemie die Pläne für Olympia und die Paralympics in Tokio? DOSB-Präsident Alfons Hörmann mit Antworten.

von Andreas Bellinger und Juliane Möcklinghoff

Das schlechte Gefühl geht immer mit auf Reisen, wenn sich die deutschen Spitzensportler ungeimpft und fern der Heimat auf die Olympischen Spiele vorbereiten, die in 100 Tagen beginnen sollen. "Wir wollen uns nicht vordrängeln und werden herzlich gern das zweite Quartal abwarten", sagt Alfons Hörmann im NDR Sportclub.

Aber der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ist sich mit den Olympia-Sportlerinnen und -Sportlern aus dem Team D auch einig, "dass nun eine Option geschaffen werden muss". Denn wer nach Tokio will, muss sich qualifizieren und dafür auch Vorbereitungs-Wettkämpfe bestreiten, die in der Corona-Pandemie so sicher wie möglich sein sollten.

Allein im März 35 infizierte Teammitglieder

"Es ist nicht nur ein schlechtes Gefühl, sondern auch eine große Gefahr für unsere Sportler, wenn sie ohne entsprechenden Impfschutz zu Qualifikationswettkämpfen fahren müssen", sagt Kanu-Präsident Thomas Konietzko. "Ich tue mich wirklich schwer, die Verantwortung zu übernehmen."

Verständlich angesichts von "35 Athletinnen und Athleten aus dem Team D, die sich allein im vergangenen Monat infiziert haben", so Hörmann. Andere Länder stellen Sonderrechte für Topsportler gar nicht erst infrage. In Neuseeland und Dänemark beispielsweise werden Sportler längst bevorzugt geimpft.

Impfangebote unter der Hand

Dabei gibt es allenthalben Berichte von Sportlern, denen längst Impfmöglichkeiten unter der Hand angeboten werden. "Das gab es auch für uns, den Impfstoff zu organisieren", sagt Konietzko. "Aber wir denken keine Sekunde über so ein Angebot der Chinesen nach.“ Allerdings sieht der 57-Jährige für einen Impfstart nur noch ein "Zeitfenster von Mitte Mai bis Mitte Juni, damit unsere Sportler ohne Nebenwirkungen und Belastungen in Tokio antreten können".

Hörmann verweist auf Gespräche mit der Sportministerkonferenz und den Gesundheitsministern der Länder und hofft, "dass das gesamte Team in den nächsten Wochen Schritt für Schritt in einem stimmigen und sauberen Konzept ein Angebot erhält, um rechtzeitig und sicher zu den Spielen fahren zu können. Die Zeit drängt."

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Kommt eine Impfpflicht für Tokio-Fahrer?

Zwölf Prozent der Sportler im Team D sind laut einer Umfrage unter den Athletinnen und Athleten aktuell geimpft, weil sie bei Bundespolizei, Bundeswehr oder Polizei beschäftigt sind. Rund 80 Prozent aber warten laut Hörmann "weiter sehnsüchtig auf eine Impfung". Sieben Prozent wollen keine Impfung, was problematisch werden könnte, wenn es doch noch zu einer Impfpflicht für Tokio-Teilnehmer kommt.

Spiele in der Blase

Um die Risiken für Olympia und die Paralympics zu senken, ist das größte Sportfest der Welt bereits zurechtgestutzt worden. Die Zahl der offiziellen Gäste wurde drastisch reduziert, Zuschauer aus dem Ausland sind nicht erlaubt. "Wettkampfspiele pur", nennt das Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes.

Gar nicht mal so schlecht findet das Zurück zu alten Werten Kirsten Bruhn, die dreimalige Paralympics-Siegerin im Schwimmen über 100 m Brust aus Eutin: "Ich glaube, wir kommen wieder 'back to the roots', so nach dem Motto: Dabei sein ist alles."

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Auf die Sportler warten in jedem Fall Spiele in der Blase: Hinflug, Olympisches Dorf, Stadion oder Halle und zwei Tage nach dem Wettkampf Rückflug nach Deutschland. Keine Begegnungen mit Athletinnen und Athleten aus aller Welt, kein Kontakt mit Freunden, Familien oder auch Sponsoren, ganz zu schweigen von den Menschen des Gastgeberlandes. Beucher würde sich trotz allem freuen, wenn auch die Paralympics (24. August bis 5. September) stattfinden können. "Insgesamt wegen der Vorbildfunktion für Menschen mit Behinderung. Ein wichtiges Schaufenster."

Maennig: Kosten-Argument "irrelevant"

Oder käme Japan eine Absage der Spiele schlichtweg zu teuer? "Vollkommen irrerelevant" nennt dieses Argument der Hamburger Wirtschaftspolitik-Professor Wolfgang Maennig im Gespräch mit dem NDR. Das Geld sei nicht der wesentliche Punkt. "Japan ist eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt und die Gesamtinvestitions- und Organisationskosten liegen unter 0,01 Prozent eines Jahres-Brutto-Sozialproduktes. Das taucht nicht auf, das wird völlig überschätzt", so der Ruder-Olympiasieger von 1988.

Kosten der Spiele: Mehr als zwölf Milliarden Euro

Mehr als zwölf Milliarden Dollar sollen die Spiele laut Budgetplan der Veranstalter verschlingen. Dabei sind allerdings nicht nur die Kosten für die Organisation eingepreist, sondern auch die für Investitionen wie beispielsweise das Olympische Dorf, dessen gut 3.000 Appartements später verkauft oder vermietet werden sollen. "Das sieht die Öffentlichkeit immer als Kosten für die Olympischen Spiele", sagt Maennig. "Volkswirte und Betriebswirte würden da nicht mitgehen - übrigens auch die Finanzämter nicht. Das wäre ja so, als wenn einer von uns Geburtstag feiert und anlässlich dessen einen Swimmingpool bauen lässt und sagt: Das sind die Kosten des Geburtstags."

Storl: Quarantäne ein "Alibi zum Betrügen"

Abgesehen von gesundheitlichen und wirtschaftlichen Risiken, die Wettkämpfe inmitten einer Pandemie mit sich bringen: Wie steht es um die Chancengleichheit? Das Problem unzuverlässiger Dopingkontrollen hat sich noch stärker manifestiert. Der zweimalige Kugelstoß-Weltmeister David Storl hatte jüngst eine Quarantäne von Spitzensportlern als das "allerbeste Alibi zum Betrügen" bezeichnet, weil Dopingtests während dieser behördlich angeordneten Maßnahme ausgesetzt werden.

Mag überhaupt noch jemand an saubere Spiele glauben? Tatsächlich sind zu Beginn der Pandemie nahezu alle Dopingtests ausgefallen. "Das wurde aber versucht aufzufangen über die Qualität und intelligentes Testen", sagt Lenka Dienstbach-Wech aus dem Health, Medical & Research Committee der Welt-Antidoping-Agentur (WADA). Mittlerweile seien fast 90 Prozent der üblichen Testkapazität wieder erreicht. Man habe zudem zielgerichtet Tests durchgeführt - bei verdächtigen Sportlern und Gruppen, so die Medizinerin und Ruder-Weltmeisterin, die an drei Olympischen Spielen teilgenommen hat.

Hörmann: Team gesund nach Japan und zurück

Wie es mit dem größten Sportereignis der Welt weitergehen kann, ob Spiele in Zeiten der Corona-Pandemie überhaupt zu halten sind, werden das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die japanischen Gastgeber möglicherweise Ende des Monats klären.

Das Szenario einer erneuten Absage wie im vorigen Jahr, die angesichts der sich verschärfenden Corona-Pandemie noch nicht vom Tisch ist, möchte Hörmann am liebsten beiseiteschieben: "Wir sind verliebt ins Gelingen und nicht ins Scheitern."

Der Spitzenfunktionär, der auch das Nationale Olympische Komitee repräsentiert, geht jedenfalls davon aus, dass die Olympischen Spiele wie geplant vom 23. Juli bis 8. August stattfinden und alle Teilnehmer aus Deutschland rechtzeitig geimpft sein werden: "Nur wenn wir überzeugt sind, die Mannschaft gesund nach Japan zu bringen und wieder zurück, können wir letztlich an den Spielen teilnehmen."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 11.04.2021 | 22:50 Uhr

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