Stand: 09.05.2020 16:54 Uhr

Vertragsloser Berufssportler vor ungewisser Zukunft

Markus Hansen, Spielmacher beim Handball Zweitligisten VfL Lübeck-Schwartau, hat momentan viel Zeit: Zeit zum Nachdenken. Eigentlich wollte er sich die momentan vorherrschenden intensiven Gedanken über seine Zukunft erst in zwei bis drei Jahren machen. Doch durch die Corona-Krise könnte seine Karriere schneller beendet sein. "Man merkt plötzlich, wie vergänglich der Beruf ist und beginnt zu überlegen, wie es nach der Karriere weitergeht", erzählt der 28-Jährige. Bislang hat er kaum an sein Karriereende und die Zeit danach gedacht. Doch durch die Corona-Krise ist die wirtschaftliche Lage aller Vereine unsicherer geworden. Denn niemand weiß, wann und wie wieder Handball gespielt werden kann.

Premiere für langjährigen Profi

Die Vereine leben vom Ticketverkauf und von Sponsorengeldern. Beides schließt Geisterspiele, wie es sie jetzt beim Fußball geben wird, aus. Und so weiß der langjährige Handballprofi erst mal nur eines: Sein Vertrag wird am 30. Juni enden. Dann muss er zum ersten Mal in seinem Leben zur Agentur für Arbeit gehen und sich dort vorstellen. Es ist eine ungewohnte Situation für Markus Hansen. 2009 wechselte er von der HSG Schülp/Westerrönfeld zum VfL Bad Schwartau. Für die Lübecker geht der gebürtige Eckernförder mit Unterbrechung schon fast seit zehn Jahren auf Torejagd.

Krise, Kurzarbeit und Karrierefrage

Dort hat er mit Aufstiegs- und Abstiegskampf schon einiges erlebt. Aber der Kampf um seine berufliche Zukunft ist neu für ihn: "Ich muss überlegen, wie es in Bezug auf Handball für mich weitergeht und ob das überhaupt noch auf beruflicher Basis funktioniert." Bereits Mitte März, als sich abzeichnete, dass in dieser Saison keine Spiele mehr stattfinden werden, bat sein Verein die Spieler, der Kurzarbeit zuzustimmen. Ein logischer Schritt, denn ohne Ligabetrieb gibt es auch keine Beschäftigung für die Profis. "Das Modell ist für Sportler zwar schwierig, aber wir haben das im Team sofort abgenickt", erklärt der Rückraumspieler verständnisvoll.

Kurzarbeit bedeutet auch einen finanziellen Einschnitt für Hansen: "Man merkt das schon, wenn einem 40 Prozent vom Gehalt fehlen. Aber wir sind in einer Situation, wo wir uns nicht beschweren müssen. Anderen geht es sicherlich schlechter", reflektiert der Spielmacher. Durch den Saisonabbruch hat der VfL den Klassenerhalt geschafft und wird auch in der kommenden Spielzeit weiter in der Zweiten Liga spielen. Vertragsgespräche können trotzdem nur schwer geführt werden. "Die nächste Saison ist für viele Vereine nicht planbar. Man weiß nicht, wie man wirtschaftlich aufgestellt sein wird. Die Clubs müssen in alle Richtungen denken", sagt Markus Hansen.

Krafttraining, Laufen und Backen

Wann und wie die neue Saison in den Handball-Bundesligen wieder startet, steht noch nicht fest. Eine ungewisse Situation für den Handballer: "Zukunftsangst habe ich nicht. Aber ich mache mir schon Gedanken, wie sich alles entwickelt." Klar ist, dass er sich fit halten muss, aber auch das birgt Gefahren. "Wir mussten überlegen, wie wir mit der Situation umgehen. Wir wussten nicht, wie das mit dem Versicherungsschutz ist. Wenn ich mich beim eigenständigen Training verletze, ist das dann ein Betriebsunfall?" Fragen, die geklärt werden mussten. Hansen entschied sich, trotzdem Kraft- und Laufeinheiten zu absolvieren - mindestens 90 Minuten jeden Tag, sechs Mal pro Woche. Zum Ausgleich backt er viel, macht Radtouren mit seiner Freundin und er will wieder angeln gehen.

Der Handballer Markus Hansen trainiert in einem Stadion. © Markus Hansen Foto: Markus Hansen
Markus Hansen muss sich fit halten, verletzen sollte er sich während der Kurzarbeit nicht.
Arbeitsuchend am Telefon

Seit Mitte März ist Hansen arbeitssuchend gemeldet: "Das muss drei Monate vor Vertragsende passieren." Für ihn ist das ein komisches Gefühl. "Weil es einfach so aus dem Nichts kam und ich damit nicht gerechnet hatte", erzählt er. Der erste Kontakt zur Agentur für Arbeit war nicht schwer. "Wegen Corona konnte ich das telefonisch machen. Ich musste nur ein paar Fragen beantworten." Unter anderem ob er weiter als Berufssportler tätig sein möchte, in welchem Radius er arbeiten kann und über welche Qualifikationen er verfügt.

Fernstudium und fernes Karriereende?

Anfang Juni muss er dann persönlich beim Amt vorstellig werden. Vielleicht hat er dann auch schon ein abgeschlossenes Bachelor-Studium im Gepäck. Denn Markus Hansen hat vor fünf Jahren das Fernstudium "International Management" begonnen. Nach der Karriere würde er gerne im Vertrieb oder Management im Sportbereich arbeiten. Doch eigentlich würde er vorher gerne noch ein paar Jahre spielen. "Vor Corona habe ich darüber schon Gespräche mit dem Verein geführt, das war alles positiv." Ein kleines Aber bleibt: "Ich habe ja noch nichts unterschrieben, das nagt schon ein wenig an mir." Sollten sich aber keine dramatischen Änderungen an der wirtschaftlichen Lage des Vereins ergeben, wird Hansen wohl einen neuen Vertrag unterzeichnen können - und das ist sein größter Wunsch.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 10.05.2020 | 16:40 Uhr

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