THW-Coach Jicha: "Terminhatz wird Profikarrieren abkürzen"

Stand: 25.03.2021 09:40 Uhr

Meistertrainer Filip Jicha vom THW Kiel ist "schockiert" angesichts einer Handball-Saison zwischen Quarantäne und Spielen am Fließband. Für die Spieler werde das schlimme Folgen haben: "Davon bin ich überzeugt."

von Andreas Bellinger und Peter Carstens

"Es ist einfach irre!" Kiels Coach brachte seine Gemütslage nach der Rückkehr des THW auf Platz eins der Handball-Bundesliga in vier Worten auf den Punkt - und machte sich im Gespräch mit dem NDR so richtig Luft über eine Saison zwischen Quarantäne und Spielen wie am Fließband. "Wir leben in einer Pandemie - und so fühlt sich auch die Tabelle an", sagte der Trainer der "Zebras" nach dem glatten Erfolg gegen den SC DHfK Leipzig am Mittwochabend, den er selbst als Arbeitssieg kennzeichnete. Aber der große Spaß ist augenscheinlich verflogen, wie Jichas gedämpfte Freude über das 31:21 offenbarte.

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Jicha: "Finde ich schockierend"

"Ein seltsames Jahr", konstatierte Jicha. Und die Zeche der ungeheuren Terminhatz zahlen die bis an die Grenzen strapazierten Protagonisten. "Wir waren 14 Tage in Quarantäne, haben anschließend in 14 Tagen sieben Pflichtspiele gemacht - und dann sind die Jungs zur Nationalmannschaftswoche gefahren", zählte der 38-Jährige auf und schimpfte: "Das finde ich schockierend." Training? Fehlanzeige.

"Die Spieler waren einen Monat ohne Training, haben unglaublich Spiele geballert. Das war wirklich ein Hasard", sagte der Erfolgstrainer. Alles aufs Spiel gesetzt - ohne Rücksicht auf sich und andere. Und am Sonnabend geht der pausenlose Spielplan in die nächste Runde. In Flensburg beim Derby-Klassiker gegen den Tabellenzweiten. Entschieden ist die Meisterschaft danach freilich noch lange nicht. Die beiden Spitzenteams, die nur ein Punkt trennt, sind mit vier Spielen im Rückstand, zudem in der Champions League noch im Rennen. Zwei an sich bedeutungslose Länderspiele zählen noch zur Terminhatz. Saison-Ende ungewiss.

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Wiencek: "Knochen tun mehr weh als normal"

Auch Sportmediziner prognostizieren, dass die geschundenen Körper irgendwann rebellieren, mit Erschöpfung und Verletzungen. "Es fehlt die Zeit für die schweren Krafteinheiten im Training, die zum Schutz des Muskels aber notwendig wären", sagte unlängst im NDR Helge Riepenhof, der Chefarzt der Sportmedizin und Rehabilitation am BG Klinikum in Hamburg-Boberg. Nationalspieler Steffen Weinhold versucht "mit Yoga und Dehnübungen aktiv zu entspannen". Aber auch Patrick Wiencek wird "morgens wach und die Knochen tun mehr weh als normal". Zum Glück habe sich in der Bundesliga noch keiner schwer verletzt", so der wuchtige Abwehrchef der "Zebras" und des Nationalteams. "Aber wenn es so weitergeht, ist es nur eine Frage der Zeit." Was der Raubbau zur Folge hat, werde man in ein paar Jahren sehen, meinte Wiencek.

"Es ist klar, dass die Belastung, die die Spieler jetzt haben, nicht einfach so an ihnen vorübergeht." Bundestrainer Alfred Gislason

Jicha: "Wird definitiv Spuren hinterlassen"

Was der Spielplan und die "irre" Situation in der Pandemie schon jetzt für Folgen haben, beschrieb Jicha so: "Wenn ich um zwölf Uhr in der Nacht aus dem Bett unseren Geschäftsführer (Viktor Szilagyi, d.Red.) anrufe, um ihm zu sagen, dass alle negativ sind, dann sieht man, in was für einem Zustand wir sind." Die Furcht, abermals in Quarantäne zu müssen (Jicha: "Für uns wäre das unmöglich") ist allgegenwärtig. "Von der Belastung her ist es für Spitzensportler eine Situation, die definitiv Spuren hinterlassen wird." Und wäre das nicht erschreckend genug, fügte der THW-Trainer noch hinzu: "Hintenheraus werden diese Wochen der Terminhatz manche Profikarrieren sicherlich etwas abkürzen. Davon bin ich überzeugt."

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