Kiels Sander Sagosen bejubelt einen Treffer. © picture alliance/Federico Gambarini/dpa Foto: Federico Gambarini/dpa

Kiels Sagosen: Ausnahme-Handballer und feiner Mensch

Stand: 29.09.2020 10:45 Uhr

Sander Sagosen gilt als bester Handballer der Welt. Beim THW fühlt sich der Königstransfer aus Norwegen pudelwohl. Sechs Titel will er allein in dieser Saison holen.

von Andreas Bellinger, NDR.de

Als Sander Sagosen nach langer Corona-Zwangspause sein "Trainingslager" bei seinen Eltern in Trondheim verlassen und vor ein paar Wochen endlich zum THW Kiel kommen durfte, waren die Erwartungen an der Förde längst ins Uferlose gestiegen. Von sechs Titeln ist die Rede, die der momentan beste Handballer der Welt mit dem "besten Team der Welt" (Sagosen) in dieser Saison holen soll. Wenn alles nach Plan läuft. Wie etwa am vergangenen Wochenende beim zehnten Supercup-Gewinn der "Zebras" gegen Erzrivale SG Flensburg-Handewitt.

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Jubel bei den Handballer des THW Kiel über den Super-Cup-Sieg 2020 © picture alliance/dpa Foto: Federico Gambarini

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Sieben Tore steuerte der Rückraumspieler aus Norwegen zum 28:24-Erfolg bei - und die Frage, wer diese Mannschaft stoppen soll, machte nicht nur unter den 2.100 Zuschauern in der Halle die Runde.

Jichas Team der Superlative

Tatsächlich ist es nicht nur der Königstransfer von Paris Saint-Germain, der die Kieler auf dem Weg zu dem anvisierten halben Dutzend Titeln aufs Favoriten-Schild hebt. Wenn am Donnerstag die Saison nach bald 200 Tagen Corona-Pause startet, hat Trainer Filip Jicha, wenn alle fit sind, ein Team der Superlative zur Verfügung. Steffen Weinhold, Harald Reinkind, Niclas Ekberg, Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und natürlich Domagoj Duvnjak zählen dazu, außerdem die derzeit verletzten Niklas Landin, Welthandballer im THW-Tor, sowie Nikola Bilyk. Schon bei der Europameisterschaft hatte sich Duvnjak auf das Zusammenspiel mit dem "kompletten Handballer" des EM-Dritten Norwegen gefreut.

Bundesliga: Ein langgehegter Traum

Der vor einem Jahr festgezurrte Wechsel des 25-Jährigen aus der Weltstadt Paris in die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt war da schon lange ein offenes Geheimnis. Und überdies ein viel kritisiertes, weil die Experten darin einen Rückschritt sahen. Nicht so Sagosen: "Es war immer mein Traum, in dieser Liga zu spielen", sagte er im NDR Fernsehen. Mit Kiel wolle er "eine märchenhafte Zeit erleben und alles gewinnen". Den "Kieler Nachrichten" verriet er zudem: "Ich möchte der beste Spieler der Welt sein und dass sich darüber alle einig sind." Der Wechsel nach Norddeutschland war kühl überlegt. Der THW habe schließlich die beste Abwehr und überhaupt verfüge der Club über das beste Team der Handball-Welt: "Das ist so, so geil."

"Es ist extrem schön für die Bundesliga, dass ein Spieler der Kategorie Sander Sagosen den Schritt in Richtung Deutschland gemacht hat." Bundestrainer Alfred Gislason

Sagosen: Ziel sind alle Trophäen

Was im Kampf um die Titel zu beweisen wäre. Vor allem in der Champions League, die Kiel 2007, 2010 und 2012 gewonnen hat. Die internationale Konkurrenz wird gegen den hochgelobten deutschen Rekordmeister natürlich besonders motiviert sein. Die überraschende Niederlage im Heimspiel gegen HBC Nantes dürfte Warnung genug sein.

Im Dezember soll das um ein halbes Jahr verlegte Final-Four-Turnier der vorigen Saison in Köln nachgeholt werden. Für Sagosen könnte es zu einem Wiedersehen mit den alten Kumpels aus Frankreich kommen. Nicht minder ernst nehmen die Kieler die nationalen Pokalwettbewerbe 2020 und 2021 - und natürlich die deutsche Meisterschaft. "Alle Trophäen zu holen wird richtig schwer", sagte Sagosen der "Süddeutschen Zeitung". "Aber es ist mein Ziel."

König des Nordens

"Er kann seine Mitspieler besser machen", betonte Viktor Szilagy, der Sportliche Leiter des THW, im NDR. Trotz seiner 1,95 Meter Länge ist Sagosen pfeilschnell. Als wuchtig und dynamisch, zugleich aber auch filigran wird sein Stil beschrieben. Er kann das Spiel lenken, übernimmt Verantwortung und macht in den entscheidenden Minuten die wichtigen Tore. Bei der EM im Januar, die in seinem Heimatland Norwegen und in Österreich stattfand, brachte ihm das den Beinamen "König des Nordens" ein - und wie bei der WM 2019 die Berufung ins All-Star-Team.

Schon als Junge THW-Fan

Schon als Zehnjähriger galt Sagosen ("Ich spiele Handball, seit ich drei oder vier Jahre alt bin, ich weiß, wie das geht") als Ausnahmetalent. Früher als andere wagte er den Wechsel ins Ausland, startete seine Profikarriere in Aalborg. Von Dänemark aus ging der 21-Jährige nach Paris und reüssierte im reichsten Handball-Projekt der Welt. Trainer war der Ex-Kieler Noka Serdarusic und neben Nikola Karabatic sowie Mikkel Hansen entwickelte sich Sagosen zum derzeit besten Angriffsspieler. Die Liebe zum THW, dessen Spiele er schon als Junge mit seinem Vater, der ebenfalls Nationalspieler war, geschaut hat, blieb allgegenwärtig.

Kiel erinnert Sagosen an Trondheim

Sagosen lebt mit Partnerin Hanna Bredal Oftedal nahe der Förde. Warum auch wie die Kollegen ein Haus im Umland nahe der neuen Trainingsanlage in Altenholz beziehen? "Ich habe keine Kinder, was soll ich dort?" Deutsch paukt er fleißig mit Rune Dahmke, der mit der Schwester von Sagosens Freundin liiert ist. "Kiel ist meiner Heimatstadt Trondheim ähnlich", sagte er der "Süddeutsche Zeitung".  "Ich habe es genossen, in Paris zu leben, aber am Ende war ich echt müde, in so einer großen Metropole zu sein. Hier spüre ich die Liebe zum Handball an jeder Ecke, und die ganze Organisation atmet Handball."

Geerdeter Weltstar

Ein Weltstar, der die Ruhe und Beschaulichkeit ebenso liebt wie Erfolge. Und gar nichts davon hält, Superstar genannt zu werden. "Albern", findet er das und fügte in der  "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hinzu: "Es geht nicht darum, dass ich mich toll finde, weil ich in etwas besser bin als die meisten Menschen. Ich weiß nämlich, dass ich in vielen anderen Dingen nutzlos bin." Wird ihm der Trubel um seine Person mal zuviel, schnappt er sich seine Angel und fährt raus aufs Wasser. "Ich liebe es, im Sommer mit Freunden oder der Familie in einem Boot rauszugehen, um zu fischen und einfach nur zu entspannen", verriet "Saggy" in der "Handballwoche".

Auf dem Teppich geblieben, nennt man das wohl. "Irgendwann", so Sander Sagosen, "bringt mir die Prahlerei, wie toll ich mal Handball gespielt habe, sowieso nichts mehr. Es geht im Leben auch darum, ein feiner Mensch zu sein."

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