Stand: 31.05.2020 10:35 Uhr

Re-Start im Handball: Kreative Ideen gesucht

von Andreas Bellinger, NDR.de

Nach Saison-Abbruch und Corona-Pause plant die Handball-Bundesliga die neue Spielzeit. Wann geht es los, was muss sich ändern und wie sehen die Pläne aus? Experten berichten aus der Taskforce.

Nach Wochen der Lethargie, Kurzarbeit und leeren Hallen bastelt die Handball-Bundesliga an der Rückkehr zur sportlichen Normalität. Seit Tagen diskutieren Arbeitsgruppen, wie der Spielbetrieb wieder losgehen kann. Mitte Juni soll festgelegt werden, wann die neue Saison starten kann - wenn es die Corona-Pandemie und die politischen Gegebenheiten denn zulassen. "Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass wir Anfang September wieder spielen können", sagt Uwe Schwenker, Präsident des Ligaverbandes, der ARD. Anfang Oktober nennt er als Alternative.

"Return to competition" im Handball - Aber wie?

Der Handball arbeitet an einem Plan, wie der Spielbetrieb in der neuen Saison weitergehen kann. Über allem steht ein finanzielles Problem. Kreative Ideen sind gefragt.

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Termin im September mit Fragezeichen

"Mit dem für den 2. September in Düsseldorf angesetzten Supercup ist ein Starttermin eigentlich vorgegeben", sagt Dierk Schmäschke. Doch natürlich weiß der Geschäftsführer der SG Flensburg-Handewitt, die im April beim Abbruch der Saison von "Sofa-Meister" THW Kiel entthront worden ist, dass der Termin alles andere als fix ist, solange die Politik nicht grünes Licht gegeben hat. Geisterspiele, die sich die "Recken" aus Hannover-Burgdorf gar nicht und der 62-Jährige auch nur schwer vorstellen können, dürften dabei wie im Fußball durchaus relevant werden. "Ich bin vorsichtig optimistisch, dass zumindest eingeschränkte Zuschauerzahlen in vielen Arenen zugelassen werden", sagt Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL). Nun sei es die Königsdisziplin, ein Konzept mit Zuschauern auszuarbeiten. Insgesamt orientiere sich der Handball an den von der Politik und den Gesundheitsämtern abgesegneten Hygienekonzepten der Fußball- und Basketball-Bundesliga.

Kleinere Clubs im Vorteil?

Die Vorbehalte der Vereine gegen Spiele vor leeren Rängen sind verständlich, werden die Kassen im Handball doch vornehmlich durch Sponsoren und Ticketverkäufe gefüllt.

Während im Fußball "unfassbare Fernsehgelder gezahlt werden", so Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin, sei dieser Posten im Handball, wo 65 Prozent des Etats zur Deckung der Gehälter dienen, vergleichsweise ein Taschengeld. "Bei einem ausverkauften Spiel nimmt der THW Kiel zwischen 250.000 und 300.000 Euro ein", sagt Schwenker. Kleinere Vereine kassieren zwar weniger, zahlen aber auch kleinere Gehälter und können die Corona-Krise womöglich leichter verkraften, so DHB-Vizepräsident Hanning. Dass es ohne Gehaltsverzicht (Schmäschke: "Definitiv zwingend") nicht gehen wird, bestreitet niemand. Es gebe "Signale, dass die Spieler dazu bereit sind", sagt Schwenker dem NDR. Im Gegensatz zur Deutschen Eishockey Liga (DEL) will die Handball-Liga die Einwilligung der Spieler für einen 25-prozentigen Gehaltsverzicht aber nicht mit der Lizenzierung verknüpfen.

Machulla: Nicht alles bei Spielern abladen

Alles bei den Handball-Profis abzuladen, könne ohnehin nicht der Weg sein, fordert Flensburgs Trainer Maik Machulla. "Ich glaube nicht, dass wir den Spielern verkaufen sollten, dass sie die einzigen sind, die die Last dieser Pandemie tragen müssen." Derzeit seien die Spieler mehrheitlich noch in Kurzarbeit und folglich fernab eines ordentlichen Trainings. "Wenn es im September wieder losgeht, müssen wir sie bei null abholen und sehr viel Zeit auf die Grundlagen verwenden." Acht, neun Wochen Vorbereitung seien zwingend notwendig in einer Vollkontaktsportart wie dem Profi-Handball. "Mit jedem Tag, den wir später beginnen, verlängert sich die Zeit", so Machulla.

"Es muss konsequent transparent gehandelt werden. Es kann nicht sein, dass jemand von oben sagt, das und das muss passieren, sondern wir müssen mit allen offen und ehrlich reden. Da müssen die Bücher geöffnet werden, wir brauchen Zahlen, Daten, Fakten, um auch Entscheidungen für uns zu treffen und an einem Strang ziehen zu können. Wir Spieler sind natürlich bereit, da mitzuhelfen, aber das Risiko muss in alle Richtungen verteilt werden." Nationalkeeper Johannes Bitter zum Thema Gehaltsverzicht

Saison im Drei-Tage-Rhythmus "durchprügeln"

Die Belastung für die Spieler werde enorm sein, sagt der Coach. In der neuen 20er-Liga mit zwei Aufsteigern wird es erstmals 38 Spieltage geben. Hinzu kommen internationale Wettbewerbe und die Termine mit den Nationalmannschaften. "Da ist es fast nicht anders möglich, als die Saison im Drei-Tage-Rhythmus bis zum Sommer durchzuprügeln", so der 43-Jährige. "Und wenn ich dann noch an die Nationalspieler denke, die im Januar zur WM und nach der Saison quasi ansatzlos zu Olympia sollen, wird es schon grenzwertig." Dass die Weltmeisterschaft in Ägypten bei einem Saisonstart erst im Oktober überhaupt stattfinden kann, hält Bohmann für "blauäugig".

Schwenker: "Szenarien am Notausgang tanzend“

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Auf der Suche nach dem Königsweg für den Re-Start: HBL-Präsident Uwe Schwenker.

Warum nicht den Spielplan ändern und so gestalten, dass weniger Reisen notwendig sind? Binnen einer Woche beispielsweise in Lemgo, Minden und Hannover spielen - und dazu in der Region bleiben. "Wir brauchen kreative Modelle, jeder Gedanke muss erlaubt sein", sagt Hanning und stößt mit mancher Idee nicht zwangsläufig auf Gegenliebe. Dem Vorschlag statt zweimal 30 Minuten vielleicht drei- oder viermal 15 Minuten zu spielen, kann Schmäschke zum Beispiel wenig abgewinnen: "Man kann ja nicht in Deutschland Regeln ändern und international nicht." Oder der Vorschlag, in kleinere Hallen auszuweichen, wenn Zuschauer nicht zu den Spielen kommen dürfen. Schwenker wird im Gespräch am Kieler Ufer des Nord-Ostsee-Kanals deutlich: "Für mich sind das alles Szenarien am Notausgang tanzend."

Der neue Blick auf den "Freak" nebenan

Einig sind sich alle zumindest darin, den Re-Start möglich und zu einem Erfolg zu machen. "Wir sitzen alle in einem Boot und müssen in dieselbe Richtung rudern", sagt Schmäschke. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass "nicht das Geld das Wichtigste ist, sondern dass wir überhaupt unsere Strukturen und Wettbewerbe erhalten können". Was vor Wochen noch unmöglich schien, ist in den Arbeitsgruppen und in der Liga auf einmal Wirklichkeit. "Die Vereine informieren sich in der schwierigen Zeit gegenseitig, helfen und unterstützen sich", sagt Hanning und kommt beinahe ins Schwärmen. Solidarität werde großgeschrieben, betont auch Schmäschke. Und Machulla ergänzt: "Man lernt sich besser kennen und merkt manchmal sogar, dass der Freak abseits der Seitenlinie doch ein ganz sympathischer Typ ist."

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Sport aktuell | 27.05.2020 | 21:25 Uhr

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