Patrick Wiencek (l.) und Miha Zarabec vom THW Kiel schauen angespannt. © imago images / Claus Bergmann

Beispiellose Terminhatz - THW Kiel lässt die Flügel hängen

Stand: 03.12.2020 14:14 Uhr

Zwei Monate nach Saisonbeginn gehen die Handballer des THW Kiel schon auf dem Zahnfleisch. 41 Gegentore in Veszprém sind die Quittung für einen Spielplan, der seinesgleichen sucht. Aussicht auf Besserung besteht nicht.

von Ines Bellinger

"Müde", "nicht so frisch auf den Beinen", "die Kraft hat gefehlt", "am Ende dezimiert" - die Analyse von THW-Trainer Filip Jicha und Kapitän Patrick Wiencek nach der 33:41-Pleite im Champions-League-Gruppenspiel bei KC Veszprém hörte sich an wie ein Hilferuf ohne Aussicht auf baldige Rettung. Was die "Zebras" normalerweise auf der Habenseite verbuchen, bekam der deutsche Handball-Rekordmeister in Ungarn dieses Mal eingeschenkt: 41 Gegentore! In der Bundesliga hatte der THW gegen Minden und Coburg (jeweils 41:26) mit dieser Trefferausbeute gewonnen.

In sechs Tagen 7.600 Kilometer durch Europa

Die Gründe für den sportlichen Tiefschlag sind nachvollziehbar: Binnen sechs Tagen tourten die Kieler 7.600 Kilometer durch Europa, um ihren Verpflichtungen in der Königsklasse und der nationalen Liga nachzukommen. Abgesehen von der psychischen Belastung angesichts der nach wie vor angespannten Corona-Lage hinterlässt das auch körperliche Spuren. Torwart Niklas Landin war angeschlagen und wurde von Dario Quenstedt zwischen den Pfosten vertreten. Der erwischte keinen sonderlich guten Tag. "In der zweiten Halbzeit haben wir kaum einen Ball halten können", monierte Jicha. "Wenn man dann noch sieht, wie dezimiert wir am Ende waren, hat man wenig Chancen in Veszprem."

Bis Jahresende Arbeit im Akkord

Dass Jichas Spieler schon zwei Monate nach Saisonstart die Flügel hängen lassen, ist kein gutes Zeichen. Denn allein der Blick auf den THW-Spielplan bis zum Jahresende raubt einem den Atem: Am Sonnabend empfängt Kiel in der Bundesliga die Eulen Ludwigshafen (20.45 Uhr), nächsten Mittwoch in der Champions League Aalborg (18.45 Uhr). Auch danach wird bis zum Jahresende im Akkord gearbeitet: am 13. Dezember in Essen, am 16. Dezember gegen Melsungen, am 19. Dezember in Stuttgart und am Tag vor Heiligabend gegen die Rhein-Neckar Löwen. Nach einer kurzen "Reha" unterm Weihnachtsbaum müssen noch Corona-bedingte "Altschulden" getilgt werden. Am 28. Dezember steht beim Final Four in Köln das Champions-League-Halbfinale der Vorsaison (!) an - Gegner ist erneut Veszprém.

DHB-Vorstand Schober: WM als Mittel gegen "Corona-Blues"?

Terminlich besteht auch im neuen Jahr keine Aussicht auf Besserung - es sei denn, es würden weitere Partien wegen Corona-Fällen abgesagt. Zunächst hat der Deutsche Handball-Bund (DHB) in dieser Woche jedoch ein Machtwort gesprochen und klargestellt, dass die Nationalmannschaft vom 13. bis 31. Januar an der heftig kritisierten Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten teilnehmen wird. Nach Angaben der Organisatoren gibt es ein strenges Hygienekonzept. Sogar Zuschauer sollen zugelassen, die Hallenkapazitäten zu 30 Prozent ausgelastet werden.

"Die WM kann ein Mittel gegen den Corona-Blues sein", sagte DHB-Vorstandschef Mark Schober der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Ich denke daran, dass der Handball der Gewinner ist, wenn wir spielen." Wenn Spieler - ob wegen Überlastung oder aus Angst vor einer Coronavirus-Infektion - nicht antreten wollten, werde der DHB das akzeptieren. Zuletzt hatten namhafte Nationalspieler die Austragung der WM infrage gestellt, auch vom THW und der SG Flensburg-Handewitt.

Wiencek: "Mehr nach vorn als zurückschauen"

Es bleibt abzuwarten, ob und wie viele Nationalspieler den Aufstand proben. Der DHB verschaffte den gestressten Akteuren mit der Absage des Pokal-Wettbewerbs in dieser Saison zumindest etwas Luft. Lediglich das Final Four vom vergangenen Jahr soll Anfang Juni noch nachgeholt werden. Bislang freie Termine in der laufenden Saison dürften rasch wieder belegt werden, denn es gilt, zahlreiche wegen Corona abgesagte Spiele neu anzusetzen.

Einen "absoluten Worst Case" nannte das THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi angesichts des eng getakteten Spielplans. Die Kieler müssen in der Bundesliga irgendwann gegen die Füchse Berlin "nachsitzen". In der Champions League wartet das Nachholspiel gegen HC Saporoschje. Kapitän Wiencek, der sich ebenfalls klar gegen eine WM-Teilnahme ausgesprochen hatte, versuchte nach der Schlappe in Veszprém, seine Kollegen zunächst mal zum Durchhalten zu animieren: "Wir müssen jetzt mehr nach vorn als zurückschauen."

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 03.12.2020 | 12:25 Uhr

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