Handball und Corona - Machulla fordert "kreative Lösungen"

Stand: 15.02.2021 09:38 Uhr

Die Handballer sind in der Corona-Pandemie zu einer nie dagewesenen Terminhatz gezwungen. Flensburgs Trainer Maik Machulla will die Saison dennoch zu Ende bringen. Kiels Teamarzt sagt, medizinisch sei das kaum zu verantworten.

von Andreas Bellinger

Absagen zuhauf, ganze Mannschaften in Corona-Quarantäne und Spieler am Limit. Doch die Handball-Bundesliga (HBL) arbeitet unverdrossen daran, die Saison zu Ende zu bringen - plangemäß und ohne Widerstand der finanziell schwer angeschlagenen Branche. Und ohne einen Plan B für den Fall, dass alle Stricke reißen. Es scheint egal zu sein, ob die Terminhatz den sportlichen Wert zumindest ankratzt und die Gesundheit der Handballer womöglich gefährdet, wenn Nationalspieler wie der Kieler "Handballer des Jahres 2020", Hendrik Pekeler, binnen 18 Wochen 43 Spiele absolvieren sollen.

Trainer in der Pflicht

"Wir müssen kreative Lösungen finden", sagt Maik Machulla im NDR. Der Trainer der SG Flensburg-Handewitt will nicht nur schimpfen über die Unbill des Terminstresses, sondern nimmt sich und seine Kollegen in die Pflicht. "Auch wir Trainer müssen alle bereit sein, höhere Belastungen für unsere Spieler zuzulassen." Die Saison wie geplant zu Ende zu spielen, hält der 44-Jährige für alternativlos. "Wir wollen sportlich einen Meister küren, die EC-Plätze vergeben und auch die Absteiger ermitteln. Daran müssen wir arbeiten."

Spielplan intelligent gestalten

Einen Plan B müsse die Liga für den Notfall trotzdem parat haben, so der gebürtige Greifswalder, der nach fünf Jahren als Co- 2017 zum Cheftrainer befördert wurde. Auch wenn Liga-Chef Uwe Schwenker jüngst nach einer Video-Schalte mit allen Clubs meinte, es sei nicht einmal darüber diskutiert worden. Machulla: "Ich befürchte, dass die HBL völlig aus dem Rhythmus gerät und irgendwann alles nichts mehr wert ist."

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Wichtig sei, den Spielplan intelligent zu gestalten. Unnötige Reisen sollten obsolet sein. "Dass wir in Mannheim bei den Rhein-Neckar Löwen spielen, die Nacht zurückfahren und daheim spielen, um dann wieder 800 Kilometer nach Mannheim zum Spiel gegen Ludwigshafen zu fahren, könnte sicher sinnvoller geregelt werden."

Kiel in Quarantäne - die Bayern aber nicht

Dabei wäre es vielleicht eine Alternative, in einer "Bubble" nach Art der NBA zu spielen, schlägt THW-Geschäftsführer Viktor Szilágyi vor: "Warum nicht irgendwo ein Lager aufschlagen und mehrere Spiele hintereinander absolvieren?" Während Flensburg am Sonntag bei den "Recken" in Hannover-Burgdorf endlich wieder spielen und mit 33:26 gewinnen durfte, waren die Kieler nach einem positiven Corona-Fall in häuslicher Isolation zum Nichtstun verurteilt. Die Partie gegen Lemgo fiel aus, nach 18 Bundesliga-Spieltagen hat der THW erst zwölf Partien absolviert.

Auch Machulla würde "brennend interessieren", warum die ganze Mannschaft in Quarantäne musste, der FC Bayern München aber trotz der Corona-Infektion von Thomas Müller munter weiterspielen darf. "Wenn bei uns ebenso verfahren würde, hätten wir die extremen Terminprobleme gar nicht."

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… und im Sommer noch Olympia

Flensburg hatte Glück, dass Johannes Golla nach seinem positiven Test bei der WM keinen Kontakt zur Mannschaft hatte. Deshalb musste nur der Kreisläufer in Quarantäne. Am Sonntag feierte der Abwehrchef ein starkes Comeback und zeigte sich bereit für die harten kommenden Wochen mit Herausforderungen wie am Fließband. Nur mit einer Flut an Spielen kann die Bundesliga-Saison mit Hin- und Rückspielen noch über die Bühne gebracht werden. Pokal, Champions League und internationale Qualifikationsspiele kommen hinzu. Und im Sommer soll schließlich als Zugabe und Höhepunkt zugleich noch Olympia in Tokio folgen. Wenn die Coronavirus-Pandemie es denn erlaubt.

Teamarzt mahnt, "den Zauber nicht mehr mitzumachen"

"Das ist natürlich ein Wahnsinn", sagt Detlev Brandecker. "Aus medizinischer Sicht im Grunde nicht verantwortbar." Wie die gestressten Akteure ist auch der langjährige Mannschaftsarzt des THW Kiel irgendwie gefangen "zwischen Gesunderhaltung der Spieler und wirtschaftlichen und finanziellen Interessen der Vereine und Verbände". Ein Spagat, der in den letzten Jahren immer schwieriger geworden sei, so der 68-Jährige. Zumal viel zu wenig Zeit zur Regeneration bleibe. "Aber da sind auch die Spieler selbst in der Verantwortung, sich zu wehren und den Zauber nicht mehr mitzumachen."

Zwischen Überbelastung und Zwangspause

Neu ist das Klagen über die Belastungen tatsächlich nicht. "Seit mindestens einem Vierteljahrhundert diskutieren wir darüber", so Brandecker, der seit 32 Jahren in Diensten der "Zebras" steht. Corona mache die Situation natürlich nicht leichter. Überdies müsse jeder in der Pandemie deutlich kompromissbereiter sein und sicherlich auch Abstriche machen. Die Kehrseite der Medaille solle dabei aber nicht verschwiegen werden, so der Sportmediziner. "Im Dezember sind wir quasi aus einer Quarantäne zum Final Four der Champions League nach Köln gefahren, total ausgeruht und regeneriert. Und dann konnten wir den Titel gewinnen."

"Quotientenregelung" will keiner

Bis mindestens kommenden Freitag sind die Kieler abermals in Quarantäne. Mag sein, dass sie danach frisch ans Werk gehen und den Rückstand auf die Konkurrenz spielend aufholen. Vielleicht macht sich auf der rastlosen Jagd nach Meisterschaft und Titelverteidigung in der Champions League aber auch bald wieder Erschöpfung breit. Zumal Kraft sparen in der "Königsklasse" durch ein Überspringen des Achtelfinals nicht mehr möglich ist. Eins will in der Bundesliga jedenfalls keiner mehr: Die notfalls vorgesehene und allenthalben als sportlich unfair angesehene "Quotientenregelung" die vorige Saison den THW zum Meister und Flensburg zum Vize machte. Dabei werden bei jedem Team die Pluspunkte durch die absolvierten Spiele geteilt und anschließend mit 100 multipliziert.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 14.02.2021 | 22:50 Uhr

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