Stand: 13.02.2019 11:26 Uhr

Tobias Karlsson, Flensburgs "weltbester Kapitän"

von Jan Kirschner, NDR.de
Tobias Karlsson beendet im Sommer seine Handball-Karriere.

Der erste Eindruck zählt: Es war Sommer 2009, als Handball-Bundesligist SG Flensburg-Handewitt zum Trainingsauftakt eine kleine Leistungsdiagnostik durchführte. Einige neue Gesichter tummelten sich in der Duburghalle, darunter Tobias Karlsson, der gerade den Zwangsabsteiger HSG Nordhorn-Lingen verlassen hatte. Der Schwede bestach mit einer erstaunlichen Athletik. Er warf aus dem Liegen heraus den schweren Medizinball stolze 12,50 Meter weit und setzte beim Sprung aus dem Stand mit gelber Kreide einen Strich in 3,70 Meter Höhe. "Das ist eine richtig gute Verpflichtung", schnalzte der damalige Sportdirektor Ljubomir Vranjes mit der Zunge, "wirklich eine richtig gute Verpflichtung". Aber selbst er dürfte kaum geahnt haben, dass der SG ein absoluter Leistungsträger für eine komplette Dekade ins Netz gegangen war. Ein souveräner Abwehrchef und langjähriger Kapitän. Ein Vorbild für die jungen Spieler, ja eine Vereinslegende.

Karriereende im Sommer

In diesem Sommer fällt für Karlsson der letzte Vorhang. Er wird am 4. Juni 38 Jahre alt und beendet fünf Tage später seine Flensburger Ära - und auch seine sportliche Laufbahn. Über Monate hatte er Gespräche geführt mit Trainer Maik Machulla, Geschäftsführer Dierk Schmäschke und mit seiner Frau Martina. Lange rang der Muster-Profi mit sich, Ende Januar hatte er eine professionelle Entscheidung getroffen. "Wir haben so viel gemeinsam erlebt, dass das Gefühl einer großen Loyalität gegenüber dem Verein besteht", sagt er. "Aber ich will auch niemanden enttäuschen. Von Jahr zu Jahr musste ich mehr investieren, um mental und körperlich auf das richtige Level zu kommen - es geht nicht mehr."

Familiäre und berufliche Gründe ausschlaggebend

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Die SG-Verantwortlichen packten ihre Überzeugungskünste aus, wollten die Persönlichkeit unbedingt halten - am liebsten noch ein Jahr als Spieler oder zumindest in einer anderen Funktion. Doch das Horchen in den eigenen Körper und auch einige familiäre Erwägungen hatten ein größeres Gewicht. So soll Tochter Julia im Sommer in Schweden eingeschult werden. Für die Rückkehr nach Karlskrona sprach auch die Nähe zu den nicht jünger werdenden Eltern.

Und dann gab es noch eine attraktive berufliche Offerte. Karlsson steigt in eine Beratungsfirma ein, die Unternehmen dabei berät, neue Mitarbeiter möglichst schnell in ihre Abläufe zu integrieren. Ein Job-Profil, das eine interessante Schnittmenge mit den Gepflogenheiten eines Handball-Leitwolfs hat. Der Einbau von Neuzugängen, ein intaktes Mannschaftsgefüge - das waren stets auch die Ziele des "weltbesten Kapitäns" (O-Ton Schmäschke). Karlsson bekleidete neun Jahre lang diese Funktion - so lange wie kein anderer Akteur in der Vereinsgeschichte.

Schon nach einem Jahr Kapitän

Er trat diese Rolle an, als das Team keine klaren Strukturen besaß, als die Kapitänswürde alle paar Monate zum nächsten Spieler wechselte. Karlsson war erst eine Saison bei der SG, hatte aber bereits eine höhere soziale Kompetenz bewiesen und war gerade Kapitän der schwedischen Nationalmannschaft geworden. Der damalige SG-Trainer Per Carlén fragte ihn, ob er sich diese Aufgabe auch in einem Clubteam vorstellen könne. Ein Vorschlag, der bei einer Umfrage unter den Spielern viel Sympathie erntete. "Tobbe ist sehr demokratisch und ein Typ, der jedes Problem angeht und nicht wegschiebt", hieß es. Fortan fungierte er als "Sprachrohr" der Mannschaft, besprach Probleme mit den betroffenen Handballern und trat dem einen oder anderen, der sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, auf die Füße.

Vom Rückraum-Shooter zum Abwehrchef

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Ein Bild, das heute Seltenheitswert hat: Karlsson im Jahr 2010 - wurfgewaltig vor dem Tor.

Praktisch in Personalunion war Karlsson der Abwehrchef, ragte stets im Mittelblock einer 6:0-Abwehr hervor. In der Handball-Szene wird jungen, aufstrebenden Spielern geraten: "Wenn du nach Flensburg gehst, dann wirst du an der Seite von Karlsson ein richtig guter Abwehrspieler." Der geborene Defensivkünstler war die Ikone allerdings nicht. Einst hatte er als Rückraum-Shooter vor dem gegnerischen Gehäuse für Schrecken gesorgt - bis ihn eine schwere Schulter-Blessur stoppte. In Flensburg gab es zwar Bemühungen, ihn zum Kreisläufer umzuschulen, doch letztendlich waren sich alle einig: Karlsson sollte sich ganz auf die Abwehrarbeit konzentrieren. Seitdem sind Tore von ihm in etwa so häufig wie Titel: einmal pro Jahr. Champions League, deutscher Meister und Olympia-Silber - einige stolze Lorbeeren schmücken seine Karriere.

2016, nach den Olympischen Spielen von Rio, trat Karlsson aus dem schwedischen Drei-Kronen-Team zurück. Kurz danach verlängerte er in Flensburg bis 2019. "Wenn ich bei der SG aufhöre, dann auch mit dem Handball", sagte er damals schon. In wenigen Monaten wird dieser Zeitpunkt kommen. Noch ist es kaum vorstellbar, dass dann der Sport nicht mehr die Priorität in seinem Leben genießt. "Mein Interesse an Handball ist nicht verschwunden, aber ab Sommer werde ich erst einmal etwas anderes machen", sagt Tobias Karlsson und ergänzt mit einem Schmunzeln. "Mal sehen, wie es nach einem halben Jahr aussieht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 12.02.2019 | 22:40 Uhr

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