Flensburgs Franz Semper (2.v.l.) stellen sich die Kieler Domagoj Duvnjak (2.v.r.) und Patrick Wienczek in den Weg. © imago images/Horstmüller Foto: Schröder

Handball-Saisonauftakt: Das große Zittern

Stand: 30.09.2020 09:49 Uhr

Wenn am Donnerstag die Handball-Bundesliga in die neue Saison startet, spielt die Angst von Beginn an mit. Die Angst vor einem weiteren Lockdown und vor dem finanziellen Kollaps.

Fraglich ist vor dem ersten Spieltag nicht zuletzt, ob der Ligaverband HBL am Ende überhaupt einen Meister küren kann. "Ein oder zwei Spielverlegungen könnten wir irgendwie kompensieren. Wenn es zu größeren Ausfällen kommt, werden wir den Ligabetrieb, wie wir ihn eigentlich planen, möglicherweise nicht durchführen können", sagte Ligachef Frank Bohmann. Sollte der Spielbetrieb in der Hinrunde abgebrochen werden, würde die Saison annulliert.

Schon wenn bedingt durch Corona-Fälle nur Spiele verlegt werden müssen, gibt es kaum Spielraum. Es droht ein Terminchaos. "Das könnte uns blühen", weiß auch Bohmann. In der Zweiten Liga musste beispielsweise der HSV Hamburg bereits in Quarantäne, der Saisonstart des früheren Meisters wurde verlegt.

Stark von Zuschauereinnahmen abhängig

"Ich glaube nicht, dass wir zu viel über sportliche Ziele reden sollten", sagte Maik Machulla dem NDR. Der Trainer und die SG Flensburg-Handewitt sind eigentlich die größten Jäger von Rekordmeister und Meisterschaftsfavorit THW Kiel. Doch in diesem Jahr ist alles anders. "Ich glaube, es geht einfach darum, den Handball an sich zu stabilisieren und weiterzuentwickeln."

VIDEO: Der Handball-Saisoncheck mit Dominik Klein (3 Min)

Der deutsche Profi-Handball ist wie viele andere Sportarten stark von Zuschauereinnahmen abhängig. Die durchschnittliche Hallenauslastung der Clubs liegt laut HBL bei 85 bis 90 Prozent. Aber mindestens bis Ende Oktober dürfen die Hallen maximal bis zu 20 Prozent gefüllt werden. Rechnet man für den ersten Spieltag die bestmögliche Auslastung aller Hallen zusammen, kommt man auf knapp 12.000 Zuschauer - allein Titelverteidiger THW Kiel könnte unter normalen Umständen bei einem ausverkauften Haus knapp 10.000 Fans begrüßen.

Gislason befürchtet "Rückfall in die 70er-Jahre"

Auch Bundestrainer Alfred Gislason hat bereits Alarm geschlagen. Das erlaubte Zuschauerkontingent von 20 Prozent sei "viel zu wenig. Das kann nicht die ganze Saison so gehen. Handball, Basketball, Eishockey - die werden das in Europa dauerhaft zumindest in der jetzigen Form nicht überleben. Das wird ein Rückfall in die 70er-Jahre", sagte der langjährige Coach des THW der Funke Mediengruppe.

"Alle, alle, alle Clubs sind akut bedroht. Ein halbes Jahr wurden nur Ausgaben erzeugt, aber keine Einnahmen. Das hält kein Club, auch kein Fußballclub, auf Dauer aus." HBL-Chef Frank Bohmann

Gehaltskürzungen zwischen 20 und über 50 Prozent

Eigentlich bräuchten die Clubs möglichst schnell weitere Lockerungen - doch die scheinen angesichts rasant ansteigender Corona-Fallzahlen zunächst in weiter Ferne. "Man muss sich den neuen Gegebenheiten entsprechend verhalten. Es ist ganz logisch: Wenn die Einnahmen teilweise sinken, müssen auch die Ausgaben mit sinken. Und das wird kurzfristig sicher nur über die Personalkosten gehen", sagte THW-Geschäftsführer Viktor Szilágyi dem NDR.

In Kiel tragen die Zuschauereinnahmen normalerweise 40 Prozent zum Gesamtetat bei. Bei den "Zebras" hat es deshalb wie in der ganzen Liga deutliche Gehaltskürzungen gegeben. Die Profis müssen bis auf Weiteres auf 20 bis zu über 50 Prozent verzichten.

Aufatmen bei den "Recken" in Hannover

Die "Recken" konnten immerhin rechtzeitig vor dem Start der 55. Spielzeit zumindest ihren Hallenstreit beilegen. So kann die TSV Hannover-Burgdorf ihre Heimspiele immerhin vor 2.000 und nicht bloß vor 830 Fans in der Ausweichhalle austragen. Der Sportliche Leiter Sven-Sören Christophersen geht die Saison deshalb auch optimistischer als so mancher Kontrahent an.

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"Lange Zeit sah es nach deutlich weniger Zuschauern aus - oder gar Geisterspielen. Da sind wir froh, dass wir jetzt mit Zuschauern starten können", erklärte der Ex-Profi. "Es ist wichtig, dass wir jetzt Vertrauen für die Zuschauer schaffen, aber auch für die Gesundheitsämter und die Politik, um dann nachhaltig entsprechend mehr Zuschauer in die Hallen lassen zu können."

Besonders schwieriges Jahr für Nordhorn-Lingen

Natürlich geht es trotz allem auch um sportliche Ziele. Der THW startet mit seinem Stareinkauf Sander Sagosen als klarer Favorit ins Rennen. Der Erfolg im Super Cup war ein erster Fingerzeig. Neben Flensburg erwartet Bundestrainer Gislason auch die Füchse Berlin, die Rhein-Neckar Löwen, den SC Magdeburg und die MT Melsungen vorne mit dabei.

Die "Recken", die die abgebrochene Saison auf Rang vier beendeten, werden kleinere Brötchen backen müssen. Nicht nur wegen des Abgangs vom Handballer des Jahres Timo Kastening, der künftig für Melsungen auf Torejagd geht. In Anbetracht der großen Herausforderungen hat die TSV bereits vorsorglich auf ihr Startrecht im Europapokal verzichtet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 01.10.2020 | 23:03 Uhr

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