Stand: 23.12.2019 10:15 Uhr

Patrick Wiencek: Sanfter Riese und Mann fürs Grobe

von Andreas Bellinger, NDR.de

Das Filigrane ist seine Sache eher nicht. Er ist der Mann fürs Grobe, der Chef im Zentrum der Abwehr - in der Nationalmannschaft wie beim THW Kiel, mit dem er schon dreimal deutscher Handball-Meister geworden ist. Zuletzt 2015. "Ist lange her", sagt Patrick Wiencek und redet im Sportclub des NDR nicht lange drumherum, wenn es um die Ziele für diese Saison geht. Natürlich soll es wieder der Titel sein. Auch wenn die Ansprüche bisweilen größer sind als die Taten. Wie bei der jüngsten 20:27-Heimpleite gegen Wetzlar, die der 30-Jährige nüchtern so beschreibt: "Wir wollten gewinnen und die Tabellenführung ausbauen. Das haben wir nicht geschafft." Kiel ist zwar noch oben, aber punktgleich mit den "Recken" von Hannover-Burgdorf, gegen die es gleich nach der EM am 1. Februar zum Gipfeltreffen kommt.

Gute Seele der Mannschaft

Mit Wiencek, dem Bollwerk am Kreis, das mit seinen wuchtigen 2,00 Metern Körpergröße manchen Angreifer das Fürchten lehrt. Dabei ist der Hüne eigentlich ein friedvoller, ruhiger Typ. Einer, den Teamkollege Rune Dahmke sogar als "gute Seele der Mannschaft" charakterisiert. Aber wehe, wenn es um Tore, Titel und Punkte geht. "Dann erschrecke ich mich manchmal selber, wenn ich abends die Bilder von unserem Spiel noch mal im Fernsehen sehe", sagt der Handballer des Jahres 2018. Auf dem Platz kennt das Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet, das meist so um die 110 bis 115 Kilo auf die Waage bringt, kein Pardon.

Wiencek packt zu

Kreisläufer müssen nun mal robust sein, zupacken, sich nichts gefallen lassen, wenn die Angreifer kommen. "Manchmal sieht es noch wild aus", sagt Wiencek fast ein bisschen kleinlaut. "Aber es ist schon besser geworden, ziemlich kontrolliert." Er geht dorthin, wo es weh tut, klammert schon mal, kämpft und arbeitet Handball. Alles fürs Team, Ruhepausen kennt er kaum, auch nicht, wenn Angriff angesagt ist. Dann arbeitet er am gegnerischen Kreis, schafft Räume und macht auch selbst Tore - nicht selten sehenswerte.

Träumen ist erlaubt

EM-Kader
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Klar, dass Wiencek eine Stütze des Nationalteams ist, mit dem er bei Olympia in Rio 2016 die Bronzemedaille gewann. Den EM-Triumph in Polen ein paar Monate vorher hatte er wegen einer schweren Knieverletzung verpasst. Das soll jetzt anders werden. Bei der EM in Österreich, Schweden und Norwegen (9. bis 26. Januar) zählt er zu den Stammkräften von Bundestrainer Christian Prokop. So weit wie Kollege Andreas Wolf mag er die Erwartungen nicht in die Höhe treiben. Von Gold traut er sich höchstens zu träumen, auch wenn es "natürlich schön wäre".

Manchmal kommt "Bamm-Bamm" mit der Keule

Es scheint, als schlügen zwei Herzen in seiner Brust. Das eine gehört dem emphatischen Familienvater, der sich um alles kümmern möchte; vorzugsweise um seine Mit-, aber auch Gegenspieler. "Papa" nennen sie ihn deshalb in der Nationalmannschaft. Wohl auch, weil er vor der Kamera kontrolliert, freundlich und bescheiden rüberkommt, ein sanfter Riese. Das andere aber ist hart und unerbittlich. Es lässt ihn schon mal aus der Haut fahren, protestieren und gefährlich dreinschauen. Dann schubst er, zerrt am Trikot, schiebt - und manchmal übertreibt er es auch. "Bamm-Bamm" ist sein Spitzname - in Anlehnung an den außergewöhnlich kräftigen, Keule schwingenden Adoptivsohn von Barney und Betty Geröllheimer aus der Zeichentrickserie "Familie Feuerstein".

Eine Sauna in Heimarbeit

Rune Dahmke und Patrick Wiencek vom THW Kiel (v.l.) © imago images / Beautiful Sports
Patrick Wiencek (r.) wird nicht nur zu Hause "Papa" genannt.

Beim Turnverein Hassee-Winterbek hat der am 22. März 1989 in Duisburg geborene Wiencek sein Glück gefunden, sich enorm entwickelt und Titel am Fließband geholt: jeweils dreimal deutscher Meister (2013/14/15) und Pokalsieger (2013/17/19) sowie Sieger im nationalen Supercup (2012 und 2014) und EHF-Pokal (2019). Der Hunger auf Triumphe ist groß wie eh und je. Die Familie soll trotzdem nicht zu kurz kommen. Eine Sauna hat der gelernte Anlagentechniker jüngst gebaut. Nicht das erste und sicher nicht das letzte Projekt im Häuschen der Familie Wiencek, wo "Papa" mitunter auch fürs Filigrane zuständig ist.

Weitere Informationen
Handball im Tornetz © picture-alliance / Sven Simon Foto: FrankHoermann/Sven Simon

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 22.12.2019 | 23:05 Uhr

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